Hintergrundberichte zu neuen DVD-Editionen und -Sammelboxen
Sicherheit im Tode
Es ist nicht die äußere, sondern die innere Sicherheit, die Autor und Regisseur John Patrick Shanley (58) in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Broadwaystück "Glaubensfrage" thematisierte. Er selbst verbrachte seine Kindheit an einer kirchlichen Schule, wo er auch sein Drama platzierte, das der Oscar-Gewinner (Bestes Drehbuch: "Mondsüchtig", 1988) selbst für die Leinwand adaptierte und inszenierte. Die Geschichte handelt von einem Pfarrer (Philip Seymour Hoffman), der von einer Nonne (Meryl Streep) verdächtigt wird, im Umgang mit einem Schüler zu weit gegangen zu sein. Sicher ist das nicht, und so regiert der Zweifel. Anlässlich der DVD- und Blu-ray-Disc-Veröffentlichung des für jeweils fünf Oscars und Golden Globes nominierten Films, verriet Shanley, dass er selbst immer wieder zweifelt.
Anzeige
teleschau: "Glaubensfrage" war Ihre erste Arbeit als Regisseur seit 1990. Warum hat es seit "Joe gegen den Vulkan" so lange gedauert, bis Sie den nächsten Film in Angriff nahmen?
John Patrick Shanley: Nach den anstrengenden Dreharbeiten damals wollte ich einfach nur nach Hause, und zurück zu meinen Wurzeln als Bühnenautor. Außerdem adoptierte ich zwei Kinder, die viel Zeit in Anspruch nahmen und erkrankte am Grünen Star, was zur zeitweiligen Blindheit führte und mehrere Operationen nötig machte. Dann aber wurde "Glaubensfrage" ein Theatererfolg, und ich dachte mir: Das ist eine gute Möglichkeit, mal wieder einen Film zu machen.
teleschau: Warum haben Sie im Film andere Schauspieler eingesetzt, als auf der Bühne zu sehen waren?
Shanley: Das Theaterstück wurde von jemand anderem inszeniert - Dough Hughes, und er machte seinen Job fantastisch. Ich hatte wirklich keine Lust, seine Arbeit zu kopieren und als meine auszugeben. Außerdem war es mir nach 18 Jahren Pause wichtig, dem Film meinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken.
teleschau: Hatten Sie von Anfang vor, das Stück zu verfilmen?
Shanley: Ganz und gar nicht, ich hatte keinen Gedanken daran verschwendet, bis ich vom Studio darauf angesprochen wurde. Als ich akzeptierte, musste ich mir wirklich Gedanken machen, wie es zum Teufel überhaupt funktionieren kann.
teleschau: Hat Sie eigentlich ein spezieller Vorfall, ein Skandal oder ein Gerücht zu "Glaubensfrage" inspiriert?
Shanley: Nein.
teleschau: Der Film, und auch das Theaterstück, behandeln Themen, die durchaus aktuell sind. Warum siedelten Sie "Glaubensfrage" in den 60er-Jahren an?
Shanley: Das Stück schrieb ich während der Invasion des Irak. Damals sprachen viele Leute mit voller Überzeugung davon, dass Saddam Massenvernichtungswaffen besäße. Ich fühlte mich dadurch irgendwie eingeengt und unterdrückt. Irgendwann wurde mir klar, dass ich ganz einfach Zweifel hatte. Die erinnerten mich an meine Kindheit in den 60er-Jahren, als ich zum ersten Mal zweifelte - obwohl ich von Gewissheit und Sicherheit umgeben war. Daraus entstand die Geschichte.
teleschau: Zweifel kann es überall geben. Warum suchten Sie sich gerade dieses bestimmte Milieu aus?
Shanley: Das Milieu suchte mich aus. Ich wuchs in einem Arbeiterviertel in der Bronx auf, dort wo "Glaubensfrage" spielt. Die Umgebung ist meine Kindheitsumgebung: die Straße, in der ich aufwuchs, die kirchliche Schule, die ich besuchte, die Dächer, auf denen ich spielte und die Gassen, durch die ich schlich.
teleschau: Obwohl "Glaubensfrage" unbestimmt bleibt und nicht ausdrücklich klar wird, was passierte: Gab es von der Kirche negative Reaktionen?
Shanley: Im Gegenteil. Ich kenne eine Menge Priester, Nonnen und Mönche, die komplett positiv auf das Material reagierten.
teleschau: Auch wenn Sie Ihr Publikum mit Zweifeln aus dem Film entlassen: Haben Sie für sich selbst entschieden, was passiert ist?
Shanley: Die Geschichte wird aus der Perspektive der Nonnen erzählt. Wir wissen, was sie wissen. Und sie wissen nicht alles.
teleschau: Sehnen Sie sich manchmal nach mehr Gewissheit im Leben?
Shanley: Ich sehne mich manchmal nach dem Tod.
Andreas Fischer
John Patrick Shanley erzählte in "Glaubensfrage" die Geschichte seiner eigenen Zweifel. (Disney)
Auf eine ähnliche katholische Schule, wie die, in der Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman) und Schwester James (Amy Adams) unterrichten, ging auch "Glaubensfrage"-Regisseur John Patrick Shanley. (Disney)
Anzeige
Konzert-DVD im Stream Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream