Hintergrundberichte zu neuen DVD-Editionen und -Sammelboxen
Die "Grande Dame" des Star-Trek-Universums
Inzwischen ist die größte Euphorie ja verflogen, man hat sich an das Bild gewöhnt: An Barack Obama, den ersten schwarzen Präsidenten der USA. Und fast könnte man vergessen, welches gesellschaftliche Problem die Rassendiskriminierung noch in den 60er-Jahren darstellte. Auch als Star-Trek-Schöpfer Gene Roddenberry beschloss, eines der Besatzungsmitglieder seines "Raumschiff Enterprise" mit einer afroamerikanischen Schauspielerin zu besetzen, sorgte dies für großes öffentliches Aufsehen. Schließlich waren bis zu diesem Zeitpunkt schwarze Darstellerinnen höchstens als Dienstmädchen im Fernsehen zu sehen. Deswegen ist es auch kaum zu hoch gegriffen, zu behaupten, dass Nichelle Nichols als Lieutenant Uhura in der Weltraumsaga, deren erste Staffel nun remastert auf DVD und Blu-ray erscheint, nicht nur Fernsehgeschichte geschrieben hat.
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Ihrer außergewöhnlichen Rolle - auch jenseits des Star-Trek-Universums - ist sich die inzwischen 76-jährige Schauspielerin voll bewusst. Nichelle Nichols war unbestritten der größte Stargast der "FedCon XVIII", dem größten alljährlich stattfindenden Treffen von "Star Trek"- und Science-Fiction-Fans in Deutschland. Ungeachtet ihrer Bedeutung für die Weltraumsaga steht die Schauspielerin aber gerade in diesem Jahr in besonderem Maße im Mittelpunkt des Interesses. Schließlich lief gerade der elfte "Star Trek"-Film, in dem Regisseur und Produzent J.J. Abrams in einer Art "Prequel" die Vorgeschichte der legendären "Enterprise"-Crew um Kirk, Spock, Pille und eben auch Uhura erzählt, im Kino an. So bekam die 76-Jährige auch tosenden Applaus als sie am 1. Mai - mit leichter Verspätung - zur offiziellen Pressekonferenz der "FedCon" erschien. Und musste gleich einige Erwartungen enttäuschen, denn Nichols hatte den neuen Film zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen.
Trotzdem sparte sie nicht mit Lobeshymnen auf Regisseur Abrams ("Er behandelt 'Star Trek' mit Respekt, denn er ist selbst ein großer Fan!"), erzählt ausführlich von einem Besuch der Dreharbeiten, zu dem er sie einlud. Abrams hätte sie in seinen Regiestuhl gesetzt, und mit ihr zwei Stunden lang über die Rolle der Uhura geredet. Und Nichols bestätigt auf Nachfrage hin, dass es zu Beginn der Produktion tatsächlich Überlegungen gab, ihr - ähnlich wie Spock-Darsteller Leonard Nimoy - eine Nebenrolle im Film zu geben: "J.J. meinte, dass er mich gerne dabei hätte", erzählt die Schauspielerin. "Es gab Gespräche darüber, ob ich eventuell die Großmutter der jungen Uhura spielen könnte. Das hat leider nicht geklappt. Aber ich finde es auch viel wichtiger, dass der neue Film für sich selbst steht. Und jetzt bin auch einfach nur gespannt zu sehen, was wir denn vor dem Aufbruch zu unserer Fünf-Jahres-Mission gemacht haben."
Insofern dürfte die Schauspielerin wohl jetzt zum Kinostart von "Star Trek", wie auch alle anderen Zuschauer, einigermaßen überrascht sein. Schließlich kommt es im Film zu einem spektakulären Kuss zwischen dem jungen Offizier Spock und der Sternenflottenrekrutin Uhura. Eine unerwartete Wendung, bedenkt man, dass der spitzohrige Vulkanier in der Originalserie dafür berühmt war, niemals Emotionen zuzulassen. Ähnliches gilt auch für die Kommunikationsoffizierin, von der Nichols selbst in einem Interview behauptete, dass sie vor allem als "geradlinige Frau im Dienst" aufgetreten sei. Aber womöglich ist der Kuss gerade eben doch eine der in "Star Trek" zahlreichen Reminiszenzen an die ursprüngliche Fernsehserie aus den 60er-Jahren.
Denn eine der Aufsehen erregendsten Szenen der Originalserie war ebenfalls ein Kuss zwischen Kirk und Uhura, zwischen zwei Angehörigen unterschiedlicher Rassen. Lange Zeit galt jener als der erste seiner Art im amerikanischen Fernsehen, diese Ehre gebührt aber wohl eigentlich Nancy Sinatra und Sammy Davis jr.. Aber allein die Tatsache, dass der Fernsehsender NBC um die Kontroversen fürchtete, die durch diese Szene im konservativen Süden der USA hätten ausgelöst werden können, zeigt die damalige gesellschaftliche Bedeutung und politische Sprengkraft der Serie.
Dessen ist sich die Schauspielerin auch bewusst, als sie bei der Eröffnungszeremonie der "FedCon" als letzte der Stargäste vom Moderator auf die Bühne gebeten wird. Auch hier tosender Applaus, dieses Mal gespendet von 3.000 "Star Trek"-Fans. Die erleben eine agile 76-Jährige, die mit selbstironischem Witz, aber auch mit sichtlichem Stolz noch einmal ausführlich die legendäre Geschichte erzählt, wie Martin Luther King höchstpersönlich sie dazu bewegte, die Serie nicht zu verlassen.
Denn eigentlich wollte sie Schauspielerei zugunsten ihrer Gesangskarriere aufgeben, woraufhin Gene Roddenberry ihr ein Wochenende Bedenkzeit gegeben hätte, erinnert sich Nichols. Nach einem Auftritt in einem Club hätte - zu ihrer völligen Überraschung und folgender Sprachlosigkeit - dann King vor ihr gestanden. Der, nachdem sie ihm ihre Zukunftspläne eröffnet hatte, nur einen Satz gesagt hätte: "Das können Sie nicht machen!" Seine beiden Töchter wären große Fans, sie solle die Wirkung einer schwarzen Offizierin, die Nummer vier in der Rangordnung des Schiffs sei, nicht unterschätzen.
Überhaupt, auch wenn die Serie in der Zukunft spiele, spiegele sie doch die Möglichkeiten einer schwarzen Frau auch in der Gegenwart wieder. Der Rest ist - in diesem Fall tatsächlich - Geschichte. Denn auch wenn Nichols den ersten schwarzen US-Präsidenten in ihrer Ansprache nicht erwähnt: Seine Wahl ist auch eine Anerkennung ihrer Lebensleistung. Und ein Schritt hin zur friedlichen und toleranten Gesellschaft, die sie und "Star Trek"-Schöpfer Gene Roddenberry in den 60er-Jahren erträumten.
Stefan Weber
Nicht nur im Star-Trek-Universum eine Legende: Nichelle Nichols. (Paramount)
"Ich bin gespannt zu sehen, was wir vor dem Aufbruch zu unserer Fünf-Jahres-Mission gemacht haben: Nichelle Nichols sieht dem neuen "Star Trek"-Film von Regisseur J.J. Abrams mit Vorfreude entgegen. (Paramount)
Martin Luther King sah in ihr ein Vorbild für alle Schwarzen und überredete die Schauspielerin, weiterhin die Rolle von Lieutenant Uhura in "Star Trek" zu spielen: Nichelle Nichols. (Paramount)
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