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Der zweite SchrittSängerin Katie Melua (tsch) Auch wenn Katie Melua erst vor wenigen Tagen, am 16. September, ihren 21. Geburtstag feierte: So richtig spannend wurde es für sie erst am 23. Tag des Monats. Dann nämlich erschien "Piece By Piece", der Nachfolger ihres sensationell erfolgreichen Debütalbums "Call Off The Search". Wird die zierliche Britin georgischer Herkunft auch mit ihrem neuen Werk auf Platz eins der Charts springen? Und wie läuft es für die britische Version des "Modells" Norah Jones in Deutschland? Fast zwei Millionen Alben hat das junge Mädchen, das abgehangenen Jazz und Blues für ebenso gut abgehangene Hörer singt, von ihrem ersten Streich verkauft. Ein Ergebnis, das schwer zu toppen ist. Katie Melua gibt sich jedoch gelassen, wenn es um das Thema Erwartungsdruck im Showbiz geht. Die junge Frau unter der schwarzen Lockenpracht, sie scheint gut geerdet. Anzeige teleschau: Im Musikgeschäft spricht man immer von dem "schwierigen" zweiten Album. Wie schwierig war dieses zweite Album für Sie? Katie Melua: Ich fand die Arbeit daran vor allem interessant. Weil man sie mit der an dem ersten Album überhaupt nicht vergleichen kann. Damals arbeiteten wir bei meinem Produzenten zu Hause, die Platte erschien bei einem kleinen Indie-Label, und ich besuchte immer noch das College. Ich hatte keine Ahnung, was passieren würde, und ich erwartete auch nicht viel. Bei der neuen CD hingegen war klar, dass sie sich einige Leute anhören würden - das erzeugt natürlich ein bisschen Druck. Man muss aber aufpassen, dass sich Druck nicht in der Musik, in der Kunst widerspiegelt. Da gilt es, Kurs zu halten! teleschau: Brannte es Ihnen auf den Nägeln, nun auch selbst als Songwriterin aufzutreten? Melua: Mike und mir selbst war klar, dass meine Entwicklung in diese Richtung gehen würde. Dafür liebe ich das Schreiben viel zu sehr. Andererseits arbeite ich mit Mike Batt zusammen, einem großartigen Songwriter, der seit 40 Jahren im Geschäft ist. Da fragt man sich schon, was man selbst mit - in meinem Fall vier Jahren Erfahrung - dazu beitragen kann. Es ist jedoch wichtig, dass ich meine eigenen Worte finde und dass sie auch auf meinen Platten erscheinen. Schließlich wollen die Leute ja auch wissen, was ich denke und wie sich das in meinen Songs widerspiegelt. teleschau: Inwieweit unterscheiden sich die Lieder Ihres neuen Album von denen der ersten Platte? Melua: Am merkwürdigsten finde ich, dass sich meine Stimme ganz anders anhört. Das haben auch andere Leute schon bemerkt. Vielleicht bin ich einfach nur erwachsen geworden. Damals war ich ja erst 18, deshalb klang meine Stimme höher. Jetzt bin ich ein bisschen nach unten gerutscht, glaube ich. Die Stimme klingt bluesiger. Außerdem glaube ich, dass sie ein wenig vielseitiger geworden ist. Ich sage nicht: Das neue Album ist besser oder schlechter als das erste. Es ist einfach anders. teleschau: Ihr Produzent Mike Batt, aber auch viele Mitglieder Ihrer Band, haben wohl mindestens das Alter Ihrer Eltern. Andere Mädchen würden vielleicht lieber mit Jungs ihres Alters richtig auf der Bühne abrocken. Sie haben kein Interesse an so etwas? Melua: Ich hätte kein Problem damit, mit jungen Leuten auf der Bühne zu stehen, wenn die etwas können. Die Musiker, mit denen ich arbeite, sind jedoch absolut großartige Instrumentalisten: Jim Cregan, Henry Spinetti oder Tim Harries sind Legenden, und sie haben mit Legenden gearbeitet. Es ist toll, wenn man mit solch erfahrenen Leuten arbeiten darf und auch noch ihren Respekt genießt. Ich habe da großes Glück, denn ich lerne ganz viel von ihnen. teleschau: Es sind ja nicht nur die Musiker. Auch Ihre Musik ist im guten Sinne des Wortes altmodische Musik: Jazz, Blues. Fühlen Sie Sich in der Musik dieser Generation wohler als in der Musik von heute? Melua: Es ist die Musik, die mich schon immer inspirierte. Der Grund, warum ich überhaupt mit dem Musikmachen angefangen habe. Ich habe lange Zeit Pop, Rock und R'n'B gehört - ohne dass der Funke wirklich übergesprungen wäre. Erst als ich Eva Cassidy, Joni Mitchell, Ella Fitzgerald oder Bob Dylan kennen lernte, inspirierte mich das so sehr, dass ich selbst auch Musik machen wollte. teleschau: Musikfachleute überlegten, warum Ihre Musik so erfolgreich ist. Meistens bringen sie es auf die Formel: Junges Mädchen singt alte Musik für ältere Hörer. Stimmt es, dass Ihre Fans oft deutlich älter sind als Sie selbst? Melua: Als wir damals "Call Off The Search" aufnahmen, hätte ich das auch so gesagt. Ich hörte dieselbe Musik, die auch meine Eltern hörten. Meine Freunde fanden das ziemlich seltsam. Als ich dann allerdings auf Tour ging, stellte ich fest, dass viele Leute meines Alters und sogar noch jüngere im Publikum waren. Ich denke, das ist momentan so eine Art Zeitgeist im Moment. Bis vor kurzem war es bei den Jüngeren verpönt, alte Musik zu hören. Heute jedoch gilt man mit 15 sogar als "hip", wenn man sich ein Beatles- oder ein Led Zeppelin-Album zulegt. Das finde ich faszinierend. Denn so werden Mauern eingerissen. teleschau: Sie sind erst vor einigen Wochen britische Staatsbürgerin geworden. Sie leben doch schon sehr lange im UK. Warum also erst jetzt? Melua: Ich bin jetzt etwas länger als zehn Jahre dort. Bis vor kurzem war ich auf dem Visum meines Vaters mit eingetragen, weil er in England arbeitet. Wenn mein Vater seinen Job verloren hätte, wären wir zurück nach Georgien geschickt worden. Wenn man ein solches Arbeitsvisum hat, kann man sich frühestens nach zehn Jahren um die britische Staatsbürgerschaft bewerben. Wir bewarben uns so früh wie möglich, also jetzt. Ich bin zwar im UK aufgewachsen, aber meine frühe Kindheit verbrachte ich in Georgien. Ich besitze immer noch beide Nationalitäten. teleschau: Ihre georgischen Wurzeln sind Ihnen also so wichtig, dass Sie diese Staatsbürgerschaft nicht aufgeben wollten? Melua: Richtig. Ich bin in Georgien geboren. Ich lebte dort, und ein großer Teil meiner Familie lebt immer noch in Georgien. Jeden Sommer fahre ich hin. Georgien ist in meinem Blut. Wenn ich sterbe, dann möchte ich dort begraben werden. teleschau: Stimmt das Gerücht, dass sich fast jeder Georgier als Künstler versteht, was dazu führt, dass kaum jemand Lust hat, die etwas profaneren Arbeiten auszuführen? Melua: Das ist absolut richtig! (lacht) Ich hätte wahrscheinlich auch niemals mit dem Singen begonnen, käme ich nicht aus Georgien. Musik und Kunst - das hat jeder Georgier im Blut. Und wirklich jeder, den ich kenne, spielt entweder Klavier, singt oder malt. Die Georgier sind äußerst leidenschaftliche Menschen. Was sowohl gute als auch schlechte Folgen hat ... teleschau: Aber woher kommt diese Affinität zur Kunst? Melua: Da muss man wahrscheinlich tief eintauchen in die Geschichte Georgiens. Sicherlich liegt es aber auch an dem feurigen Temperament der Georgier. Diese Gefühle kann man in Kunst und Musik vielleicht am besten ausdrücken. Man lebt diese Gefühle und schafft es gleichzeitig, andere Menschen damit zu berühren. teleschau: Sie fahren jedes Jahr nach Georgien. Was finden Sie dort vor? Melua: Das Meer, die Küste und der Norden Georgiens in Richtung Türkei - das sind beeindruckende Landschaften. Ich bin in Batumi aufgewachsen, einer Küstenstadt. Im Osten gibt es aber auch ganz tolle Berge, dort fuhr ich im letzten Jahr Ski. Wenn man von Tiflis nach Batumi fährt, dann fährt man acht Stunden lang eine der schönsten Autorouten, die ich kenne. Man kommt durch tolle Wälder und an großartigen Bergen vorbei. Entlang der Straße gibt es ein paar Restaurants am Fluss. Dort kann man sitzen und die Füße im Wasser baden. Besonders ältere Männer sitzen da gerne. Sie spielen dazu Gitarre und singen. Eine tolle Atmosphäre. teleschau: Kennt man Sie in Georgien? Sind Sie dort eine Volksheldin? Melua: Ich weiß nicht, ob ich dort ein Idol bin. Aber die Georgier wissen, dass ich in Europa als Sängerin und mit meinen Liedern Erfolg habe. Im November werde ich dort mein erstes Konzert spielen, darauf freue ich mich wirklich. teleschau: Zurück zu Ihrem neuen Album. Gibt es darauf eine Art Lieblingslied? Eines, worauf Sie besonders stolz sind? Melua: Ich würde sagen "Spiders Web". Das war anfangs ein politisches Lied. Aber je öfter ich es spiele, desto mehr denke ich: Es ist ein Lied über das Leben selbst. Ich schrieb es zur Zeit des Irakkrieges. Aber eigentlich geht es darin um meine eigene Unsicherheit. Darum, dass ich nicht weiß, wie meine Gefühle in Bezug auf eine bestimmte Sache wirklich aussehen. Besonders, wenn ich nicht alles über diese Sache weiß. Irgendwie erkannte ich damals, dass das Leben nicht so einfach war, wie ich dachte. Wenn du ein Kind bist, sagt man dir, dass es Gut und Böse gibt. Hollywood, die Märchen, Bücher - alle sagen dir das. Auch die Politiker wollen dir vorgaukeln, dass man die Welt in Gut und Böse einteilen kann. Das ist jedoch zu einfach. In diesem Lied geht es darum, dass fast alle Dinge auf der Welt eine gute und eine böse Seite besitzen. teleschau: Sie singen Jazz und Blues. Musik, der man unterstellt, man bräuchte eine - sagen wir mal - reichhaltige Lebenserfahrung, um diese Musik richtig singen zu können. Haben Sie manchmal Angst, dass Ihnen diese Lebenserfahrung fehlt? Melua: Nein, ich habe beim Singen keine Angst. Deshalb tue ich es ja. Es stimmt, ich war nie drogen- oder alkoholsüchtig. Ich habe auch keine 100 Ex-Liebhaber hinter mir gelassen. Ich war nie sehr arm oder superreich. Aber: Ich habe alle diese Gefühle dennoch. Ich kann meine Gefühle in diese Geschichten hineinprojizieren. Es braucht nur ein großes tolles Liebeslied, um sie in mir auszulösen. Auch wenn ich diese Gefühle noch nie selbst erlebt habe. Eric Leimann |
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