Die Anruferin
Die Anruferin(tsch) In der ersten Szene liegen Puzzleteile herum. Plastischer hätte der junge Regisseur Felix Randau es nicht ausdrücken können. Sein zweiter Spielfilm "Die Anruferin" skizziert ein Psychogramm, legt achtsam alle Elemente, die eine einsame junge Frau ausmachen, nebeneinander. Ganz langsam zeigt er ihre Bürde, ihre Traurigkeit und die Gründe dafür. Er vergisst nicht ihre Kraft und ihren Willen. Und wenn der Zuschauer begreift, beginnt Randau die Weichen zu stellen. Anzeige Etwas verwirrend gestaltet sich der Anfang mit vielen Szenenwechseln. Doch nach einiger Zeit des Beobachtens wird klar, wie die Dinge zusammenhängen. Irm Krischka (Valerie Koch) pflegt ihre alkoholkranke, bettlägrige Mutter (Franziska Ponitz) wider jede Vernunft. Wenn sie von ihrem Job in der Schnellreinigung nach Hause kommt, kümmert sie sich um Windeln, stellt neue Blumen ins Wasser und setzt sich in die Küche, um zu telefonieren. Aus dem Leben, zu dem sie sich verpflichtet fühlt, gibt es kein Entkommen, nur einen kleinen Tunnel. Sie gibt sich als kleines Mädchen aus, ruft fremde Frauen an und buhlt um deren Mitgefühl. Sie erfindet Geschichten, möchte welche erzählt bekommen. Als eine dieser Frauen, Sina Lehmann (Esther Schweins), in Irms Leben tritt, gerät die austarierte Lügengeschichte ins Schwanken. Doch Irm Krischka hat schon zu viele Unmöglichkeiten gestemmt, als dass sie sich von einer unbedarften Person durcheinanderbringen ließe. Überwiegend lässig baut sie weitere erfundene Geschichten zu gewagten Türmen auf. Und lächelt dazu. Kommt es hart auf hart, informiert sie den ungebetenen Gast in ihrem Leben forsch: "Meine Tochter, die ist tot. Leukämie, ging ganz schnell." Für Valerie Koch eine Rolle, die alles fordert und jeden Spielraum erlaubte. Ihre sensible Interpretation wirkt insgesamt angenehm unaufgeregt. Kein hysterisches Gewedel, kein erschrockenes Hinzeigen auf das Thema Schizophrenie. Vielmehr lässt Randau jene Frau Anfang 30 schlicht tun, was ihr Herz zum Überleben braucht. Sie holt sich Streicheleinheiten, am Telefon bei Fremden. Die Darsteller harmonieren, Esther Schweins in der Rolle der naiv-gutmütigen Kinderfreundin, Franziska Ponitz lässt einem als Todkranke das Blut in den Adern gefrieren. Dramaturgisch hat das Drama durchaus Schwächen, oft fügen sich Abfolgen nur mühsam zusammen, die Inszenierung ist nie zwingend, findet aber schöne Bilder, sehr viele schlüssige Metaphern. Alles passiert so leise wie der Schrei der Hauptfigur, so leise ist auch die Hoffnung, die Randau ihr zum Schluss geben will. Der ambitionierte Filmemacher will keine aufgebauschte Geschichte über große Krankheiten. Vielmehr soll der Zuschauer auf die täglichen kleinen ritualisierten Lügen aufmerksam gemacht werden. "Wer sich selbst nicht mal begegnet ist, der bleibt immer auf der Flucht", erklärt er. Für Drehbuchautorin Vera Kissel bedeutete das Skript den Wechsel vom Theater zum Film, ein langwieriger und intensiver Prozess, der sie bis zur Realisierung zehn Jahre kostete. Das fürs Kino ausgewertete Kleine Fernsehspiel fordert seine Hauptdarstellerin Valerie Koch und entspricht dem zähen Kampf der Irm Krischka. Ihr Leben ist eingeklemmt, nach langem Ringen und mit Hilfe einer Freundin wird sie sich mit sich selbst versöhnen und ihre fremden Identitäten aufgeben. Claudia Nitsche |
Credits: Laufzeit: 84 Min. Kinostart:20. März 2008 |
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