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Cannes-Festival 2008: jenseits des Mainstreams

Cannes sieht mehr

(tsch) Deutlicher hätte das Statement des 61. Internationalen Filmfestivals in Cannes (14. bis 25.05.) zu seinem diesjährigen Programm schon in den ersten Tagen nicht ausfallen können: Gefeiert wird vor allem ein Kino, das seine Bilder jenseits des Mainstreams sucht und eine andere Sicht auf die Dinge vermitteln will. "Sehen" erweist sich überhaupt als das große Thema in diesem Jahr, da passte gewiss auch der Eröffnungsfilm "Stadt der Blinden". Und ein Stück Zelluloid verdeckt, symbolisch als schwarzer Balken, die Augen der wasserstoffblonden Dame mit den roten Lippen und roten Fingernägeln auf dem offiziellen Festivalplakat, das in der ganzen Stadt und natürlich auch riesig über dem Festival-Palais hängt.

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Wie schnell unsere Zivilisation in einer Extremsituation in die Brüche geht, zeigte Regisseur Fernando Meirelles im Eröffnungsfilm "Die Stadt der Blinden" (startet am 23.10. in Deutschland) nach dem Roman von Nobelpreisträger José Saramago (1995). Ohne sichtbaren Grund verlieren immer mehr Menschen nach und nach ihr Augenlicht. Eine Gruppe "Erstinfizierter" wird von der Regierung aus Sicherheitsgründen kaserniert und mit Essensrationen der Selbstorganisation überlassen - eine Probe für die Menschlichkeit. Visuell überzeugend und gut gespielt von Stars wie Julianne Moore und Danny Glover. Ein bisschen "Herr der Fliegen", ein bisschen Hanekes "Wolfszeit" und irgendwie auch an Genrefilme erinnernd, geht dem Film, nach einem starken Anfang, ab der Hälfte die Luft und Spannung aus. Das erfolgreiche Ringen nach einem Happy End nahm zumindest das Galapublikum dankbar entgegen, denn danach feiert es sich einfach besser.

Dagegen erweist sich der Wettbewerbsbeitrag "Waltz With Bashir" (Kinostart im Herbst) mit einer erschütternden Endsequenz als keine Minute zu lang und ein echtes gewagtes Fundstück. Hier werden Sehgewohnheiten komplett über den Haufen geworfen, ein neues Genre wird vorgeführt: die Trickfilm-Doku. Regisseur Ari Folman spürt in dieser komplexen autobiografischen Geschichte seinen eigenen Gedächtnislücken nach. Als junger Israeli war er in den frühen 80er-Jahren als Soldat im ersten Libanon-Krieg mit dabei. Immer wieder tauchen Erinnerungsbruchstücke auf, die mit dem Massaker von Sabra und Chatila an den Palästinensern zu tun haben.

Folman besucht ehemalige Kameraden, um seine Vergangenheit mithilfe ihrer Erinnerungen aufzuarbeiten. Was wie ein Comic aussieht, transportiert authentische Kriegserinnerungen verschiedener Männer, deren gezeichnete Alter Egos der Betrachter sieht, wobei er die Originalstimmen hört. Die Ereignisse, von denen es so gut wie keine Filmaufnahmen gibt, wirken präsent, die Erzählungen erhalten durch ihre gleichzeitige Animation eine ganz besondere Intensität. Ein Anti-Kriegsfilm der besonderen Art, der sicher auch in Cannes nicht leer ausgehen wird.

Gerade die schwere cineastische Kost verdaut, macht ein verfressener, pummliger Bär, der davon träumt ein Actionheld zu sein, das Kino-Leben wieder leichter. Auch das ist immer wieder Cannes: eine Plattform für das neueste CGI-Abenteuer wie jetzt "Kung Fu Panda" (Start: 03.07.) von Dreamworks, natürlich außerhalb des Wettbewerbs, aber mit Hollywood-Starpotenzial bei den Sprechern (Angelina Jolie, Dustin Hoffman). Auch wenn die Tierwelt für die Animes eigentlich schon relativ verbraucht ist, erweist sich der Panda als eine unkonventionelle Figur für diese witzige und spannend umgesetzte Martial-Arts-Persiflage.

Cineasten, denen das zu banal ist, entdecken derweil das "Neue Argentische Kino". Das südamerikanische Land ist zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des Festivals mit zwei Beiträgen im Wettbewerb vertreten. Der Qualitätssprung der argentinischen Filmemacher zeigt sich schon beim bereits gelaufenen Film "Leonera" von Pablo Trapero. Eine junge Frau kommt wegen Mordes ins Gefängnis, bringt dort ihr Kind zur Welt und versucht es, gegen alle Widerstände bei sich zu behalten.

Vielversprechendes Kino, das auch von den anderen Cannes-Debütanten erwartet wird. Sie machen 2008 fast die Hälfte in einem Wettbewerb aus, der viele Jahre als Treffpunkt etablierter Regisseure mit ihrem neuesten Film galt. Aber Clint Eastwood, Atom Egoyan und Wim Wenders kommen ja auch diesmal noch dran.

Diemuth Schmidt


"Die Stadt der Blinden" mit Julianne Moore und Mark Ruffalo in den Hauptrollen startet am 23.10. in den deutschen Kinos. In Cannes lief er als Eröffnungsfilm.
"Die Stadt der Blinden" mit Julianne Moore und Mark Ruffalo in den Hauptrollen startet am 23.10. in den deutschen Kinos. In Cannes lief er als Eröffnungsfilm. (Kinowelt)

Die neue Dreamworks-Produktion "Kung Fu Panda" startet in Deutschland am 03.07. - zur Präsentation kam unter anderem Angelina Jolie nach Cannes, die in dem Animationsfilm Master Tigress spricht.
Die neue Dreamworks-Produktion "Kung Fu Panda" startet in Deutschland am 03.07. - zur Präsentation kam unter anderem Angelina Jolie nach Cannes, die in dem Animationsfilm Master Tigress spricht. (2008 Getty Images)

Benicio Del Toro spielt die Hauptrolle in Steven Soderberghs "Che"-Epos.
Benicio Del Toro spielt die Hauptrolle in Steven Soderberghs "Che"-Epos. (Cannes Filmfestival)

Datum: 17.05.2008

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