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Gute Laune und GrößenwahnMusiker The Feeling (tsch) 267 Mal am Tag. So oft spielten britische Radiostationen im Jahr 2006 im Durchschnitt einen Song von The Feeling. Eine beeindruckende Zahl, vor allem, wenn man bedenkt, dass die fünf (!) Hitsingles des Londoner Quintetts, die damals über den Äther gingen, alle von ihrem Debütalbum "Twelve Stops And Home" stammten. Die Band schien den Code für perfekten Radio-Pop geknackt zu haben, der einfach darin lag, alle zu diesem Zeitpunkt gängigen Moden und Musiktrends zu missachten. Sie bedienten sich aus vermeintlich "uncoolen" 70er-Jahre-Einflüssen wie ELO, Supertramp, The Wings und The Carpenters und erschufen daraus schamlos eingängige Melodien. Während in der Zwischenzeit Künstler wie Mika und The Hoosiers extrem erfolgreich mit ähnlichen Pop-Pate(nte)n arbeiten, sind The Feeling schon einen Schritt weiter. Auf ihrem zweiten Album "Join With Us" reagieren sie nicht mit Abgrenzung oder Verweigerung gegenüber Erfolg, Nachahmern und der Abnutzungsgefahr ihrer Melodien durch massives Airplay, sondern setzen alles auf eine Karte. Und, wie sich im Interview mit The Feeling-Sänger Dan Gillespie Sells herausstellt, auf gesunden Größenwahn und kühl kalkulierte Kontrolle. Die höfliche Abgeklärtheit und Unaufgeregtheit, mit welcher der Sänger von The Feeling auf Fragen reagiert, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Auch wenn es ihre Musik vermuten ließe, die Bandmitglieder sind keine überdrehten Jungspunde, die von ihrem Erfolg über Nacht überwältigt worden sind. Allesamt Ende 20, Anfang 30, kennen sie sich seit der gemeinsamen Zeit auf der "Brit School of Performing Arts" und spielen schon seit über zehn Jahren zusammen. Und nicht zuletzt hat das Quintett, wenn man so will, nicht nur bei Null, sondern sogar unter Null Grad angefangen. Jahrelang heizten The Feeling als Coverband beim Après-Ski den Gästen eines französischen Wintersportorts ein. "Das war eine harte Schule", sagt Gillespie Sells. "Aber mit dieser Erfahrung müssen wir heute vor keinem Publikum der Welt mehr Angst haben. Wir wissen, wie man die Massen begeistern kann." Mit dieser Selbstsicherheit gingen The Feeling auch die Arbeit an ihrem zweiten Album an, das die Erfahrung nun doch schon "eine ältere Band" zu sein, widerspiegeln sollte. Mit diesem Ziel verschanzten sie sich nur zehn Tage nach Beendigung ihrer Tour in einem riesigen Anwesen aus der Tudor-Ära. "Wir wollten nicht in ein gewöhnliches Studio gehen", erklärt Gillespie Sells diesen Schritt. "Und wir wollten das Album ohne fremde Hilfe aufnehmen, ohne Produzent, Techniker. Keine Ablenkung von außen, das war uns wirklich wichtig." Bei allem, mehrfach im Interview betonten, offensichtlichen Spaß, den die Band bei den Aufnahmen in den historischen Kulissen hatte und der auf "Join With Us" deutlich hörbar ist, lässt sich tatsächlich hinsichtlich der Texte eine höhere Reife feststellen. "I Thought It Was Over" erzählt zwar eine "gewöhnliche" Liebesgeschichte, inspiriert ist der Song jedoch vom Fall der Berliner Mauer. "Ich war damals zwölf", sagt Gillespie Sells. "Ich erinnere mich an die Nachrichten, an die Geschichten von Menschen, die all diese Jahre voneinander getrennt waren und nun wieder vereint wurden. Und der Song handelt von Kreisläufen. Im Kalten Krieg herrschte ein Klima des Terrors. Dann, als die Mauer fiel, dachte man, nun würde alles gut werden. Dann kam der 11. September und der Kreislauf begann wieder von vorne: Die eine Art des Terrorismus wurde nur gegen eine andere ausgetauscht. Aber so funktioniert die Welt nunmal." Auch zum Verständnis des gesunden Größenwahns, den The Feeling auf ihrem zweiten Album an den Tag legen, ist der bereits erwähnte Song ein gutes Beispiel. Der hintergründige Text reitet unverfroren auf einem Disco-Beat à la Diana Ross, die Band spielt erstmalig mit den Möglichkeiten elektronischer Tanzmusik. Andere Songs werden mit majestätischen Arrangements überladen, für die man Richard Niles engagierte. Auf dessen Konto gehen unter anderem die großartigen Streicher im Tears-For-Fears-Cover "Sowing The Seeds Of Love". Und egal ob "Phantom Of The Opera"-Zitat, Chorgesang oder schmieriges Saxofonsolo: "Zu viel" ist ein Ausdruck, der im (musikalischen) Wortschatz von The Feeling niemals auftaucht. "Auf deinem zweiten Album musst du doch einfach verrückt sein. Es gibt nichts zu verlieren", sagt Gillespie Sells. Für das Quintett darf eben alles gerne immer noch eine Nummer größer sein. Das gilt auch für Live-Auftritte. So wie beim "Concert For Diana", letztes Jahr im Londoner Wembley-Stadion, bei dem 60.000 Besucher und Künstler wie Rod Stewart, Bryan Ferry, Andrea Bocelli, Take That, P. Diddy und natürlich Elton John des zehnjährigen Todestags der englischen Prinzessin gedachten. "Das war genau unser Publikum", sagt Gillespie Sells, "eine Mischung aus verschiedensten Menschen jeglichen Alters, die einfach Spaß haben wollen. Ein Publikum, das feiern will und wir, die gute Laune verbreiten." Und so einfach ist es im Endeffekt auch: The Feeling verbreiten gute, ja, beste Laune. Und die lässt man sich sogar 267 Mal am Tag gefallen. Stefan Weber |
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