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Matthias Schweighöfer

"Ich musste mir die Arroganz antrainieren"

Schauspieler Matthias Schweighöfer

(tsch) Er ist des deutschen Kinopublikums liebster Jung, wird für seine Sanftheit ebenso wie für seine rebellische Ausstrahlung gelobt, schlug reihenweise profitable Rollenangebote aus, weil sie ihm zu profan erschienen, und setzt nun zum großen Sprung nach Hollywood an: als Schauspieler und Produzent. Matthias Schweighöfer ist mit seinen 27 Jahren ein Überflieger par excellence, und nun sitzt er sogar selbst am Steuerknüppel eines Flugzeugs, obwohl er doch eigentlich Flugangst hat. Schweighöfer drehte als "Roter Baron" Manfred von Richthofen seinen ersten Film in englischer Sprache. Als tragischer Kriegsheld warf er sich in Schale und fliegt direkt in die Herzen eines internationalen Publikums. Der Film wurde sicherheitshalber gleich vollständig in Englisch gedreht. Im Interview spricht Matthias Schweighöfer über seine Bilderbuchkarriere, seine Bekanntschaft mit Tom Cruise und seine Pläne, ordentlich zuzulegen.

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teleschau: Herr Schweighöfer, wie haben Sie sich seit Ihrem ersten Fernsehfilm "Raus aus der Haut" von Andreas Dresen verändert?

Matthias Schweighöfer: Da habe ich doch den besten Freund von Fabian Busch gespielt, oder nicht? Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, worum es da genau ging. Das ist mittlerweile schon elf Jahre her, da war ich ja noch ein Kind! Trotzdem war der Film eine wichtige Wegmarke meiner Karriere, denn es war Andreas Dresen, der mich quasi entdeckt hat. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar. Heute bin ich aber ein völlig Anderer und glaube, dass ich mich sehr stark weiterentwickelt habe.

teleschau: Nun haben Sie mit "Der Rote Baron" Ihren ersten Film komplett in englischer Sprache gedreht: Ausdruck Ihrer Hollywood-Ambitionen?

Schweighöfer: Seien wir doch ehrlich: Die Amis brauchen mich nicht in Hollywood. Aber es macht mir Spaß, mit einer Fremdsprache zu arbeiten. Man kann sich in Englisch viel besser ausdrücken, zum Beispiel hoffnungslos pathetische Sachen ganz und gar unpathetisch spielen. Im Deutschen ist so etwas viel komplizierter oder völlig unmöglich. Besonders beeindruckt hat mich unser Dialekt-Trainer Andrew Jack. So einen haben die in Hollywood ja fast für jeden Film. Der hat beim "Roten Baron" selbst Joseph Fiennes in Intensivsitzungen einen kanadischen Akzent beigebracht, obwohl der ja bekanntermaßen Brite ist. Wir mussten jeden Tag unser ganz eigenes Englisch büffeln. Das führte zu ganz kuriosen Situationen: Meine englische Kollegin Lena Headey zum Beispiel spielt im Film eine Französin und meinte schon, dass ihre Landsleute sie nach ihrer Heimkehr wohl zerhacken würden, weil sie vielleicht ihren französischen Akzent nicht so schnell wieder ablegen könne. Aber im Ernst: Auch der deutsche Film könnte einen unbekümmerteren Umgang mit den hiesigen Dialekten vertragen.

teleschau: Wie schwer ist es, sich selbst zu synchronisieren?

Schweighöfer: Das ist total bescheuert. Ich war noch nie so oft im Synchronstudio wie für diesen Film. Dabei sollte man doch meinen, dass man sich selbst am besten synchronisieren kann. Doch ich habe parallel noch bei Frank Castorf Theater gespielt, was ziemlich auf die Stimme drückte, und mit einer Stimmbandentzündung kommt im Synchronstudio nicht so viel dabei raus. Vier Wochen später stellte sich dann erwartungsgemäß heraus, dass die Aufnahmen nicht zu verwenden waren. Also musste ich nochmal ran, da war dann aber die Stimme höher, weshalb ich alles nochmal einsprechen musste, obwohl manche Szenen schon im Kasten waren. Und letztlich gab es noch einige Ungereimtheiten mit der Übersetzung, weshalb ich schon wieder vors Mikro musste. Daran trug ich aber auch selbst ein bisschen Mitschuld, weil ich bei der Abnahme der Szenen nicht zufrieden mit mir war.

teleschau: Ist das deutsche Publikum Ihrer Meinung nach reif für einen heroischen Kriegsfilm aus dem eigenen Land?

Schweighöfer: Aufgrund der deutschen Vergangenheit ist es schwierig, hierzulande einen Film über einen Kriegshelden zu drehen. Die Gefahr der Glorifizierung ist natürlich bei einem solchen Projekt hoch. Doch wir haben Manfred von Richthofen bewusst nicht heroisiert, sondern haben einen kritischen Ansatz verfolgt. Trotzdem muss ich sagen, dass es die Geschichte tatsächlich gegeben hat. Sie gehört ebenso zur deutschen Historie, und eine Person darin war eben Manfred von Richthofen, der als Soldat sein Land verteidigen musste. Ich sehe also nichts Falsches daran, jemanden zu spielen, der aus Pflicht und auf Basis eines Ehrenkodex vor dem Hintergrund des preußischen Adels gehandelt hat und mit erfinderischem Geist einfach sein Flugzeug rot anmalte, seine Mannschaft farblich kennzeichnete und damit auf naive Weise die Gräuel des Krieges auszublenden versuchte. Zweifellos wurde der Rote Baron zum Popstar. Doch wie furchtbar muss es für ihn gewesen sein, als 25-Jähriger über Leben und Tod zu entscheiden! Solch eine Geschichte gehört meiner Ansicht nach erzählt, vor allem weil sie wahr ist.

teleschau: Sie arbeiten immer häufiger mit internationalen Filmstars. Seit Ihrer Nebenrolle in Tom Cruises neuem Film "Walküre" wird Ihnen sogar eine Freundschaft mit dem Hollywood-Star nachgesagt. Was sagt er zu Ihrem Ausflug ins historische "Top Gun"-Metier?

Schweighöfer: Tom hat den Film als einer der Ersten zusammen mit seiner Frau Katie hier im fünften Stock des Berliner Regent Hotels gesehen. Tochter Suri hat auch kurz reingeschaut, musste dann aber ins Bett. Aber hey: Tom Cruise ist Amerikaner, der findet solche Filme einfach geil. Das liegt in seiner Natur. Außerdem findet er es krass, dass ein solcher Film in solch einem Land wie Deutschland möglich ist. Ansonsten kann ich nur sagen, dass Tom ein ganz normaler Typ ist. Wir haben viel gemeinsam gelacht. So wie ich ihn kennengelernt habe, war er sehr entspannt.

teleschau: Können Sie das über alle Ihre Kollegen aus dem US-amerikanischen Filmzirkus sagen?

Schweighöfer: Ich denke schon, dass das alles total normale Menschen sind. Aber natürlich spielt da auch ein bisschen Ehrfurcht mit. Allein unser Dialekt-Coach hat zum Beispiel zuvor die "Herr der Ringe"-Filme betreut sowie alle möglichen Produktionen von Steven Spielberg und Michael Mann, und er hat Leute wie Robert Downey Jr. und Robert De Niro trainiert. Ich habe meinen Film-Akzent aus einem Buch gelernt, das schon De Niro, Brad Pitt und Johnny Depp in den Händen hielten. Wenn also ein solches Urgestein wie Andrew Jack zu mir kommt und uns lobt, dass er es gut finde, wie wir die Geschichte aufziehen, dann ist das ein echter Ritterschlag.

teleschau: Sind Sie auf eine internationale Karriere vorbereitet?

Schweighöfer: Ich habe auch viel Unterstützung aus zwei anderen Ländern und bin sehr gespannt, wie sich der Film international schlägt. Ich habe eine Agentin in Paris und eine sehr tolle Agentin in London, die in acht anderen Metropolen der Welt verwurzelt ist. Es ist ein schönes Gefühl, von so jemandem am Tag vor der Filmpremiere eine SMS zu bekommen, in der sie mir Glück wünscht für heute Abend. Aber es hat natürlich auch viele geschäftliche Vorteile. Als ich sie letztens in London besuchte, verriet sie mir, dass die Verträge mit unserem Wunsch-Hauptdarsteller für unsere "Catweazle"-Neuverfilmung, also der Kultserie über den mittelalterlichen Zauberer, den es in unsere Zeit verschlägt, fast fertig sind, weil sie ihn ohnehin auch vertrete. So klein ist die Welt: Auf einmal lerne ich also internationale Player kennen, denen ich nicht nur als Schauspielkollege, sondern eben auch als Produzent gegenübertrete. Es ist schon eine verrückte Welt.

teleschau: Sie spielen den Roten Baron mit einem für Sie ungewohnten arroganten Einschlag. Inwiefern kann man überhaupt als populärer Star wie Manfred von Richthofen oder als Schauspieler wie Sie auf dem Teppich bleiben, ohne der Arroganz zu erliegen?

Schweighöfer: Gerade weil es mir so schwerfällt, mich derartig zu benehmen, musste ich mir die Arroganz in Schwerstarbeit antrainieren. Ich hatte einen Benimmlehrer, um zu lernen, wie sich adlige Personen in der damaligen Zeit zu verhalten hatten. Ich hätte es nie gedacht, aber das war damals ganz normal und wirkte zumindest im Englischen gar nicht arrogant. Wenn man sich den Film im englischsprachigen Original anhört, dann wirkt das völlig anders als in der deutschen Synchronfassung. Was im Englischen zwar als adliger Slang zu erkennen ist, aber eben nicht arrogant wirkt, hat im Deutschen sofort einen snobistischen Einschlag. Das klingt völlig anders, weil es die deutsche Sprache einfach nicht zulässt.

teleschau: Wie selbstkritisch gehen Sie mit Ihrer Leistung um?

Schweighöfer: Ich bin unheimlich selbstkritisch. Von meinen Eltern kann ich das aber nicht haben, die sind völlig anders, vielleicht weil sie 20 Jahre im Osten Theater gespielt haben. Das ist noch mal eine andere Nummer. Mein Vater grübelt meist vor sich hin und entscheidet sich dann irgendwann notgedrungen für eine Rolle, und meine Mutter kann sich gar nicht genug für etwas begeistern.

teleschau: Wenn Sie auf der großen Leinwand einen Helden mimen, besteht dann nicht auch die Gefahr, dass Sie irgendwann alle Bescheidenheit fahren lassen?

Schweighöfer: Es ist halt meine Arbeit, das muss ich klar von meinem sonstigen Leben trennen. Für mich selbst ist das kein Problem. Doch hat sich alles mit meinem Auftritt in "Keinohrhasen" ziemlich verändert. Plötzlich kannten mich sechs Millionen Leute. Das ist eigentlich ganz schön absurd, aber hat viel in einem Leben verändert. Ich bin trotzdem davon überzeugt, dass das alles nur Film ist und nichts anderes. Es ist halt nicht privat, und das geht auch nicht anders, denn die Zuschauer sollen ja nicht mich im Film wieder erkennen, sondern den roten Schal und die Mütze, das Flugzeug und die typische Baron-Locke. Ich mag so etwas: in Rollen schlüpfen und dann wieder was ganz Aanderes machen. Ab morgen drehe ich mit Josef Bierbichler wieder einen Mini-Arthouse-Film in Tirol. Solche Extrem-Wechsel halten das Interesse wach. Johnny Depp macht so etwas auch andauernd.

teleschau: Sie kennen zwar den Unterschied zwischen Ihrer Heldenrolle und dem privaten Matthias, doch meinen Sie nicht, dass Ihre Fans das anders sehen?

Schweighöfer: Sie werden den Unterschied wohl oder übel kennenlernen müssen.

teleschau: Trotzdem zahlt sich Ihr Höhenflug möglicherweise darin aus, dass auch Ihre kleinen Filmprojekte mehr Aufmerksamkeit geschenkt bekommen als bisher.

Schweighöfer: Es wäre doch toll, wenn das möglich wäre! Das würde mich total freuen.

teleschau: Aber die Republik hat lieber eine "Keinohrhasen"-Fortsetzung: Wie weit sind die Pläne gediehen?

Schweighöfer: Ich habe zwar keine Ahnung, wann genau wir damit anfangen, aber Till hat mir kürzlich schon mal etwas vorgelesen, worüber ich mich kaputtgelacht habe. Das wird eine tolle Nummer. Man darf wieder fröhlich sein im Kino.

teleschau: Auch werden Sie in dem Hollywood-Blockbuster "Night Train" zu sehen sein. Was reizte Sie daran?

Schweighöfer: Das ist ein typischer Spitzen-Action-Horrorthriller mit Danny Glover und mir. Zu so etwas kann man doch gar nicht nein sagen! Wir spielen zwei Schaffner, die in einem Nachtzug von Chicago nach New York ihr Unwesen treiben. Das wird waschechte Spannung, kann ich versprechen. Da darf ich mal richtig böse sein.

teleschau: Wollen oder können Sie sich nicht festlegen?

Schweighöfer: Das will ich auf keinen Fall, dafür bin ich doch noch viel zu jung. Festlegen ist etwas für 40-Jährige. Bis dahin dauert es für mich noch eine Weile. Dann habe ich wohl sowieso keine Haare mehr auf dem Kopf, wiege 120 Kilo und lege mich gerne fest nach dem Motto: "Ach, da ist der Dicke ja wieder".

Leif Kramp


Gehört zu den gefragtesten jungen deutschen Schauspielern: Matthias Schweighöfer.
Gehört zu den gefragtesten jungen deutschen Schauspielern: Matthias Schweighöfer. (2008 Warner Bros. Ent.)

Matthias Schweighöfer spielt in Nikolai Müllerschöns "Der rote Baron" den Kampfpiloten Manfred von Richthofen.
Matthias Schweighöfer spielt in Nikolai Müllerschöns "Der rote Baron" den Kampfpiloten Manfred von Richthofen. (2008 Warner Bros. Ent.)

Matthias Schweighöfer weiß, dass es aufgrund der deutschen Vergangenheit schwierig ist, hierzulande einen Film über einen Kriegshelden zu drehen.
Matthias Schweighöfer weiß, dass es aufgrund der deutschen Vergangenheit schwierig ist, hierzulande einen Film über einen Kriegshelden zu drehen. (2008 Warner Bros. Ent.)

Datum: 05.04.2008

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