Hintergrundberichte zu neuen DVD-Editionen und -Sammelboxen
Der Wahrheit verpflichtet
Mit Helden und Bösewichten kennt sich Bryan Singer (44) aus: Er inszenierte die "X-Men" und "Superman" für die große Leinwand. Und schließlich gehe es auch in "Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat" (2008) um eine Art Kampf zwischen Gut und Böse, findet der Regisseur, der sich als Geschichts-Fan bezeichnet und akribisch für seinen Film recherchierte, der nun auf DVD und Blu-ray-Disc erhältlich ist.
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teleschau: Mr. Singer, wie weit ist der Weg von Comic-Verfilmungen zu einem historischen Drama wie "Operation Walküre"?
Bryan Singer: Zunächst einmal interessierte mich dieser spezielle Teil der Geschichte schon immer. Ich habe ihn ja auch kurz in "X-Men 2" thematisiert. Und in gewisser Hinsicht ist "Operation Walküre" vor allem den "X-Men"-Filmen nicht unähnlich: Die Protagonisten haben eine Mission und werden von Darstellern gespielt, die als Ensemble funktionieren müssen, mit individuellen Fähigkeiten, aber auch Schwächen. Die Herausforderung war, dass es sich um Personen handelt, die wirklich gelebt haben und mit denen man vertraut ist - durch persönliche Schriftstücke, Fotos, Filmaufnahmen, Dokumente.
teleschau: Außerhalb Deutschlands kennt allerdings kaum jemand die Personen, die Sie porträtieren ...
Singer: Die meisten sind unbekannt, das ist richtig. Wenn ich den Film nicht in Deutschland gedreht hätte, wäre ich vielleicht etwas freier mit den Figuren umgegangen. Aber je mehr Zeit ich mit der Vorbereitung in Deutschland verbrachte, mit Zeitzeugen, Stauffenbergs Familienangehörigen, Historikern und sogar Hitlers mittlerweile 91-jährigem Leibwächter redete, desto mehr wurde ich mir meiner Verantwortung bewusst, die Geschichte so akkurat wie möglich zu erzählen.
teleschau: Aber ein Doku-Drama wollten Sie nicht drehen, oder?
Singer: Der Film sollte wie ein Thriller funktionieren und kein Drama oder Biopic werden. Natürlich ist es hilfreich, dass die Story auch in der Wirklichkeit ein Thriller war.
teleschau: Was bekamen Sie von den Vorbehalten mit, mit denen Ihr Projekt von Presse und Öffentlichkeit in Deutschland begleitet wurde?
Singer: Diese Ablehnung sorgte natürlich für etwas Stress, war aber ähnlich wie beim ersten "X-Men"-Film, der im Vorfeld ebenfalls mit viel Skepsis betrachtet wurde. Damals wie heute sagte ich mir: Ich mache diesen Film mit Leidenschaft und Aufrichtigkeit. Aber erst wenn der Film fertig ist, können die Zuschauer entscheiden, ob sie ihn ablehnen oder akzeptieren. Das half mir, als die Stimmung aggressiver wurde. Zumal der meiste Unsinn von Leuten verzapft wurde, die keine Ahnung hatten, was wir eigentlich machten. Die hatten Angst um "ihre" Geschichte und dass sie nicht korrekt erzählt werden würde.
teleschau: Welche Verantwortung hat denn ein Filmemacher hinsichtlich historischer Genauigkeit?
Singer: Wenn ein Film auf einer wahren Geschichte beruht, muss er so akkurat wie möglich sein. Das sehe ich als Verpflichtung der Wahrheit gegenüber, auch wenn es sicher Kollegen gibt, die darüber streiten würden. Aber ich liebe Geschichte, und wenn ich historische Filme wie "Tora! Tora! Tora!" sehe, will ich mir sicher sein, dass die Fakten stimmen, und dass ich zumindest ein Gefühl davon bekomme, was wirklich geschah.
teleschau: Weswegen Sie auch auf der Blu-ray-Disc und DVD mit Zusatzdokumentationen die Geschichtsstunde sozusagen vertiefen?
Singer: Ja, vor allem die Doku "Das Vermächtnis des Deutschen Widerstandes" liegt mir am Herzen. Wir haben diesen Film gemacht, um zu zeigen, welchen Einfluss das Attentat auf Deutschland hatte und heute noch hat - in meinen Augen das wichtigste Extra, weil hier auch kulturelle und zeitgeschichtliche Zusammenhänge erläutert werden, die bis in die heutige Zeit reichen. Ich bin extrem stolz darauf, was Regisseur Kevin Burns geleistet hat, der einige außergewöhnliche Interviews für den Film führte. Unter anderem mit dem letzten Überlebenden der Resistance, der eine Woche nach dem Gespräch starb.
teleschau: Glauben Sie, dass Filme wie Ihrer es schaffen, ein differenziertes Bild der Geschichte zu vermitteln? Sie konzentrieren sich immerhin auf einen der wenigen Lichtblicke in einer dunklen Zeit.
Singer: Es ist einfach so, dass es selbst in Zeiten wie der Nazi-Ära mutige Menschen gab, die sich gegen das Unrecht auflehnten. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß, solche Zeiten sind sehr komplex. Ich erinnere mich sehr genau an ein Erlebnis aus meiner Schulzeit, als ein KZ-Überlebender einen Vortrag hielt. Natürlich machte er deutlich, dass der Holocaust in der deutschen Verantwortung lag, aber er erzählte auch von Menschen, die ihn versteckten, ihm halfen und ihm sogar eine Waffe gaben, um sich zu verteidigen. Die Verbrecher haben damals das Land regiert, klar. Aber es gab nicht nur böse Deutsche, sondern auch gute und Menschen dazwischen. Das ist heute nicht anders. Ein Bekannter von mir ist in der US-Army. Ein netter Familienvater, ein guter Mann. Aber er kämpft im Irak, für seine Überzeugung, für sein Land. Seine politischen Ansichten mögen sich von meinen unterscheiden, aber ohne Leute wie ihn wären wir wehrlos. Sein Leben lässt sich in gewisser Weise auf Stauffenberg projizieren. Er trat ebenfalls für seine Überzeugung ein und hat, als ihm bewusst wurde, dass sein Oberbefehlshaber ein kranker Psychopath ist, der die Welt in den Abgrund schickt, konsequente Maßnahmen ergriffen und setzte dafür sein Leben und das seiner Familie aufs Spiel.
teleschau: Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was passiert wäre, hätte Stauffenberg Erfolg gehabt?
Singer: Vielleicht hätten es Leute wie Himmler und Göring mit der Angst zu tun bekommen und einen früheren Waffenstillstand ausgehandelt. Ein paar Millionen Menschen hätten sicher nicht sterben müssen. Der Krieg war allerdings entschieden, als die USA eingriffen. Hitler wusste das, er hatte darüber schon in "Mein Kampf" nachgedacht. Den Osten hielt er für bezwingbar, aber ein Kampf mit den Mächten des Westens, so schrieb er, würde eine Schlacht auf Leben und Tod werden.
teleschau: Sie kennen sich mit diesem Teil der Geschichte erstaunlich gut aus. Wo kommt Ihr Interesse her?
Singer: Zum Teil weil ich jüdisch bin, aber auch weil Deutschland vor Hitler ein kulturell faszinierendes Land war - mit einer aufgeklärten Gesellschaft und einer gesunden Wirtschaft. Ich stelle es mir als Spiegel der USA vor. Und dann, beginnend mit den ökonomischen Schwierigkeiten jener Zeit, wurde das Land der Nährboden für unfassbare Verbrechen gegen die Menschlichkeit - in einem Ausmaß, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Ich finde es wichtig zu verstehen, wie das passieren konnte. Zumal sich die Geschichte gern wiederholt.
teleschau: Auch heute gibt es eine Wirtschaftskrise und die Menschen suchen nach Halt ...
Singer: Die meisten Menschen sind Mitläufer, und wenn die ihre Familien nicht ernähren können, dann folgen sie den Versprechen weniger Anführer. Damals schuf Hitler große Illusionen, die auf Eroberung, Vergrößerung des Reiches und Sklaverei fußten. Das machten die chinesischen Kaiser übrigens während des 2.000 Jahre dauernden Prozess der Vereinigung des Reiches nicht anders. Es macht Angst zu wissen, dass Hitler hätte erfolgreich gewesen sein können, wenn die Sowjets und die westlichen Alliierten nicht gemeinsam gekämpft hätten. Das ist eine wichtige Lektion: wie gefährlich es ist, den Versprechungen eines rhetorisch gewandten Populisten ohne nachzudenken zu folgen. Da sollten wir auch heute auf der Hut sein.
teleschau: Glauben Sie, dass ein Typ wie Hitler heute noch einmal ein ganzes Land verblenden könnte, dass sich die Geschichte wirklich wiederholen könnte?
Singer: Absolut. Es wäre schwieriger in der modernen Welt, aber wenn die Zeiten hart genug wären, ist das nicht auszuschließen. Auf einem globalen Level sorgt wahrscheinlich das nukleare Waffenpotenzial für ausreichend Abschreckung, aber in kleineren Ländern und auf Regionen beschränkt ist das vorstellbar. So wie in Ruanda zum Beispiel. Deswegen ist es wichtig, die Mechanismen in Nazi-Deutschland zu analysieren, vor allem weil es sich um eine hoch entwickelte, gebildete Gesellschaft handelte, die verzweifelt war und in Hoffnungslosigkeit und Angst ertrank. Natürlich spielten da auch politische Umstände, wie die Schwäche des alten Hindenburg eine Rolle, der nicht sah, was sich zusammenbraute. Die Leute glaubten Hitler, sie glaubten, dass sie besser wären als die Juden, als die Sowjets. Aus Stolz wurde Arroganz, sodass Privilegien wie Nahrung und Land als Recht angesehen wurden, das anderen Menschen aberkannt wurde. Ohne den Grundsatz, dass alle Menschen gleich sind, ist alles möglich. Wie Gaskammern.
teleschau: Einer der letzten lebenden Nazi-Verbrecher, John Demanjuk, wurde kürzlich nach Deutschland ausgeliefert. Er war Wächter in einem Vernichtungslager, und ihm soll in München der Prozess gemacht werden. Sind Sie froh, dass er auch jetzt noch zur Verantwortung gezogen wird?
Singer: Auf jeden Fall. Natürlich. Welche Verjährungsfrist hat Massenmord? Ist man mit 90 Jahren plötzlich unschuldig, wegen des Alters? Wie gesagt, ich traf Hitlers ehemaligen Leibwächter Rochus Misch. Der war 91 Jahre alt und vollkommen fit, körperlich und geistig und wollte später in die Sauna. Er war kein Massenmörder, und ich glaube nicht, dass ich mit ihm an einem Tische hätte sitzen können, wäre er es gewesen. Aber Misch wusste genau, wem er gedient hat. Ich stellte ihm allerdings keine moralischen Fragen, sondern darüber, wie der Führer war.
teleschau: Was hat er Ihnen erzählt?
Singer: Es war schwierig, mit zwei Übersetzern, aber ich bekam mit, dass Hitler in eine Depression verfiel, als sich das Blatt im Zweiten Weltkrieg wendete, dass es offensichtlich eine Menge Machtkämpfe im inneren Führer-Zirkel gab und dass sein Lieblingsfilm "Vom Winde verweht" war. Das hat mich überrascht. Weniger erstaunt war ich, als ich die einzig existierende Tonaufnahme des "privaten" Hitler anhörte, mit seiner normalen, "entspannten" Stimme. Die Aufnahme entstand in einem verwanzten Zug, in dem Hitler einen finnischen General traf. Da gab es keinen Dialog, nur einen Monolog des Führers. Das haben Diktatoren wohl so an sich: Sie hören sich gerne selbst reden und haben ein großes Mitteilungsbedürfnis.
teleschau: Womit wir wieder bei den Superhelden-Filmen wären: Die Oberschurken machen das genauso!
Singer: Wahrscheinlich hat das etwas miteinander zu tun, richtig. Vielleicht akzeptieren wir deswegen, dass die Bösewichter in langen Monologen ihren Masterplan verraten. Hitler hat das ja auch getan, er schrieb ihn sogar auf. Aber niemand schenkte seinem Buch Beachtung. Dabei stand in "Mein Kampf" alles drin, was er später an Gräueln verübte.
Andreas Fischer
Regisseur Bryan Singer hat sich mehr als ein Jahr auf "Operation Walküre" vorbereitet und konnte die Kritik, die im Vorfeld des Films von deutscher Presse und Öffentlichkeit immer wieder geäußert wurde, nicht verstehen. (Fox)
Regisseur Bryan Singer (rechts) diskutiert mit Hauptdarsteller Tom Cruise (Mitte) am Set von "Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat". (Fox)
Alles im Blick: Regisseur Bryan Singer (rechts) bei den Proben einer Szene mit Tom Cruise und Carice van Houten. (Fox)
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