(tsch) Eine kleine fliegende Webcam ist Alains großer Stolz. Der Ingenieur präsentiert seinen vollautomatischen Haushaltshelfer. Das Gerät lässt sich sogar per Laptop und Internet von jedem Ort der Welt steuern, ausführlich vorgestellt in der langen Eingangszene von Dominik Molls fantastischem Ausflug in eine Welt, die Chaos wird. Nur kurz ist in "Lemming" (2005) alles genau so, wie es sein muss. Das Leben, die Ehe, der Beruf funktionieren so perfekt wie Alains tadelloses Technikwunder, das nach beendeter Demonstration in die Docking-Station zurückfliegen soll, kurz vor dem Ziel aber von einer nicht funktionierenden Schiebetür zerquetscht wird. Es ist der Beginn eines veritablen Albtraums in der Charlotte-Rampling-Reihe von 3sat.
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Die britische Schauspielerin hat nur eine kleine Rolle in diesem Film. Ihr Auftritt aber ist ein vergifteter Stachel, der sich in die Normalität der Gettys bohrt. Alain Getty (Laurent Lucas) steht am Beginn einer vielversprechenden Karriere und wird von seinem Chef protegiert. Seine Frau Bénédicte (Charlotte Gainsbourg) lebt sich derweil im neuen Vorstadt-Haus ein und verbringt den Tag damit, die Einrichtung zu komplettieren. Abends lieben sie sich und genießen ihre perfekte kleine Ehewelt. Das klingt bis hierher ein wenig nach Claude Chabrol, der aber schnell auf Alfred Hitchcock trifft, um sich später auch noch mit David Lynch zu verbinden.
Denn so langweilig bleibt es nicht. Zunächst verstopft ein Lemming den Abfluss, und dann kommen Alains Chef Richard Pollock (André Dussolier) und seine Frau Alice (Rampling) mit großer Verspätung zu einem Abendessen. Alice weigert sich zunächst, irgendwas zu sagen, und als sie ihr Schweigen bricht, bezichtigt sie ihren Gatten der Hurerei, übergießt ihn mit Rotwein und beleidigt die Gastgeber, denen sie voller Missgunst und Rachsucht für ihr eigenes verkorkstes Leben eine zerstörte Ehe vorhersagt. Alice setzt alles daran, eine Hölle auf Erden zu schaffen. Zunächst versucht sie, Alain zu verführen, kurze Zeit später erschießt sie sich im Gästezimmer der Gettys.
Dominik Moll schaut in seinem gesellschaftskritischen, bösartigen Mix aus Thriller, Horrorschocker und Ehedrama mit fast schon teilnahmsloser Distanz genüsslich zu, wie Alain und Bénédicte den Halt verlieren und abstürzen. Sie wird bösartig und aggressiv, Alice scheint in ihr weiter zu leben. Er kann mit den plötzlichen Veränderungen nicht umgehen, es gibt keine technischen Blaupausen für das Unterbewusste, das Abseitige und Absurde, die studiert werden können. Klammheimlich ziehen Dominik Moll und die exzellenten Darsteller ihre Schlinge immer fester, es gibt kein Entrinnen aus der zerrütteten Wirklichkeit, die so bedrohlich und surreal sein kann, wenn sie die Pfade des Vorhersehbaren verlässt.
Andreas Fischer
Alice (Charlotte Rampling) setzt alles daran, das junge Glück der Gettys zu zerstören. (ZDF / Philippe Quaisse)
Aus der Vorzeige-Ehe von Bénédicte (Charlotte Gainsbourg) und Alain (Laurent Lucas) wird ein Vorzeige-Albtraum. (ZDF / Philippe Quaisse)
Alice (Charlotte Rampling), die Frau seines Chefs, macht Alain (Laurent Lucas) ein unmoralisches Angebot. (ZDF / Philippe Quaisse)
Datum: 25.04.2008
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