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Tindersticks

Die französische Scheunenband

Band Tindersticks

(tsch) Fünf Jahre ist es her, dass die Tindersticks ihr letztes Lebenszeichen in Albumform von sich gaben. Nun gibt es endlich neues Material von einer der elegantesten Schwermut-Bands in der Popgeschichte. "The Hungry Saw" heißt das neue Werk der Briten um den grauschläfigen Charakterkopf Stuart Staples. Mit seinem luftigen Sound voller Anklänge an David Bowie, Scott Walker, Serge Gainsbourg und Soul hat sich eine der eigenwilligsten - zuletzt aber auch ein wenig stagnierenden - britischen Bands noch einmal neu erfunden. Das Rezept lautet: Entwicklung durch Reduktion. Dazu kommt eine topografische wie personelle Frischzellenkur.

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"Die Tindersticks fühlen sich mittlerweile eher an wie ein Kollektiv. Wir können drei Leute sein, aber auch mal zwölf. Das Ganze ist viel offener geworden. Zuletzt waren wir in diesem Bandkorpus aus sechs Leuten gefangen. Auch die Ideen blieben in diesem Zirkel der Sechs stecken. Das war das Problem." David Boulter, Co-Songwriter und Keyboarder der Tindersticks, redet über das Ende einer Band von Freunden. Drei Mitglieder verließen die Band nach einer Art Abschiedskonzert im Jahr 2006: Bassist Mark Colwill, Schlagzeuger Al De Villeneuve Macaulay und mit Dickon Hinchliffe eben auch der Mann, der für die markanten Streicherarrangements verantwortlich zeichnete. Übrig geblieben sind Sänger Stuart Staples, Gitarrist Neil Fraser und David Boulter. Zwischen den Zeilen schmerzt es diesen immer noch, dass die anderen nicht mehr bereit waren für neue Musik. So ist es eben in einer Band aus Freunden. Man hängt zusammen, seit man 16 ist, und jetzt trifft man sich kaum noch. Anfang der Neunziger lebten vier Tindersticks sogar gemeinsam in einem Haus. Boulter hat Geburt und die ersten Lebensjahre von Stuart Staples ältester Tochter dort erlebt. Heute ist sie ein Teenager - auch so vergeht die Zeit.

Auf dem neuen, für Tindersticks-Verhältnisse erstaunlich fröhlich klingenden Album "The Hungry Saw" gibt es ein Lied von Stuart Staples über seine Tochter - "The Flicker Of A Little Girl" heißt es. Vielleicht hat der Mann ja Schuldgefühle, denn vor kurzem entführte der 42-Jährige seine Frau und vier Kinder von London in die französische Provinz. Ein kleiner Ort im dünn besiedelten Niemandsland zwischen Zentralmassiv und Atlantik, hier wohnt Familie Staples heute in der Nähe von Limoges und einem Flughafen mit vielen Billigfliegern. Hier ist auch das neue Tindersticks-Album entstanden. Das Studio der geräumigen Scheune neben dem neuen Wohnhaus der Staples haben die verbliebenen Tindersticks mit der Hilfe einiger Fachkräfte selbst aufgebaut. Malerarbeiten, Fließen legen - was man unter Freunden eben so füreinander tut.

"Erst wenige Tage vor Beginn der Aufnahmen für 'The Hungry Saw' waren wir mit den Bauarbeiten fertig", berichtet David Boulter. "Dann fingen wir sofort an, Musik zu machen. Es war alles sehr viel schöner als in London, wo jeder nur ins Studio kommt, um seinen Kram einzuspielen und dann wieder geht. Früher holte sich jeder sein eigenes Essen vom Markt oder im Restaurant. Abends rief man ein Taxi und fuhr nach Hause. Dieses Album war ganz anders. Wir verbrachten die ganze Zeit gemeinsam, kochten abwechselnd Essen für die anderen. Diesmal war es nicht nur Musik, wir machten das Ganze zum Event - der Aufnahmeprozess hat uns sogar entspannt, das war eine sehr schöne Erfahrung."

Rock'n'Roll waren die Tindersticks nie. Ihre Musik klang schon immer nach dem Erbe einer paneuropäischen, klassisch geprägten Musikkultur. Jetzt haben sie sich auch in eine Art Eurozonenband verwandelt. David Boulter lebt in Prag, Staples in Frankreich, nur Neil Fraser ist London treu geblieben. "Wir brauchten den Platz", sagt Boulter immer wieder im Interview. Sie brauchten ihn im Aufnahmeraum und im Bandgefüge. Der mitunter bleierne, bisweilen zum Klaustrophobischen neigende Tindersticks-Sound sollte nach sechs Studioalben zwischen 1993 und 2003 aufgemischt werden. Das dürfte mit dem schönen, manchmal fast leichten Album "The Hungry Saw" gelungen sein. Die Tindersticks, eine Band mit Spaßfaktor? Darf man so etwas überhaupt sagen?

"Warum nicht", bestärkt David Boulter. "Es ist eine Menge Humor in der Musik der Tindersticks. Vielen fällt es eben nur schwer, diesen auch herauszuhören. Ich bin mir sicher: Jede Art von Musik, auch die dunkelste, macht der Person, die sie wieder und wieder auf die Bühne bringt, richtigen Spaß. Anders geht es nicht, man würde sich ansonsten miserabel fühlen. Wenn Musik harte Arbeit wird, geht es nicht mehr. Popmusik muss immer eine Art von Erlösung bringen." Luftig klingen die neuen Tindersticks-Songs aus der französischen Scheune. Nach acht Session-Tagen waren die meisten von ihnen zumindest im Grundgerüst fertig. Oft wurden Demoversionen zu endgültigen Tracks aufgebaut. Das Ergebnis sind weniger Streicherelegien und mehr klassische Songs. Nicht selten enthalten sie eine gute Portion Soul.

Nur der Titelsong "The Hungry Saw", der von der Säge in Haut, Muskel und Knochen erzählt, reicht zurück ins Reich der Düsternis. "The Hungry Saw", klärt Boulter auf, "handelt davon, Dinge zu zerstören, die man liebt". Der Song berichtet auch davon, die Vergangenheit zu vergessen und weiter zu ziehen in die Zukunft. "Es ist ein Song von Stuart, da ist sicher eine persönliche Komponente mit dabei. Ich denke, dass er London verlassen wollte und dabei sein Zuhause, sein sicheres Nest zerstören musste. Er verfrachtete sich und seine Familie in diese fremde Umgebung. Der Song ist typisch für das ganze Album. Die Lieder erzählen vom Gegensatz zwischen dem Bewahren wollen, der Harmonie und diesem Zwang, das Alte zerstören zu müssen." Doch selten hat sich Zerstörungswille so gelöst angehört. Natürlich nur im Kosmos der Tindersticks mit ihrem so eigentümlichen Sound betrachtet. Wer eine Happy-Go-Lucky Platte für den Sommer sucht, sollte nach wie vor besser außerhalb der Stapleschen Scheune danach fahnden.

Eric Leimann


Hat seine leisertreter einer frischzellenkur unterzogen: Tindersticks-Fan Stuart Staples.
Hat seine leisertreter einer frischzellenkur unterzogen: Tindersticks-Fan Stuart Staples. (Beggars Group)

Datum: 07.05.2008

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Diskussion: "Tindersticks"

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