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Wilde Unschuld

Wilde Unschuld

(tsch) Reichtum und Dekadenz, Eleganz und Gewalt - "Wilde Unschuld" ist ein Drama mit großem Schauwert und einem antiken Tragödienpotenzial. Es entführt in die Welt der oberen Zehntausend, die sich in mondänen Destinationen miteinander die Zeit vertreiben. Regisseur Tom Kalin ("Swoon") hat für Hollywoodstar Julianne Moore hier eine Bühne geschaffen, auf der sie mit ungewohnt erotischer Ausstrahlung eine glamouröse, gefallsüchtige und unter extremen Gefühlsschwankungen leidende Jetset-Dame geben kann.

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Die Geschichte entspannt sich vom New York der 40er- bis hin ins London der 70er-Jahre. Wie ernst es der Film mit der Ausstattung und Detailgenauigkeit nimmt, zeigt sich bereits in den ersten Szenen. Jede Frisur und jedes Kostüm sitzt perfekt. Schaut man hinter die polierte Oberfläche entpuppt sich das Lachen im makellosen Gesicht von Barbara Baekeland (Julianne Moore) als Farce. Ihre Ehe mit dem leidenschaftslosen und zynischen Brooks (Stephen Dillane) gleicht einem verzweifelten Zweikampf voll Bitterkeit und Provokationen.

Barbara, die schöne und unterhaltsame Dame ist ein gern gesehener Gast auf allen Einladungen der High Society. Als Frau aus ärmlichen Verhältnissen kann sie sich nur auf ihren Instinkt und starken Willen verlassen. Sie hat Biss und gelernt, wie sie ihre Reize einsetzen muss. Im Gesellschaftsleben blüht sie auf und verdrängt so ihre innere Leere. Neben ihr wirkt der verstockte Brooks wie ein Langweiler. Sein größter Pluspunkt ist jedoch das Vermögen, das ihnen den luxuriösen Lebensstil ermöglicht. Er ist der Erbe eines Kunststoffimperiums, das sein Großvater mit der Erfindung von Bakelit begründete. Doch der Genius seines Opas wurde ihm nicht vererbt. Dafür hasst er sich selbst und die ganze bessere Gesellschaft, die ihn nicht besonders amusing findet, gleich mit. Ein Gefangener des Mittelmaßes, der im goldenen Käfig sitzt.

Wenn heiß auf kalt trifft, entsteht Dampf. Und als solcher fühlt sich Tony (Eddie Redmayne), das einzige Kind der beiden. Anfangs ergreift er als Erzähler das Wort, verliert diese Rolle aber im Laufe des Films. Seine Existenz bleibt immer vage, eine kurze Rebellion im Teenageralter und das Ausleben homosexueller Neigungen - mehr bleibt ihm nicht. Er kann keine eigene Persönlichkeit entwickeln und schon gar kein eigenes, unabhängiges Leben führen. "Wilde Unschuld" zeigt, wie eine Mutter ihren eigenen Sohn als Waffe gegen ihren Mann benutzt und ihn von Kindheit an nach ihren Vorstellungen formt. Als sich Brooks schließlich wegen einer Jüngeren von Barbara auf Mallorca trennt, sind Inzest und ein fatales Ende nicht weit.

Großes Seifenoperdrama mit düsterem Touch möchte man meinen, wären da nicht die einem Kinofilm angemessene opulente Inszenierung der traumhaften Schauplätze, das gekonnte Spiel mit dem Licht, das einzigartige Stimmungen schafft und der Bezug zur Wirklichkeit. Tom Kalins Spielfilmdebüt bezieht sich auf das von Natalie Robins und Steven M.L. Aronson geschriebene Buch "Savage Grace: The True Story of a Doomed Family (1985), das sich ausgiebig mit dem Mordfall im Hause Baekeland beschäftigt.

Bei Regisseur Tom Kalin wirkt einiges an seinen Figuren wie amputiert, so manche Handlungsweise verstört und bleibt unverständlich. Zeit für eine tiefere Beschäftigung mit ihnen und dem speziellen Mutter-Sohn-Verhältnis scheint er nicht übrig gehabt zu haben - vielleicht wäre ja auch alles zu spekulativ? Da bleibt Kalin lieber bei einem Thema, das auch ihn zu faszinieren scheint: dem schön anzusehenden, prätentiösen Leben der Oberschicht mit ihren dekadenten Ritualen.

Diemuth Schmidt

Credits:
V:Concorde, USA / E 2007, R: Tom Kalin, D: Stephen Dillane, Julianne Moore, Elena Anaya u.a.

Laufzeit: 98 Min.

Kinostart:
8. Mai 2008


Das Drama der Familie Baekeland basiert auf einer wahren Geschichte.
Das Drama der Familie Baekeland basiert auf einer wahren Geschichte. (2008 Concorde Filmverleih GmbH)

In der Ehe von Brooks (Stephen Dillane) und Barbara Baekelan (Julianne Moore) geht es nicht immer harmonisch zu.
In der Ehe von Brooks (Stephen Dillane) und Barbara Baekelan (Julianne Moore) geht es nicht immer harmonisch zu. (2008 Concorde Filmverleih GmbH)

Brooks Baekeland (Stephen Dillane, links) und sein Sohn Antony (Eddie Redmayne) kamen noch nie richtig gut miteinander aus.
Brooks Baekeland (Stephen Dillane, links) und sein Sohn Antony (Eddie Redmayne) kamen noch nie richtig gut miteinander aus. (2008 Concorde Filmverleih GmbH)

Datum: 02.05.2008

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