(tsch/vm) „Alles wird gut, wir haben immer noch uns“. Dieser Satz ist beinahe zu einer Ehepaar-Floskel mutiert. Meistens hilft er auch, selbst wenn etwas wirklich Schlimmes vorgefallen ist. Doch was passiert, wenn kurz darauf der eine stirbt und der andere mit seiner Trauer allein gelassen wird? Auf diese Frage konzentriert sich das Drama „Things We Lost In The Fire“ und zelebriert die Trauer der Witwe (Halle Berry) bis zum Äußersten.
Anzeige
Sam Mendes steht in den Credits, und das lässt aufhorchen, schließlich bescherte der britische Regisseur dem Publikum das Jahrhundertwerk "American Beauty". Doch die Zeit rennt, inzwischen steht Mendes, der seinem Erfolg nicht viel nachfolgen ließ, kaum mehr hinter der Kamera, auch "Things We Lost In The Fire" hat er nur mitproduziert. Regie führte die Dänin Susanne Bier, die er nun - wenngleich es sich um eine britische Produktion handelt - in Hollywood einführt. Bier drehte unter anderem den bewegenden Film "Open Hearts", der ihre Feinfühligkeit mit heiklen Themen unter Beweis stellte. Auch diesmal widmet sie sich dem Tod.
Sie waren so ein attraktives Paar, David Duchovny, die ewige "Akte X", und Oscar-Preisträgerin Halle Berry. Ihre beiden Kinder spiegeln die Schönheit ihrer Eltern wider. Sie führten eine Ehe, die funktionierte. Eines Abends fährt ein Polizeiwagen vor und der Beamte erklärt Audrey (Berry) das Unfassbare: Burke, ihr Mann, ist tot.
Im Anschluss arbeitet Susanne Bier mit Rückblenden, befriedigt damit beim Zuschauer das Bedürfnis, mehr über diesen Mann und diese Beziehung zu erfahren. Die Konstellation ist dabei vergleichbar mit Susannah Grants "Lieben und Lassen" im vergangenen Jahr. Einen ähnlich leichten Umgang mit dem Thema wird man bei Bier aber nicht finden. Sie geht ganz nah ran an den Tod und die Trauer. Ganz nah, wie auch ihre Kamera. Unzählige Male verliert sich der Film in Close-ups. Ein Auge, eine Hand, Halle Berrys unendliche Schönheit. Diese Sucht nach Ästhetik müsste nicht sein, würde man der Geschichte ein wenig mehr vertrauen.
Eine Geschichte, die augenscheinlich nicht recht vorwärtskommt, aber genau damit der Situation Rechnung trägt. Wo soll man anfangen, wenn man die Liebe verliert? Mit Reaktionen, die sich logisch nicht erklären lassen. So spricht Audrey mit Jerry (Benicio Del Toro), dem Freund ihres Mannes, den sie am wenigsten mochte. Ein Junkie, den Burke immer unterstützte.
Jerry trifft der Tod seines Sandkastenfreundes genauso schlimm. Er weiß, dass Burke der Einzige war, der ihn nicht aufgegeben hat. Audrey lässt ihn in der Garage wohnen, und er schenkt den Kindern und manchmal auch ihr eine Normalität, die gut tut. Umgekehrt schaden dem Entzugswilligen die Jogging-Einheiten mit dem Nachbarn und der geregelte Alltag nicht. Eine wacklige Symbiose, keine Frage. Wo soll das hinführen? Warum spricht Jerry von Audreys Schönheit? Und mit welchem Recht behandelt sie ihn wie einen Menschen zweiter Klasse? Sie lässt ihn rein in dieses neue, fremde Leben, schmeißt ihn wieder raus. Doch sie halten aneinander fest.
Es ist der filigranen Zeichnung des Verstorbenen zu verdanken, dass die beiden die Balance halten. Burke war nicht perfekt, aber fast. Audrey versucht zu verdrängen, wird eingeholt, tritt auf der Stelle und möchte nur schreien. All das fängt die Regisseurin in dramatischen Bildern ein.
Benicio Del Toros Gesicht ist eine Gewalt. Es füllt die Leinwand, er wirkt zerfurcht und krank. Nicht immer bebildern die extremen Nahaufnahmen ein Gefühl. Es gibt Momente, in denen nichts weiter passiert, der Film sich wortlos einige Sekunden in Halle Berrys aufregendem Gesicht verliert.
Das Problem vieler Szenen ist, dass sie im amerikanischen Mainstream anders wirken als in einem kleinen skandinavischen Film. Aus diesem Grund könnte man das Drama gefühlsduselig nennen, es umklammert die schönen Momente. Der Zuschauer braucht Verständnis für die Ausnahmesituation, um all das zu mögen. Wenn ein Mädchen aus Jerrys Selbsthilfegruppe (Alison Lohman) der Witwe erklärt, dass sie ihre Liebe vor 2.600 Tagen verloren hat. Dass es besser wird, dass man wieder bereit sein wird für eine neue.
Im Grunde jedoch geht der Film brutal mit den Gefühlen seiner Protagonisten um. Audrey ignoriert die von Jerry und Jerry die dieses Mädchens. Sie wollen einander helfen, aber ausgerechnet von dem, der das möchte, will man nichts annehmen. Die Angst, dass der andere zu viel oder das Falsche will, schwingt immer mit.
"Things We Lost In The Fire" wandelt auf einem schmalen Grat. Wenn er einerseits zeigt, wie schnell man Verantwortung übernimmt, wie gut dem Drogenabhängigen die Akzeptanz der zehnjährigen Harper (Alexis Llewellyn) und des sechsjährigen Dory (Micah Berry) tun, wechseln sie im nächsten Moment die Positionen. Gerade noch als Ersatzdaddy angehimmelt, entpuppt sich die Tochter zu später Stunde in der Küche als Erziehungsberechtigte für Jerry.
Herausziehen kann man dennoch vieles, vielleicht die unterschätzte Qualität von Freundschaft oder nur die Erkenntnis, dass jeder alleine weitermachen muss. Dies behandelt die Dänin mit dem Drehbuch von Allan Loeb in großen Sätzen und Gesten, mit eben jenen Bildern, die ganz nah ran gehen. Wer sich darauf nicht einlassen mag, wird nicht verstehen, was der Film in seiner letzten Einstellung sagen will - und unbefriedigt aus dem Kino gehen.
Claudia Nitsche
Credits: V:Universal, USA 2007, R: Susanne Bier, D: Halle Berry, Benicio Del Toro, David Duchovny u.a.
Laufzeit: 117 Min.
Kinostart: 29. Mai 2008
Eine junge Witwe und ein Drogenabhängiger erleben extreme Höhen und Tiefen. (2007 DreamWorks Pictures LLC / Doane Gregory)
Als Audrey Burke (Halle Berry) erfährt, dass ihr Ehemann tödlich verunglückt ist, steht sie unter Schock. (2007 DreamWorks Pictures LLC / Doane Gregory)
Jerry Sunborne (Benicio Del Toro) ist sich nicht sicher, ob er sich bei Audrey und ihren Kindern wohlfühlen soll. (2007 DreamWorks Pictures LLC / Doane Gregory)