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Schmetterling und Taucherglocke

Schmetterling und Taucherglocke

(tsch) Nach dem unvergesslichen und hochgelobten Film "Das Meer in mir" beschäftigt sich nun auch Julian Schnabels Drama "Schmetterling und Taucherglocke" ohne jeden Betroffenheitskitsch mit einem Menschen, der durch einen Schicksalsschlag mit einer schweren Behinderung zurechtkommen muss. Dabei wird der Zuschauer zum Komplizen des durch das "Locked-In-Syndrom" in seinen Körper eingeschlossenen, körperlich fast vollständig gelähmten Jean-Dominique Bauby (grandios: Mathieu Amalric). Während er sich seiner Außenwelt im Film nur über Augenzwinkern mitteilen kann, hören wir seine Gedanken und teilen seine Sicht der Dinge.

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Dieses faszinierende Ausloten einer Existenz zwischen Leben und Tod zieht seine Glaubwürdigkeit daraus, dass Bauby nicht als fiktive Figur der Fantasie Schnabels entsprang, sondern real existierte und seine Erfahrungen, Wünsche und Träume in einem Buch niederschreiben ließ.

1995, mit 42 Jahren, erlitt der damalige Chefredakteur der französischen "Elle" einen massiven Schlaganfall, der seinen Hirnstamm schädigte. Als er nach zwei Wochen aus dem Koma erwachte, war er stumm und ganzheitlich gelähmt. Er konnte nur noch seinen Kopf ein wenig bewegen, hören und mit dem linken Auge blinzeln.

Zwinkernd diktierte er 28 Kapitel, Buchstabe für Buchstabe, nach einem speziellen Alphabet, das die Zeichen nach ihrer Häufigkeit in der französischen Sprache ordnete, und das ihm immer und immer wieder von geduldigen vertrauten Mitmenschen vorgelesen wurde. Baubys Gedanken zum Leben und seiner Situation sind scharfsinnig und schonungslos, ergreifend humorvoll und natürlich auch verzweifelt, aber ohne Selbstmitleid.

So stark sie im Buch als geschriebene und im Film im Innern des Protagonisten als ausgesprochene Worte auch wirken, Julian Schnabel reicht das nicht. Er schickt den Betrachter mit der subjektiven Kamera in der ersten halben Stunde schonungslos in den Körper des Versehrten hinein. Wir wachen mit dem Patienten aus dem Koma auf, hören die Erklärungen der Ärzte, verfolgen entsetzt, wie sich eine Nadel dem rechten Auge nähert, das zugenäht werden muss, und sehen die Welt ausschließlich nur noch so weit, wie sein linkes Auge blicken kann.

Die Bilder sind manchmal bewusst unscharf, matt und verwackelt. Münder, Hüften und Nacken der sich ihm nähernden Personen erscheinen in diesem Bildausschnitt riesig. Bauby ist den Menschen, die auf ihn einreden wie auch dem Fernsehprogramm, das für ihn eingeschaltet wird, ausgeliefert. Sein Protest bleibt zunächst ebenso ungehört wie seine bissigen Kommentare, Witze und erotischen Fantasien angesichts der hübschen Therapeutinnen, die sich voller Hingabe um ihn kümmern und das Alphabet mit ihm erarbeiten wollen. Bauby vergleicht diesen Zustand mit dem Gefühl, in einer Taucherglocke gefangen zu sein. Das einzig Freie bleibt sein Geist, der immer wacher wird und wie ein Schmetterling zwischen Erinnerungen, Gelerntem und Gelesenem sowie fantastischen Tagträumen herumflattert.

"Taucherglocke und Schmetterling" beschäftigt sich mit dem Elementarsten, dem Leben selbst. Man erfährt hautnah und sinnlich, wie ein Mensch durch etwas, das Außenstehende als das größte Unglück bezeichnen würden, zu seinem wahren Ich findet. Wie der New Yorker Künstler Julian Schnabel ("Before Night Falls") dies filmisch und ästhetisch umsetzt, verdient nur ein Wort: Meisterwerk. Schnabel, der selbst erlebte, dass er seinem Vater, der unter großer Todesangst litt, keinen Trost spenden konnte, sieht seinen Film als "ein Werkzeug zur Selbsthilfe, um zu lernen, mit dem eigenen Tod umzugehen". 1997 - kurz nach dem Erscheinen seines Buchs, das ein international ein Bestseller wurde - starb Jean-Dominique Bauby.

"Schmetterling und Taucherglocke" erhielt als bester ausländischer Film und für die beste Regie den Golden Globe im Januar 2008. Hinzu kamen vier Oscar-Nominierungen.

Diemuth Schmidt

Credits:
V:Prokino, F / USA 2007, R: Julian Schnabel, D: Emmanuelle Seigner, Mathieu Amalric, Max von Sydow u.a.

Laufzeit: 112 Min.

Kinostart:
27. März 2008


1997 erschien in Frankreich das Buch "Schmetterling und Taucherglocke" von Jean-Dominique Bauby.
1997 erschien in Frankreich das Buch "Schmetterling und Taucherglocke" von Jean-Dominique Bauby. (2008 Prokino Filmverleih GmbH)

Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric, rechts) hilft seinem Vater Papinou (Max von Sydow) bei der Rasur.
Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric, rechts) hilft seinem Vater Papinou (Max von Sydow) bei der Rasur. (2008 Prokino Filmverleih GmbH)

Ein schlimmer Schlaganfall verändert das Leben von Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric) vollkommen.
Ein schlimmer Schlaganfall verändert das Leben von Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric) vollkommen. (2008 Prokino Filmverleih GmbH)

Datum: 26.03.2008

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