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Alive And KickingBand Simple Minds (tsch) Simple-Minds-Fans hatten in den vergangenen Jahren wenig Grund zur Freude: Da war von fehlendem Enthusiasmus zu lesen, von einem verschwundenen Album und dem endgültigen Abschied der schottischen Kult-Rocker. Fast wäre es auch soweit gekommen. Doch in seiner Wahlheimat Sizilien fand Sänger und Bandboss Jim Kerr wieder zurück zur Musik. Mit verblüffenden Resultaten, wie das Comeback-Album "Black & White 050505" zeigt. Anzeige teleschau: Gerade fand das zweite globale Benefizkonzert unter dem Titel "Live 8" statt. Warum waren die Simple Minds nicht dabei? Jim Kerr: Man hat uns nicht gefragt. Aber das ist nicht so wichtig. Ich glaube nach wie vor an die Kraft solcher Konzerte. Ich glaube daran, dass Kräfte frei werden, um dann die Politker mit den notwendigen Fragen zu konfrontieren. teleschau: Ihr wart in den 80er-Jahren eine Band mit politischem Anspruch und sozialem Gewissen. Aus Deiner Erfahrung heraus: Kann Musik wirklich die Welt verändern? Kerr: Ehrlich gesagt: Ich bin heute nicht so idealistisch wie damals, als ich anfing Musik zu machen. Ich war jung und voller Enthusiasmus, weil ich der festen Überzeugung war, Popmusik könne die Welt verändern. Heute denke ich, sie kann zumindest mithelfen. Sie kann ein Katalysator sein. Sie kann Türen öffnen. Eines der wirklich verblüffenden Resultate in diesem Zusammenhang ist sicher die Befreiung von Nelson Mandela. Menschen haben dafür ihr Leben gelassen. Und am Ende waren es die Pop-Musik und die weltweite Solidarität, die den letzten Ausschlag gaben, diesen Mann aus dem Gefängnis zu befreien. Pop-Musik kann manchmal helfen. Vor allem kann sie jungen Menschen zeigen, dass ihre Stimme Gewicht hat. Politiker sollten eigentlich die Verpflichtung besitzen, ihren Wählern zuzuhören. Aber da habe ich so meine Zweifel. teleschau: In den 80er-Jahren herrschte großes politisches Interesse und eine gewisse soziale Verantwortung, ein Aufbegehren, eine Aufbruchstimmung. Ist die heutige Jugend im Vergleich zu unkritisch, zu desinteressiert? Kerr: Eine treffende Frage. Warum ergreifen die Jungendlichen heute keine Partei für etwas, warum sind sie so teilnahmslos? Ich habe selbst zwei Kinder, eine Tochter (Jasmin, 20) und einen Sohn (James, zwölf Jahre alt, d. Red.). Ich habe durch sie gelernt, dass verschiedene Charaktere, trotz gleicher Erziehung, trotz gleichem Wertesystems sich völlig verschieden entwickeln können. Aber bleiben wir bei Popmusik und Jugend: Heute geht es mehr um Klamotten, Style, Choreographie, Statussymbole. Wir legten damals mehr Wert darauf, uns selbst zu definieren. Boy George hat sich selbst erfunden, Siouxsie & The Banshees auch, The Cure, The Smiths, U2. Uns ging es nicht um Ruhm, Karriere, Berühmtsein. Im Vergleich zu heutiger Musik und ihrer Intention war die Zeit damals tausendmal spannender. teleschau: Zu Eurem Album: "Black & White 050505" ist eine Rückkehr zu den großen, dramatischen Sounds der 80er-Jahre. Kerr: Genau. Wir wollten ein klassisches Simple-Minds-Album einspielen - das ist natürlich einfacher gesagt als getan. Denn "klassisch" kann bedeuten, dass es alt klingt, und wir sollten nicht versuchen, die Zeit zurückzudrehen. Zweitens läufst du damit Gefahr, zur eigenen Parodie zu verkommen. Aber wir wollten große, emotionale Popsongs. Dafür sind wir bekannt: große Melodien, große Hooks, cineastische Atmosphären. teleschau: Wie seid Ihr das angegangen? Kerr: Der einzige Weg für uns lag darin, live zu spielen. Bei den letzten Alben waren wir so gut wie nie gemeinsam im Studio. Der Schlagzeuger nahm seine Parts in London auf, der Gitarrist in Glasgow, ich in Italien, am Ende wurde alles irgendwo zusammengebastelt. Diesmal waren wir alle gemeinsam im Studio, haben wie früher lange zusammen geprobt und wie eine Band gespielt. In diesem Sinne ist es eine Old-Style-Platte. teleschau: Im Internet war von Titeln wie "Scorpio", "Light Travels", "Immigrants" und "God Save Us From Our Gouvernment" zu lesen. Existieren die - haben es aber nicht aufs Album geschafft? Kerr: Diese Stücke existieren tatsächlich. Es wäre vermessen zu sagen, wir hätten 30 Songs für dieses Album gehabt, aber zumindest 30 Ideen. Einige haben sich zu tollen Stücken entwickelt. Wir haben etwa 15 Songs daraus erarbeitet und einige haben es dann eben nicht geschafft. Wir wollten lieber weniger Songs auf der Platte, die alle knallen - kein Füllstoff. Ein Album, das stimmig ist und passt, Songs, die wirklich gut sind. teleschau: Songs wie "Different World" oder "Underneath The Ice" implizieren noch immer die beiden großen Themenkomplexe: soziales Engagement und Songs über unerfüllte Liebe. Kerr: Für mich funktionieren gute Songs immer auf mehreren Ebenen, selbst wenn sie vordergründig ein Thema behandeln. "Underneath The Ice" ist ein Stück über eine Beziehung, in der unser Protagonist nicht ausdrücken kann, was er fühlt. Er erkennt genau, was er fühlt, sieht, was er tun sollte, aber da ist diese Schicht dazwischen, wie Eis. "Different World" dreht sich um die zum Teil dramatischen Veränderungen auf unserem Planeten, hat aber auch eine zweite Ebene, nämlich meine Wahlheimat Sizilien, die meine zweite große Liebe geworden ist. Ich bin von der Schönheit dort wirklich berührt. Es wäre auch schwer, nicht berührt zu sein, wenn man Augen im Kopf hat. Ich genieße die Aussicht und die Ruhe. Ich wandere viel. Und diese Ruhe hat mir geholfen meine Balance zu finden - und meine Motivation zur Musik. teleschau: Du besitzt ein Hotel in Taormina. Hat sich das mittlerweile zu einer Rock'n'Roll-Herberge für Rock-Stars entwickelt? Kerr: Nein, gar nicht. Einige mag das enttäuschen. Unsere "Villa Angela" ist kein hippes Rock'n'Roll-Hotel, es ist ein altes, italienisches Landhaus mit mediterranem Flair. Bei uns geht es gemütlich zu. Es ist einfach schön bei uns. teleschau: Hättest Du als Besitzer eigentlich damals die Simple Minds in dein Hotel gelassen? Kerr: (lacht schallend) Hängt davon ab, in welcher Phase! Am Anfang sicherlich nicht! No way! Aber zehn Jahr später hätte ich mit uns kein Problem gehabt. teleschau: Von den Simple Minds von damals bis heute gab's eine Menge Personalwechsel. Geblieben ist die Freundschaft zwischen Dir und Charlie Burchill. Was macht die Chemie - auch als Songwriter - zwischen Euch aus? Kerr: Ich denke, dass es zwischen uns so gut klappt, liegt daran, dass wir die gleiche Anzahl an Stärken und Schwächen haben. Und was die Stärke des Einen, ist die Schwäche des Anderen. Wir ergänzen uns perfekt. Außerdem stehen wir uns sehr nah, sind aber total verschieden. Wir wissen, dass wir uns gegenseitig Raum lassen müssen. Obwohl wir so lange zusammen sind, gab es bei uns nie Zoff - wie zwischen Lennon und McCartney oder Simon und Garfunkel. Wir sind Kumpels. Wir kennen uns, seit wir acht Jahre alt sind. Das ist eine Basis, die eine Tiefe besitzt, die nie kaputt gehen wird. teleschau: Kritiker meinen, die alten Herren kehren wieder zurück - Duran Duran, New Order, keine dieser Bands brauche die Musikwelt wirklich. Also: Warum brauchen wir die Simple Minds? Kerr: Was soll ich dazu sagen? Mit Kritikern lebst du dein ganzes Leben als Künstler. Dabei sind wir selbst unsere schärfsten Kritiker. Es gab sogar Zeitabschnitte, da habe ich selber gesagt: nie wieder Simple Minds. Aber eigentlich geht es nur um das Gefühl. Wenn du es im Herzen spürst, solltest du weiter machen. Musik ist unser Leben. Ein Kritiker von damals dagegen schreibt vielleicht inzwischen für ein Sportmagazin oder eine Gartenzeitschrift. Aber wir sind immer noch hier - gut oder schlecht, kritisiert oder nicht, altmodisch oder hip. Stefan Woldach |
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