(tsch) Den Freischwimmer zu machen, das klingt ein bisschen nach Erwachsenwerden. Man strampelt sich durch und merkt, ich kann's ja. Am Ende des Films wird Rico, der 15-jährige Außenseiter einer Kleinstadt, mitschwimmen. Allerdings befinden sich auf seinem Parcours eine ganze Menge Hindernisse. Andreas Kleinerts Satire "Freischwimmer" mit Frederick Lau (Deutscher Filmpreis für "Die Welle") startet nun in den Kinos.
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Um dieses schwarze, tragikomische Märchen besser zu verstehen, sollte man den Regisseur zu Wort kommen lassen. Er habe Sehnsucht nach Humor gehabt, erklärt er. Makaber und fernab von bekannten Genres wollte er eine bittersüße Polemik gegen eine satte Gesellschaft schaffen, die meint, dass sie ganz redlich funktioniert.
Dazu öffnet Kleinert den Vorhang, den man lieber zugezogen lässt, rollt den Teppich zurück, unter den das Unschöne gekehrt wird. Und er blickt dem Bösen hinter der freundlichen Fassade ins Gesicht. Will man hier erwachsen werden, mitschwimmen, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich anzupassen.
Im Mittelpunkt eines großartigen Ensembles steht Frederick Lau als Rico. Ein Außenseiter, nicht gerade der Sportlichste, derjenige, dem der Pausensnack vom durchtrainierten Mädchenschwarm weggenommen wird. Derjenige, der sich nicht wehrt - wenn ihm alles zu viel wird, schaltet er sein Hörgerät aus. Dann hat er seine Ruhe.
Weil Rico mehr und mehr in den Mittelpunkt der ländlichen Gemeinschaft rückt, weil man ohnehin und nun aus einem bestimmten Grund nicht recht weiß, was man von dem stillen Rothaarigen zu halten hat, sucht er Rückhalt bei seinem Lehrer. Der zeigt sich hilfsbereit und es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen dem sanften Martin Wegner (August Diehl) und seinem Schüler.
Andreas Kleinert und Autor Thomas Wendrich belassen es inhaltlich nicht bei der Entwicklung des jungen Rico Bartsch. Sie bespitzeln auch seine Mutter (Dagmar Manzel), die mit wenigen Strichen aufschlussreich beschrieben wird, dazu ihren neuen Freund, den jähzornigen Sportlehrer und vermutlich größten Proll der Schule (Devid Striesow). Mit inhaltsleeren Dialogen erzählt Kleinert so viel zwischen den Zeilen, dass alleine diese Episode berühren muss.
Daneben müht sich Fritzi Haberland als Musiklehrerin ab, das Herz des Deutschlehrers zu erobern. Eben das von Martin Wegner, der zwar mit ihr schläft, sie aber sonst nicht in sein Leben lässt.
Rico fühlt sich wohl, wenn er unter seiner Modelleisenbahn liegt, die auf ihrem berechenbaren Weg durch sein Zimmer fährt. Die Bahn symbolisiert seinen Vater, der unter seltsamen Umständen ums Leben kam. Der Tod spielt die größte Nebenrolle in dieser Farce. Nicht nur einmal sterben Menschen der freundlichen kleinen Stadt. Und so wirklich interessiert sich dafür keiner. Was weg ist, ist weg.
Das Drehbuch setzt auf pointierte Dialoge und entwirft über weite Strecken unvorhersehbare Gespräche. So passiert im Hause Bartsch zwischen Mutter und Sohn durchaus so etwas wie menschliche Wärme und Verständnis. Die Frage, die sich der Zuschauer stellt, ist viel mehr: Wo will der Film eigentlich hin?
Kleinert, der dreifache Grimme-Preisträger, begnügt sich nicht mit dem Abtragen der Fassade. Er arbeitet auf den Schluss zu mit sehr bunten Ideen. Da wird mit Eclairs in Gesichtern herumgeschmiert, da werden Menschen nachgebaut. Es eskaliert, es driftet aber auch ab.
Während zunächst bei immerwährendem Tageslicht der Blick darauf gerichtet wird, was denn so eine Idylle zusammenhält, verabschiedet sich "Freischwimmer" im letzten Viertel in eine absurde, düstere Welt. Kleinert trägt dick auf und hinterlässt dabei durchaus Ratlosigkeit. Möglicherweise hätte sein Publikum auch ohne diese recht unmotivierte Überspitzung verstanden. Aber Kleinert wollte auf Nummer sicher gehen.
Claudia Nitsche
Credits: V:Novapool Pictures, D 2007, R: Andreas Kleinert, D: Frederick Lau, Fritzi Haberlandt, August Diehl u.a.
Laufzeit: 110 Min.
Kinostart: tt.mm.jjjj
Wenn wieder einmal alle auf Rico Bartsch (Frederick Lau) herumhacken, taucht er einfach ab. (Novapool Pictures)
Rico hat schon seit längerer Zeit ein Auge auf die hübsche Regine Weyler (Alice Dwyer) geworfen. (Novapool Pictures)
Rico Bartsch (Frederick Lau, links) und sein Deutschlehrer Martin Wegner (August Diehl) kommen gut miteinander aus. (Novapool Pictures)