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Errol Morris

"Die Geschichte ist längst nicht vorbei"

Regisseur Errol Morris

(tsch/vm) Für "The Fog of War" erhielt US-Regisseur Errol Morris im Jahre 2004 den Oscar. Der 60-jährige Filmemacher stieß mit seinen Dokumentarfilmen erst spät auf internationale Anerkennung: erstmals mit seinem Interview mit Robert McNamara, dem US-Verteidigungsminister, der mit an dem Vietnamkrieg schuld war. Nun traut er sich erneut an eine kontroverse und traurige Episode der amerikanischen Geschichte: dem US-Militäreinsatz in Irak. In seinem Dokumentarfilm „Standard Operating Procedure“ (Kinostart: 29.05.) versucht er, hinter die Horror-Kulissen der menschlichen Misshandlungen in Abu Ghraib zu blicken. Er zeigt Fotos. Fotos, die oft mit der privaten Amateurkamera aufgenommen wurden, zur Erinnerung. Darauf grinsen US-Soldaten stolz neben geschundenen Häftlingen; darauf spielt sich der ganze Horror ab, der den Zuschauer über die unergründliche Boshaftigkeit der menschlichen Natur staunen lässt. Im Interview verrät Errol Morris Hintergründe seiner düsteren Dokumentation und spricht über den „völligen Verfall der Ideale“.

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teleschau: Viele Fotos, die in Abu Ghraib aufgenommen wurden, wirken gestellt. Denken Sie, manche Taten wären nicht begangen worden, wenn die Soldaten keine Fotoapparate zur Hand gehabt hätten?

Morris: Ich glaube immer noch, dass die gewalttätigsten Taten nicht mit Kameras dokumentiert worden sind. Von den wirklich brutalen Folterungen, die in Abu Ghraib vorgenommen wurden, gibt es meiner Ansicht nach keine Fotos, zumindest haben wir keine Beweise. Ich denke, es hat etwas Ironisches, wenn die Fotos, die zutage gekommen sind, Maßnahmen dokumentieren, die angeblich eine Standardarbeitsanweisung darstellten: eine Routine. Wenn ein Gefangener nackt in einer Stressposition gefesselt stundenlang ausharren musste und nicht wusste, was mit ihm geschieht, wurde das von verantwortlichen Militärs als normales Vorgehen bezeichnet. Für mich ist das Folter. Jene Situationen indes, die speziell für die Fotos arrangiert wurden, sind nicht so sehr Folter, ob es nun Lynndie England mit Zigarette im Mund ist, die auf den Penis eines Gefangenen zeigt, oder ein Häftling, der an etwas festgebunden ist, das wie eine Hundeleine aussieht: Das fällt tatsächlich unter die Kategorie "Erniedrigung". Wir wurden aber so sehr von diesen Fotos geschockt, dass wir über die tatsächlichen Misshandlungen in diesen Gefängnissen hinweggetäuscht wurden. Wir dürfen uns da nichts vormachen.

teleschau: Was beschäftigt Sie im Rückblick am meisten, wenn Sie an die Vorfälle und Ihre Gespräche mit den Beteiligten nachdenken?

Morris: In was für einem Land bin ich aufgewachsen, das Kinder ins Gefängnis steckt und ihnen mit Foltern droht, das ein Gefängnis in einem Kampfgebiet betreibt, sodass die Gefangenen und die eigenen Soldaten gleichermaßen in ständiger Angst ums eigene Leben fürchten müssen, ohne Hoffnung auf einen humanitären Zufluchtspunkt? Dieser Ort sollte wertvolle Geheiminformationen zutage fördern, doch am Ende stellte sich heraus, dass so gut wie nichts brauchbar war. Es geht nicht um die Diskussion, ob Folter gerechtfertigt ist oder nicht, sondern um den völligen Verfall all jener Ideale, für die mein Heimatland einstehen sollte.

teleschau: Kann ein Amerikaner heute noch mit gutem Gewissen von Idealen der Freiheit sprechen?

Morris: Ich bin kein Naivling, der nichts über die Geschichte der USA weiß und meint, alles sei sauber und friedvoll gewesen, bis die Vereinigten Staaten unversehens in einen Albtraum tappten. Aber abgesehen von all den hohlen Phrasen, dem Nahen Osten Frieden zu bringen oder eine Demokratie zu installieren, wo es nie zuvor eine Demokratie gegeben hat, ist auf erschreckende Weise festzustellen, welche Diskrepanz zwischen der Darstellung der Geschehnisse durch die US-Verantwortlichen und den tatsächlichen Vorkommnissen durch die Fotos entlarvt wird. Ich bin Amerikaner und ich liebe mein Land, aber ich bin sprachlos, wenn ich solche grotesken und schlimmen Taten mit ansehen muss. Ich bin nur froh, dass mein Land noch Filme wie meinen zulässt.

teleschau: Glauben Sie, Ihr Film kann etwas verändern?

Morris: Die Geschichte ist längst nicht vorbei, der Krieg geht weiter. Wir haben immer noch Soldaten im Irak, die für alles, was dort geschieht, nur allzu gerne von den tatsächlichen Entscheidungsträgern verantwortlich gemacht werden. Das ist also nicht vorbei und wird uns für immer und ewig verfolgen. Aber es macht dennoch Sinn, die Aufmerksamkeit der Menschen auf diese Problematik zu lenken und zu sagen, dass etwas falsch läuft. Das ist die Pflicht eines jeden Bürgers in einer Demokratie - egal, welchen Effekt es hat.

teleschau: Aber der Fall wurde ja offiziell zu den Akten gelegt.

Morris: Es gab nie eine tatsächliche offizielle Untersuchung über Abu Ghraib. Ob es nun der Taguba-Report war oder der von Schmidt-Furlow oder einer der anderen gut ein Dutzend Untersuchungen über die Ereignisse in Abu Ghraib: Sie sind nicht mehr als Fragmente der Geschichte, die nur allzu dienlich dafür sind, dass man sich mit ihrem kleinen Ausschnitt beschäftigen kann, ohne die ganze Misere in den Blick zu nehmen. Diese Reporte sorgen eher dafür, alles zu vertuschen als aufzuklären.

teleschau: Kann eine neue Regierung unter einem neuen US-Präsidenten, der im November gewählt wird, etwas ändern, oder handelt es sich um ein tiefer gehendes Problem?

Morris: Die tiefsten menschlichen Problematiken haben nichts mit Politik zu tun. Wenn mich die Leute manchmal fragen, ob nun dieser oder jener Präsident besser wäre und ob wir einen Regierungswandel bräuchten, antworte ich: Wir brauchen keinen politischen Wechsel, wir brauchen einen Wechsel der Spezies. Und obwohl die Bush-Regierung die schlimmste Administration meiner gesamten Lebenszeit ist, und ich bin ja bereits 60 Jahre alt, liegt das Grundproblem wahrscheinlich im Menschen selbst, der einfach nicht gut ist. Wir sind, was wir sind. Findet etwas Besseres!

teleschau: Hätten Sie den Film ohne die Mithilfe der Soldaten drehen können?

Morris: Auf keinen Fall, denn es handelt sich ja um persönliche Interviews, auf deren Basis der Film die Geschichte von Abu Ghraib erzählt. Es wäre ein völlig anderer Film geworden ohne ihre Kooperation.

teleschau: Wieso haben sich die Soldaten Ihnen gegenüber geöffnet?

Morris: Ich weiß nicht, wie ein Mensch überhaupt irgendeinem anderen trauen kann. Ich war aber bereit, ihnen zuzuhören, ohne Bedingungen zu stellen. Nur wenige Menschen unserer Tage sind dazu bereit, einfach mal die Klappe zu halten und ihren Gegenüber erzählen zu lassen. Ich selbst neige dazu, viel zu viel zu reden. Wenn ich einmal die Gelegenheit dazu bekomme, kann ich nur schwer wieder aufhören. Doch Interviews haben mir beigebracht, dass es viel gewinnbringender ist, still zu sein, den Gesprächspartner reden zu lassen und zuzuhören. Ich hatte keine Agenda, keine vorgefasste Meinung, sondern ließ einfach das auf mich zukommen, was sie mir erzählen würden. Wenn man sich die Befragungsprotokolle von Lynndie England durchliest, könnte man meinen, sie sei dumm und könne sich nicht ausdrücken. Doch ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie sich sehr wohl ausdrücken kann, und ihre Geschichte bewegte mich sehr.

teleschau: Es mag widersinnig klingen, aber hätten Sie den Soldaten, welche die Fotos geschossen haben, nicht eigentlich Lizenzgebühren für die Nutzung ihres Bildmaterials zahlen müssen?

Morris: So widersinnig ist das nicht, schließlich haben wir einen Film damit gemacht und bringen ihn in die Kinos. Unter normalen Umständen wäre anzunehmen, dass durch die Vorfälle das Militär die Urheberrechte vertritt, doch da es eine ganze Reihe an öffentlichen Gerichtsprozessen in dieser Sache gegeben hat, befinden sich die Fotografien sozusagen im öffentlichen Besitz. Also musste ich niemandem etwas zahlen.

teleschau: Sie haben weit über 1.000 Fotos zusammengetragen. Was geschieht nun mit ihnen?

Morris: Ich glaube, es sind sogar mehrere tausend Bilder, wenn ich recht überlege. Sie sollen aber nicht weggeschlossen werden, sondern ich habe den Plan, sie ins Internet zu stellen. Ich habe schon mit Experten an der Harvard University gesprochen, wie man eine Website konstruiert, auf der die Fotos für die breite Öffentlichkeit in einer übersichtlichen Form zugänglich gemacht werden können. Ich stelle mir eine virtuelle Matrix vor, in der die Bilder zu bestimmten Daten auf einer chronologischen Linie aufgereiht sind. Der Nutzer kann sie dann anklicken und in die Welt, die sich dahinter jeweils auftut, eintauchen.

Leif Kramp


Für seine Dokumentation "The Fog of War" erhielt der Filmemacher Errol Morris im Jahr 2004 den Oscar. Der Film kam auch in die deutschen Kinos und ist auf DVD erhältlich.
Für seine Dokumentation "The Fog of War" erhielt der Filmemacher Errol Morris im Jahr 2004 den Oscar. Der Film kam auch in die deutschen Kinos und ist auf DVD erhältlich. (Nubar Alexanian / Movienet)

Dokumentarfilmer Errol Morris spürt die beklemmende Stimmung im Gefängnis Abu Ghraib.
Dokumentarfilmer Errol Morris spürt die beklemmende Stimmung im Gefängnis Abu Ghraib. (2008 Sony Pictures Releasing GmbH)

Die US-Soldatin Lynndie Rana England wurde zu drei Jahren Haft verurteilt und kam nach 521 Tagen auf Bewährung frei.
Die US-Soldatin Lynndie Rana England wurde zu drei Jahren Haft verurteilt und kam nach 521 Tagen auf Bewährung frei. (2008 Sony Pictures Releasing GmbH)

Datum: 26.05.2008

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