(tsch) Ab einem gewissen Alter sollte man das Recht haben, sich als Tochter das Leben selbst zu versauen, selbst wenn man Chinesin ist. Der Regisseur Wayne Wang hat einen Film über Sprache gemacht, Sprache, die helfen kann, Gefühle auszudrücken. Und über Freiheit. Die Freiheit, sich scheiden zu lassen, die Freiheit, einsam zu sein. Herausgekommen ist großes kleines Kino, das die Langsamkeit neu entdeckt.
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Wayne Wang schuf Mitte der Neunziger die beiden stillen Meisterwerke "Smoke" und "Blue In The Face". Der aus Hongkong stammende und in den USA lebende Filmemacher verknüpft wie schon so oft auch in "Mr. Shi und die Zikaden" Kunst und Inhalt auf subtile Weise. Wie sein Kollege Wong Kar-Wai erhebt er das Alltägliche zum Besonderen.
Bereits am Flughafen, wo Mr. Shi (Henry O) ankommt, sind die Menschen mit Bedacht aufgestellt. Mr. Shi besucht seine Tochter in Amerika, will sie nach ihrer Scheidung unterstützen. Er hat sie Jahre nicht gesehen, er bleibt auf unbestimmte Zeit. Yilan (Faye Yu) wird blass ob dieser Mitteilung, schließlich ist sie nicht von ungefähr nach Amerika geflüchtet. Der Papa schleicht fortan durch das Leben seiner erwachsenen Tochter, kocht viel zu viel, staunt über dieses freundliche Land, wie er findet.
Yilan hingegen ergeht sich in der typischen Ausrede, sie habe keine Zeit, weicht aus. Doch ihr langsam, aber ausdauernd durch die Gegend tippelnder Vater lässt sich nicht abschütteln. Seine Versuche der Kommunikation scheitern, obwohl er eine ungewöhnliche Offenheit an den Tag legt und auch direkt fragt: "Bist du unglücklich?"
Ab und zu kommt Mr. Shi nicht umhin, sich mit sich selbst zu beschäftigen, in den Park zu gehen, seine Tochter ziehen zu lassen. Er lernt eine ältere Frau kennen, die wie er der Sprache nicht mächtig ist. Sie reden, auf eine bezaubernd sinnlose Art und Weise.
Immer wieder vermag es Wang den Zuschauer zu rühren. Wie in Echtzeit fließt seine Vater-Tochter-Geschichte dahin. Er entwickelt die Stille, die das Publikum durch David Lynchs "Straight Story" oder mit Sofia Coppolas "Lost In Translation" schätzen lernte, weiter. Obwohl der Eindruck vermittelt wird, dass vorwiegend geschwiegen wird, stehen die vielen Worte des Alltags, die nichts sagen, neben den wenigen richtigen, die oft fehlen.
Der Film basiert auf der Kurzgeschichte "A Thousand Years Of Good Prayers", die Wayne Wang modifizierte. Warum er aus der Affäre Yilans mit einem verheirateten Mann, der ursprünglich Rumäne war, einen Russen macht, ist eigentlich nicht klar, mag mancher politisch deuten.
Doch viel wichtiger ist die emotionale Ebene. So erklärt die emanzipierte Frau ihrem greisen Vater: "Wenn man in einer Sprache aufgewachsen ist, in der man nie gelernt hat, seine Gefühle auszudrücken, ist es einfacher, in einer neuen Sprache zu sprechen. Man wird zu einer anderen Person."
Dennoch spiegelt der Besuch aus der Vergangenheit ihre Einsamkeit wider. Schlichte vielsagende Bilder findet der Filmemacher für diese Wahrnehmungen. Das bisschen Hoffnung, das Yilan auf Glück hat, zerschellt immer wieder, sogar im wahrsten Sinne des Wortes, wenn das Klingeln des Telefons nicht die erwartete Stimme ans Ohr bringt.
Es ist insbesondere die Hingabe von Henry O, die "Mr. Shi" so nahbar macht. Mit wenigen Worten und Gesten beschreibt er seinen Charakter, das Verhältnis zu seinem Kind und das zu der ganzen Familie. Denn die in San Sebastian ausgezeichnete Tragikomödie fließt nicht einfach. Sie steuert tatsächlich auf einen harten Kern zu. Nein, so schön wie Wayne Wang fängt kaum einer Scheitern und Glück ein.
Claudia Nitsche
Credits: V:Pandora, USA 2007, R: Wayne Wang, D: Faye Yu, Henry O, Vida Ghahremani u.a.
Laufzeit: 83 Min.
Kinostart: 10. März 2008
Zwei Kulturen treffen aufeinander: Ein chinesischer Vater besucht seine Tochter, die in einem fremden Land lebt. (Pandora Film)
Im Park erzählt Mr. Shi (Henry O) einer Dame (Vida Ghahremani), dass er kein guter Vater ist. (Pandora Film)
Hilflos muss Mr. Shi (Henry O) mit ansehen, dass seine Tochter Yilan (Faye Yu) sehr unglücklich ist. (Pandora Film)
Datum: 10.04.2008
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Diskussion: "Mr. Shi und der Gesang der Zikaden" lesen
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