Kann man buntes Hippietum und Sterilität problemlos kombinieren? Schwer vorstellbar, doch wenn man beide Eigenschaften über die Medien Musik und Optik miteinander vermengt, kommt dabei so etwas wie die Liverpooler Band Clinic heraus. Die haben nämlich seit einem guten Jahrzehnt OP-Masken auf der Nase sitzen und grüne Kittel an. Doch das Quartett spielt weder antiseptische Maschinenmusik noch verliert es sich in kaskadierenden Noise-Attacken.
Vielmehr bedient man sich aus dem galaktisch großen Topf des Psychedelischen und feilt Song um Song so zusammen, dass es wie Clinic klingt. Egal ob Punk, Hardrock, Soul, Country oder Pop dabei herauskommen mag: Ihr Genre-Shifting wird wirkungsvoll aufgebauscht und nur songweise in Rotation versetzt. Die kurz angezupften Gitarren und die ätherischen Tingeltangel-Synthie-Effekte werden mit dem nöligen Organ von Front-Chirurg Ade Blackburn gepaart, der sich immer mal wieder gegen die lakonische Bass-Schlagzeug-Rhythmustruppe durchsetzen kann.
Jimi Hendrix und die Beatles duellieren sich im farbenfrohen Eröffnungs-Brimborium "Memories", das vom psychotischen Country-Schunkler "Tomorrow" abgelöst wird. Wer es etwas tanzbarer mag, bekommt mit "The Witch" einen lupenreinen Indie-Stampfer serviert, der sich verschmitzt zwischen Can, Wire und Velvet Underground hin und herbewegt. Auf diese drei Kollegen verweisen Clinic, in ihrer auf soeben fünf Exemplare angewachsenen Diskografie, besonders gerne.
Die drogenschwangere Soul-Explosion "Free Not Free", die sofort auf Weltraum-Schwerelosigkeitsfaktor heruntergebremst wird, hätten die freakigen Kölner vor gut 30 Jahren mit Handkuss genommen. Das verzwirbelte Uptempo-Brett "Shopping Bag" hätte es sich auch prima auf Wires legendärem Erstling "Pink Flag" bequem machen können, während das schlurfige Garagen-Rock-Inferno "Winged Wheel" Velvet Underground in ihrer Ur-Besetzung noch cooler hätte wirken lassen. Ob das überhaupt ginge? Eher nicht, aber Clinic nimmt man so eine Anspielung trotzdem ab, ohne Wenn und Aber.
Sogar der von Klezmer-Harmonien durchsetzte Walzer "Mary & Eddie" und das völlig überkandidelte und wirre "Coda" passen sich wunderbar an die unterschwellig geordnete eklektische Welt der Kliniker an. Da kann es nur noch unter läuterndem Glockengeläut heißen: "This Record Is A Celebration Of The 600th Anniversary Of The Bristol Charter". Alles klar? Nein? Auch gut.