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Half Nelson

Half Nelson

(tsch) Amerikanische Lehrerdramen tun sich schwer beim deutschen Kinopublikum. Ambitionierte Erziehungsstreifen wie "Coach Carter" mit dem harten Basketballtrainer Samuel L. Jackson oder "Freedom Writers" mit einer idealistischen Hilary Swank als Lehrerin floppten an den Kinokassen kläglich. Nun kommt eine Perle des Independent-Films mit großer Verspätung in die deutschen Kinos, die auf unprätentiöse und ungeschönte Weise die Pole umkehrt: Diesmal steckt der hellhäutige Lehrer im Schlamassel und seine afroamerikanischen Schüler sind diejenigen, die ihm aus der Patsche helfen müssen.

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Ryan Flecks Drogen-Drama (2006) wird für die deutschen Zuschauer eine schwer zu knackende Nuss bleiben. Die Verständnisschwierigkeiten beginnen schon beim Filmtitel: "Half Nelson" ist ein Klammergriff beim Ringkampf und bedeutet so viel wie in einer Position festzustecken und sich nicht mehr rühren zu können. Übertragen auf das kläglich triste Leben des Sport- und Geschichtslehrers Dan Dunne scheint keine Bezeichnung besser zuzutreffen: Mit Ende 20 ist der hagere Kleinverdiener ein seelisches Wrack, unfähig eine Beziehung zu führen oder überhaupt erst aufzubauen. Er ist drogenabhängig, schnupft Kokain und raucht Crack.

Der Kollaps scheint vorprogrammiert, und doch hält er sich wacker und erscheint jeden Tag pünktlich zum Unterricht, um seinen Schülern Geschichte auf Grundlage seiner ganz eigenen Theorie beizubringen: dass es immer nur um gegeneinander strebende Kräfte ging, die etwas Neues erschaffen.

Auch in Deutschland mag es drogensüchtige Lehrer geben, und doch wirkt Dunnes Schicksal in unseren Sphären irreal. Das Gesehene scheint ganz weit weg zu sein: Die Tristesse der amerikanischen Großstadt, die alltägliche Drogenschieberei, in die Kinder verwickelt werden, als wäre es so normal wie eine Bastelstunde, die Bruchbude von Wohnung, in der Dunne haust, ohne die Lebensenergie tanken zu können, die er bräuchte, um sich selbst zu ändern. Seine Philosophie lautet, dass sich alles ändert, mit jedem Atemzug, doch kann der Mensch nicht alles, was sich ändert, kontrollieren. Er selbst ändert sich nicht, auch nicht, als er ertappt wird.

Seine Schülerin Drey bemerkt ihn nach einem Basketballturnier allein auf der Mädchentoilette, als er gerade tiefe Züge aus einer Crackpfeife genommen hat. Halb besinnungslos, Augen in erschrocken-gedemütigter Verzweiflung aufgerissen und leer, versucht er noch sich zu verstecken, um dann jedoch vor ihren Augen zusammenzubrechen und langgestreckt auf dem Betonfußboden auf die Rückkehr seines Bewusstseins zu warten. Drey aber hält dicht, verrät den beliebten Lehrer nicht, der es für sinnlos hält, sich nach Lehrplänen über die Bürgerrechtsbewegung zu richten, wenn er mit seinen aus dem Leben gegriffenen Erklärungen und Demonstrationen, zu denen auch Armdrücken mit Schülern gehört, viel größeren Lernerfolg zu verzeichnen glaubt.

Seine Hingabe zu den Schülern, die das Einzige zu sein scheinen, was Dunne am Leben erhält, zeigt sich aber schließlich während eines Basketballwettbewerbs, als er vor Wut über ungerechte Urteile des Schiedsrichters gegen seine jungen Spielerinnen selbst zum Ball greift und den Unparteiischen bewirft.

Dunne ist bemitleidenswert, weil er keinen Ausweg aus seiner Drogensucht sieht. Immer, wenn er enttäuscht wird - so als seine Ex-Freundin aus der abgebrochenen Entzugstherapie ihm eröffnet, sie werde heiraten, oder beim Besuch seiner Eltern und des verliebten Bruders, dessen Glück ihn besonders trifft - oder selbst in Momenten eigenen Glücks, wenn ihm eine Lehrerkollegin ihre Zuneigung bekundet und sie gemeinsam die Nacht verbringen, flüchtet er sich in den Drogenrausch. Er will seine Gefühle, die er kaum noch als bare Münze nehmen kann, betäuben. Wenn seine Ex-Freundin, die den Entzug bewältigte, ihn als großes Baby beschreibt, antwortet er: "Ich bin ein großes Arschloch-Baby": Masochistische Selbstkasteiung oder Angst, dem Leben nicht standhalten zu können?

Ausnahmeschauspieler Ryan Gosling spielt Dan Dunne mit gewohnt introvertiertem Einschlag, aber immer auch mit dem sympathischen Glimmen des Jünglings, der trotz seiner inneren Zerrissenheit so viel Charme versprüht, dass Kinder und Frauen ihn mögen, und auch die bösesten Männer ihm nichts zuleide tun können. Das gelang ihm bereits in der Romanze "Wie ein einziger Tag" und besser noch in "Lars and the Real Girl" als sexuell gehemmter Büroangestellter, der eine Beziehung zu einer Liebespuppe aufbaut.

Man würde es dem Gosling-Dunne gönnen, endlich seinen Seelenfrieden zu finden und von den gefährlichen Rauschmitteln Abstand zu gewinnen. Doch selbst Drey, die Pennälerin, eindrucksvoll gespielt von der damals 17-jährigen Newcomerin Shareeka Eps, vermag ihn nicht davon zu befreien. Trotz dichtester Geistesvernebelung behält der Lehrer aber das im Auge, was in seinem Sinne am wichtigsten ist: das Wohl der Schüler. Und da wird der Film selbst zum "Half Nelson" für den Zuschauer: So irreal die Szenerie, so real packt einen die ehrliche Botschaft von Drehbuchautor und Regisseur Ryan Fleck, dass man sich trotz aller Widrigkeiten manchmal gar nicht ändern muss, um ein guter Mensch zu sein.

Leif Kramp

Credits:
V:Arsenal, USA 2006, R: Ryan Fleck, D: Ryan Gosling, Anthony Mackie, Shareeka Epps u.a.

Laufzeit: 107 Min.

Kinostart:
27. März 2008


Ein Lehrer versucht, sein Drogenproblem in den Griff zu bekommen.
Ein Lehrer versucht, sein Drogenproblem in den Griff zu bekommen. (Arsenal Filmverleih)

Der Geschichtslehrer Dan Dunne (Ryan Gosling) kommt bei seinen Schülern gut an.
Der Geschichtslehrer Dan Dunne (Ryan Gosling) kommt bei seinen Schülern gut an. (Arsenal Filmverleih)

Zwischen Dan (Ryan Gosling) und der Schülerin Drey (Shareeka Epps) entsteht eine ganz besondere Freundschaft.
Zwischen Dan (Ryan Gosling) und der Schülerin Drey (Shareeka Epps) entsteht eine ganz besondere Freundschaft. (Arsenal Filmverleih)

Datum: 26.03.2008

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Diskussion: "Half Nelson"

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