Hintergrundberichte zu neuen DVD-Editionen und -Sammelboxen
In einem Raum mit John Travolta
Seine Geschichte, so sagt Chris Williams, sei eigentlich ganz gewöhnlich. So wie die vieler Leute, die im Animationsbereich arbeiten. "Als Kind habe ich Filme geliebt und das Zeichnen und schon relativ früh erste eigenen Comic-Strips gemacht, was meiner Mutter immer Sorge bereitete." Sie wollte, dass er versorgt ist als Erwachsener. "Sie konnte sich nicht vorstellen, wie ein Künstler seinen Lebensunterhalt bestreitet." Also hat sie Chris auf ein College, eine Schule für Animation, geschickt. Und dort hat Disney nach Nachwuchskräften gesucht. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet der Kanadier (38) nun schon für den Hollywood-Riesen. Eine bewegende Zeit, vor allem, seit John Lasseter das Kommando übernahm und ihm die Regie von "Bolt - Ein Hund für alle Fälle" übertrug.
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teleschau: Sie wurden von der College-Bank weg ins Disney-Studio geholt. Was ist seitdem anders geworden?
Chris Williams: Ich fing als Praktikant an und blieb dann hängen. Damals war Jeffrey Katzenberg noch da, der ja nach dem "König der Löwen" Dreamworks gründete. Der erste Film, an dem ich richtig mitarbeitete, war "Mulan". Das ist jetzt auch schon elf Jahre her. Die Animation hat sich seitdem radikal verändert, auch im Verständnis des Publikums. Als ich Anfang der 90-er in dieser Branche anfing, wurden die Filme als "Kinderkram" angesehen. Mittlerweile werden sie ernstgenommen. Sowohl von den Kritikern als auch von den Zuschauern.
teleschau: Wie erklären Sie sich diesen Sinneswandel?
Williams: Das hat viel mit dem kreativen Potenzial und dem Erfolg von Pixar zu tun. Wir haben die Künstler dort immer bewundert und uns gewünscht, einen Chef wie den Pixar-Boss John Lasseter zu haben.
teleschau: Der ja nach der Fusion von Disney und Pixar wirklich ihr Chef wurde ...
Williams: Das war ein ungemein aufregender Tag. Unser ganzes Team, etwa 800 Leute, wurden in eines der riesigen Realfilm-Studios nebenan gebeten. Und dann kam John Lasseter auf die Bühne. Es war, als ständen dort die Beatles, so aufgeregt waren wir alle. Wir wussten, dass wir den besten Boss bekommen.
teleschau: Mussten Sie Ihre eigene Kreativität einem neuen Dogma unterordnen?
Williams: Ganz und gar nicht. John gibt vor allem beratend Input. Er ist eine Inspirationsquelle. Die Pixar-Philosophie, ist künstlerzentriert. Uns wurde nichts aufgezwungen, vielmehr wurden wir ermuntert, uns richtig einzubringen, uns komplett verantwortlich für unsere Filme zu fühlen. Mehr kann man sich als Künstler nicht wünschen.
teleschau: Zum Beispiel drückt er beim Thema 3D auf die Tube ...
Williams: Stimmt, aber auch das macht er, wenn Sie so wollen, auf die sanfte Art und Weise. Ich freue mich über diese neue Technik und das, was mit ihr möglich ist. Bei "Bolt" war es so, dass die 3D-Sequenzen von einem Extra-Team produziert wurden. Wir haben uns ganz auf die herkömmliche Version konzentrieren können. Was gut war: Wir konnten die Geschichte auf unsere Art erzählen, ohne sie der Technik unterzuordnen.
teleschau: Im Vergleich zu anderen Animationsfilmen, schnitt "Bolt" an der Kinokasse relativ schlecht ab. Wie sehr waren Sie darüber enttäuscht?
Williams: Als Filmemacher wollen wir natürlich, dass unsere Arbeit auch von vielen Menschen gesehen wird. Klar hätten wir uns mehr Zuschauer gewünscht. Aber wirklich schlecht war das Einspielergebnis nicht. Allerdings versteht man es in Hollywood - und nur da -, auf hohem Niveau zu jammern. Wir haben allein in den USA mehr als 100 Millionen Dollar eingespielt, für die allermeisten Filme ein Traumergebnis. Stolz bin ich aber vor allem, dass "Bolt" am zweiten Wochenende mehr Zuschauer hatte als am ersten. Was normalerweise kaum passiert. Das heißt, unser Film wurde weiterempfohlen.
teleschau: Ursprünglich sollte Chris Sanders bei "Bolt" Regie führen, wie kamen Sie denn an Bord?
Williams: Es gab kreative Meinungsverschiedenheiten zwischen Chris Sanders und John Lasseter, solche Dinge passieren in dem Geschäft. Das war ja auch bei "Toy Story 2" oder "Ratatouille" der Fall. Also hat mich John gefragt, ob ich den Film übernehmen würde. Natürlich respektiere ich Chris und seine Arbeit, aber da an "Bolt" auch eine Menge Arbeitsplätze hingen, hatte ich gar keine andere Wahl. Ich hatte einen Heidenrespekt davor, aber John ermutigte mich: "Es gibt keine Einschränkungen, denke einfach, es ist der erste Tag und wir beginnen mit der Arbeit an einem neuen Film." Das war sehr fair.
teleschau: Hatte Disney eigentlich Einwände gegen die kleine Nebengeschichte, in der Sie doch recht kritisch das Geschäft mit den Kinderstars wie Miley Cyrus thematisieren? Sie spricht im Original ja auch Bolts Frauchen Penny ...
Williams: Ich habe diese Sache bewusst als spielerische Satire angelegt. Auf keinen Fall sollte meine Kritik an Hollywood in irgendeiner Weise aggressiv wirken. Ich lebe und arbeite schließlich im selben System und habe mich ganz bewusst entschieden, Teil dieser Industrie zu sein. Bei Miley Cyrus war ich mir auch bewusst, dass sie ein Kinderstar ist, im Prinzip ein begehrtes Produkt, das jeder haben will. Aber ich war beeindruckt, dass ihre Mutter immer dabei war, und sie mit ihrem Bruder und Onkel ständig telefonierte. Es gab einen starken familiären Zusammenhalt, und sie wirkte dadurch sehr natürlich. Und sie war sehr professionell.
teleschau: Sie kennt sich ja auch im Geschäft aus ...
Williams: Miley hat jahrelang gesungen und diese TV-Show gemacht, das ist richtig. Aber ich hatte noch nie gesehen, wie sie eine Rolle spielte, die so viele emotionale Szenen beinhaltete. "Hannah Montana" ist leicht und luftig, und wir fragten sie, ein Mädchen zu spielen, das dem Tod ins Auge sieht. Das war eine echte Herausforderung, die sie aber gut meisterte.
teleschau: Auf der anderen Seite hatten Sie mit John Travolta, der Bolt synchronisierte, ein Hollywood-Schwergewicht im Studio ...
Williams: Daran musste ich mich erst gewöhnen. Oder besser: Ich musste meine Ehrfurcht ablegen. Er ist eine Ikone, und ich kenne und liebe seine Filme. Aber ich konnte natürlich nicht einfach hingehen und ihn fragen, ob ich ein Autogramm bekomme. Wir waren am Set Kollegen und ich der Regisseur, der wusste, wo's lang geht und eine klare Vorstellung hat. Als er das gespürt hat, war er ganz und gar bei der Sache. Für mich blieb's trotzdem überwältigend: Bei einigen Aufnahmen waren nur wir beide im Studio. Wir nahmen seine Rolle auf, und ich habe als Vertretung die anderen gelesen. Der Gedanke daran, mit John Travolta geschauspielert zu haben, lässt mich heute noch zittern.
Andreas Fischer
Der 38-jährige Chris Williams inszenierte "Bolt - Ein Hund für alle Fälle". (Disney / Kevin Winter / Getty Images)
Disneys "Bolt - Ein Hund für alle Fälle", der jetzt auf DVD und Blu-ray-Disc erhältlich ist, war die erste Regiearbeit von Chris Williams. (Disney)
Der Kanadier Chris Williams arbeitet seit 15 Jahren für die Animationsabteilung von Disney. (Disney)
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