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Standard Operating Procedure

Standard Operating Procedure

(tsch/vm) Kriegsfotos haben es so an sich, Schock zu erzeugen. Schock, der das Verständnis für die Ausnahmesituation, in der sie entstanden sind, blockiert. Das Grauen präsentiert sich in dem Dokumentarfilm „Standard Operating Procedure“ in immer neuen Bildern vor den Augen des Zuschauers: Soldaten grinsen in die Fotokamera, wobei geschundene Häftlinge neben ihnen auf dem Boden liegen. Das sind die Bilder, die zum Symbol des US-Einsatzes in Irak wurden. Dokumentarfilmer Errol Morris versucht mit seinem Film „Standard Operating Procedure“ Einblick in die Motive zu gewähren, die einen Menschen zu solch bestialischen Handlungen verleiten.

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Zwei Stunden lang fächert er die skandalträchtigen Digitalbilder auf, ordnet sie, fokussiert Details, ergänzt Zusammenhänge. Es sind tausende solcher Aufnahmen, und doch nur Ausschnitte dessen, was tatsächlich vorgegangen ist hinter den dicken Gefängnismauern im Wüstensand. Auf ihnen ist zu verfolgen, wie nackte Gefangene gezwungen wurden, sich zu einer menschlichen Pyramide aufzuschichten, oder ihnen ein Sack über den Kopf gezogen und gedroht wurde, sie würden einen tödlichen Stromschlag erleiden, wenn sie sich von ihrer Position entfernten.

Zu jener Zeit in den Jahren 2003 und 2004, als die Fotos entstanden, lag Abu Ghraib inmitten eines hart umkämpften Gebietes. Ständig schlugen Granaten in der Nähe des Gefängnisses ein, nächtlicher Beschuss gehörte zum Alltag. Morris zeigt kein Verständnis für die Taten der Soldaten, welche die Erniedrigungen der Häftlinge selbst auf ihren privaten Fotoapparaten festhielten. Doch verurteilt er sie auch nicht.

Morris Mission ist es, Verständnis für die Gesamtsituation zu erzeugen. In stundenlangen Interviews mit den verurteilten und unehrenhaft aus dem Dienst entlassenen Soldaten fördert er erstmals ihre ureigene Sichtweise zutage. Sie erzählen ihre Geschichte nicht einem Zuhörer rechts oder links von der Kamera, wie sonst in Dokumentarfilmen üblich, sondern sprechen den Zuschauer scheinbar direkt an. Ermöglicht wird dieser Eindruck durch ein Interviewgerät, das Morris speziell für seine Befragungen entwickelte: das so genannte "Interrotron". Während der Gespräche saß Morris in einem anderen Raum, doch sein Gesicht war - ähnlich einem Teleprompter - für die Interviewten auf der Kameralinse sichtbar, sodass sie es für sie ganz natürlich war, in die Kamera zu sprechen. Dadurch entsteht für den Zuschauer ein tatsächlich intimerer, persönlicherer Eindruck von den Schilderungen der Befragten.

Morris konnte nicht alle wichtigen Beteiligten der Vorfälle für die Kooperation an seinem Filmprojekt gewinnen. Charles Graner, der schnauzbärtige Liebhaber gleich zweier Kameradinnen und mutmaßlicher Strippenzieher hinter den meisten Erniedrigungen sitzt noch in Haft und stand für ein Interview nicht zur Verfügung. Auch weigerten sich hohe Militärs, mit Ausnahme der für das Gefängnis zuständigen Generalin Janis Karpinski, über die Vorfälle Auskunft zu geben. Karpinski, die im Nachspiel der zahlreichen Untersuchungen zum Oberst degradiert wurde, richtet harte Anschuldigungen an die politische und militärische Administration. Der Eindruck, dass im Nachhinein vieles vertuscht wurde, auch in der Frage, ob es tatsächlich Anweisungen von obersten Stellen zur Erniedrigung von irakischen Häftlingen gegeben hat, stellt sich am Ende zumindest beim Zuschauer ein.

Die dichte filmische Rekonstruktion des Ablaufs der Ereignisse macht es zum Teil schwierig, sich von der schieren Schockwirkung der Fotos zu lösen und die menschlichen Hintergründe ihrer Entstehung nachzuvollziehen. Morris ergänzte die Interviewsequenzen und Foto-Analysen mit Spielszenen, die einen Eindruck von den wahren Geschehnissen geben sollen. Das Ziel, über die geringen Ausmaße der Fotos hinauszuschauen und sich die Frage zu stellen, was tatsächlich dahintersteckt und wieso der Mensch ebenso zur vorschnellen Aburteilung neigt wie zur Ignoranz gegenüber unkomfortablen Wahrheiten, erreicht Morris indes nur bedingt. Denn Bilder allein, und das ist die zentrale Aussage des Films, können die Wahrheit nicht enthüllen. "Standard Operating Procedure" braucht Kontextualisierung, das Gespräch, den Austausch von Lesarten des Gesehenen.

Leif Kramp

Credits:
V:Sony Pictures, USA 2007, R: Errol Morris

Laufzeit: 118 Min.

Kinostart:
29. Mai 2008


Der Abu-Ghuraib-Folterskandal hat in der ganzen Welt eine Welle der Empörung ausgelöst.
Der Abu-Ghuraib-Folterskandal hat in der ganzen Welt eine Welle der Empörung ausgelöst. (2008 Sony Pictures Releasing GmbH)

Dokumentarfilmer Errol Morris spürt die beklemmende Stimmung im Gefängnis Abu Ghraib.
Dokumentarfilmer Errol Morris spürt die beklemmende Stimmung im Gefängnis Abu Ghraib. (2008 Sony Pictures Releasing GmbH)

Die US-Soldatin Lynndie Rana England wurde zu drei Jahren Haft verurteilt und kam nach 521 Tagen auf Bewährung frei.
Die US-Soldatin Lynndie Rana England wurde zu drei Jahren Haft verurteilt und kam nach 521 Tagen auf Bewährung frei. (2008 Sony Pictures Releasing GmbH)

Datum: 25.05.2008

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Artikel ID 201103

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