logo
Anzeige
Neandertal

Neandertal

(tsch) Eigentlich wünscht sich Guido (Jakob Matschenz) dasselbe wie jeder an der Grenze zum Erwachsenwerden. Er will normal sein. Normal sein und dass die Mutter aufhört, an einem herumzudoktern mit Salben oder anderem, was hilft. Guido unterscheidet sich optisch von anderen, er hat Neurodermitis. Dass dies ein Seelenleiden ist, zeigt Regisseur Ingo Haeb in "Neandertal" auf eindringliche und besonders menschliche Weise. Dies gelingt durch die meisterliche Leistung von Jakob Matschenz - jenem Berliner Jungschauspieler, der derzeit auch in "Die Welle" und in Kürze in dem Episodenfilm "1. Mai" zu sehen ist.

Anzeige

 

Kratzen ist ein zentrales Thema, jeder hat es schon erlebt. Nur ist es bei Guido eben kein Mückenstich, der irgendwann aufhört, ihn zu peinigen. Er muss es tun, erklärt er dem Zuschauer, so lange, bis ihn das pure Fleisch erlöst. Dann tut es noch weh. Man leidet mit, wenn der Junge bedauert: Erlösung sei doch etwas Positives. Doch Neurodermitis ist eine der fiesen Krankheiten ohne Ausweg.

Das Elternhaus wirkt außerordentlich durchschnittlich, und Guido ist kein verschüchterter Einzelgänger, hat sogar eine Freundin. Ein geschickter Schachzug von Ingo Haeb, macht er doch gleich klar, dass er nicht den linearen Weg des typischen Problemfalls geht. Dennoch kommt er natürlich zügig zum Punkt: Neurodermitis macht sichtbar, was innen nicht in Ordnung ist. Sagt die Therapeutin, Quatsch, sagt der Patient.

Die Empathie des Zuschauers ist dem Hauptdarsteller gewiss. Immer wieder schimmert der hübsche Junge durch, sodass sich das Publikum dem ergibt, was man so tut im Kino. Es hofft auf ein Happy End. Ein recht unrealistischer Wunsch in diesem Fall.

"Neandertal" trägt seinen Namen übrigens zu Recht, das Aussehen von Matschenz ähnelt tatsächlich einem Neandertaler, wobei die Visagisten hier sehr realistisch gearbeitet haben. Auch wenn sich der Regisseur den Klischees entzieht und eine ansprechende Mischung aus Spielfilm und Aufklärungsstudie präsentiert, kann er nicht auf dynamische Elemente verzichten, will er doch eine Geschichte erzählen.

Guido macht zu Hause eine Entdeckung, die ihm schon mal eine ziemlich deutliche Ahnung gibt, dass gar nicht so viel in Ordnung ist, wie es scheint. Er geht seinen eigenen Weg, flüchtet zu seinem Bruder in die WG und lernt Rudi (Andreas Schmidt) kennen. Rudi ist, von Schmidt souverän und routiniert dargestellt, einer dieser Herumtreiber, die man mit 18 noch cool findet.

Die Entfernung vom Elternhaus und die damit verbundenen Neuerungen lassen sich sehr plakativ umsetzen. Dass dies nicht zu pädagogisch ankommt, ist den starken Dialogen und dem zurückhaltend natürlichen Spiel von Matschenz zu verdanken. Erfreulicherweise werden Dinge angesprochen, die oft verschwiegen werden. Der Hauptdarsteller ist zu keinem Zeitpunkt in Abhängigkeit von seiner Krankheit stark oder schwach, sondern eine recht gesunde Persönlichkeit, die bereit ist, sich zu emanzipieren.

Beinahe ist er der Fels in der Brandung, während die anderen um ihn herum, Mutter, Vater und auch der große Rudi, in sich zusammenbrechen. Das alleine wäre schon erwähnenswert genug. Doch dieser nicht nur, aber auch für ein jugendliches Publikum geeignete Film geht noch weiter. Er traut sich zuzugeben, was im Kino selten gesagt wird: Es ist alles nicht so einfach. Deswegen gibt es auch kein Happy End.

Zur Belohnung für diese außergewöhnliche Vorgehensweise stand Haebs Produktion knapp drei Jahre auf der Warteliste und kommt nun überraschend doch in kleiner Kopienzahl in die Kinos.

Claudia Nitsche

Credits:
V:Farbfilm, D 2006, R: Ingo Haeb, Jan-Christoph Glaser, D: Andreas Schmidt, Jacob Matschenz, Falk Rockstroh u.a.

Laufzeit: 103 Min.

Kinostart:
24. April 2008


Der stark an Neurodermitis erkrankte Guido möchte seine eigenen Wege gehen.
Der stark an Neurodermitis erkrankte Guido möchte seine eigenen Wege gehen. (Farbfilm)

Seit seiner Kindheit plagt Guido (Jacob Matschenz) eine schlimme Neurodermitis.
Seit seiner Kindheit plagt Guido (Jacob Matschenz) eine schlimme Neurodermitis. (Farbfilm / Tom Trabow)

Immer wieder die gleiche schmerzhafte Prozedur: Guido (Jacob Matschenz) wird von seiner Mutter (Johanna Gastdorf) eingecremt.
Immer wieder die gleiche schmerzhafte Prozedur: Guido (Jacob Matschenz) wird von seiner Mutter (Johanna Gastdorf) eingecremt. (Farbfilm / Tom Trabow)

Datum: 18.04.2008

Facebook aktivieren

Diskussion: "Neandertal"

Um eine Diskussion zu "Neandertal" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 199945

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    War on Terror
    Das Zukunftsszenario, das Digital Realitys prachtvoller Echtzeitstrategie-Brocken "War on Terror" zeichnet, geht unter die Haut: In nur zwei Jahren soll die ganze Welt vollends in einen Krieg mit dem Terror ...

    Planet Terror
    Keine Frage: Robert Rodriguez ist ein Multitasker. Oder auch eine One-Man-Show. Er ist Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und auch gleich noch sein eigener Komponist. Nach "Sin City", "From Dusk Till ...

    "Planet Terror" erscheint später auf DVD
    Lieber spät als nie: Ursprünglich sollte Robert Rodriguez' Horror-Streifen "Planet Terror" mit Naveen Andrews ("Lost"), Freddy Rodriguez ("Six Feet Under") und Rose McGowan ("Charmed") in den Hauptrollen ...

    Planet Terror
    Sie wollten die billig produzierten Sex-, Karate-, Horror- und Actionfilme aus den Schmuddelkinos ihrer Kindheit wieder aufleben lassen - also taten sich die Regisseure Quentin Tarantino und Robert Rodriguez ...

    The War Within - Vom Opfer zum Attentäter
    Die Täterperspektive hat in Hollywood nicht gerade Konjunktur. In der filmischen Verarbeitung des amerikanischen Terrortraumas brachte etwa Paul Greengrass den gekidnappten "Flug 93" über Pennsylvania ...

    München
    Auch wenn sich Steven Spielberg mit seiner Verfilmung der Biografie Abraham Lincolns einem patriotischen Thema widmet, kann man ihm Angst vor heikleren historischen Stoffen nicht vorwerfen. In "Schindlers ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 4712 - task = view - option = com_content - limitstart= 0