Hintergrundberichte zu neuen DVD-Editionen und -Sammelboxen
Zuhause beim König von New York
Wie das Geburtshaus eine Gangsterrappers sieht 226 St. James Place in Brooklyn, New York, nicht gerade aus. Goldene Beschläge zieren die dunkle Edelholztür, hinter der das Wohnhaus liegt, in dem Notorious B.I.G. zur Welt kam und aufwuchs. Es ist ein heißer Tag im Sommer, nicht irgendein Tag - es ist der 21. Mai, der Geburtstag der Rap-Legende. 37 wäre Biggie geworden.
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Hätte er auf die Warnungen seiner Kumpels und Familie gehört, wäre er vor zwölf Jahren, während der Nachwehen der Eastcoast-Westcoast-Fehde, nicht nach L.A. gefahren, und hätte der Täter nicht derart präzise gefeuert, dann wäre Biggie 37 geworden. Doch er wurde nur 24 - nicht zuletzt deswegen feiert ihn die Rapszene als den King of New York, als den Besten, den es jemals gegeben hat.
Notorious' Leben war ebenso kurz wie aufregend, vom Crackdealer zum Weltstar in Bestzeit. Ein Leben aus dem Stoff, aus dem nicht nur Träume sind, sondern auch Hollywood-Streifen. Und genau deshalb steht an eben jenem Tag eine Traube internationaler Journalisten vor 226 St. James Place, anlässlich der DVD-Veröffentlichung des Biopics "Notorious B.I.G." (VÖ: 21. August).
Sie umringen eine adrette ältere Dame in einem hellblau-gestreiften Hosenanzug, Louis-Vitton-Täschchen auf dem Arm, Sonnenbrille auf der Nase. Voletta Wallace spricht bedächtig, schickt jede Silbe über ihre Lippen, als könne sie sich kaum von ihr trennen, und setzt in den Redepausen ein mildes Lächeln auf. Wie die Mutter eines Gangsterrappers sieht sie nicht gerade aus.
Tatsächlich beteuert sie, von der Dealerei ihres Sohnes, den sie Christopher nennt, bis zum Dreh des Films keinen blassen Schimmer gehabt zu haben. Als Beispiel für ihre Unbedarftheit, eines das auch der Film zeigt, erzählt sie, dass sie eines Tages von der Arbeit heimkam und unter Christophers Bett einen Teller mit gelben Bröseln entdeckte, diese für Kartoffelbrei hielt und entsorgte. Doch es waren Crack-Krümel, und Mutter (im Film großartig gespielt von Angela Bassett) hatte gerade die Einkünfte einer Woche in die Restmülltonne gekippt. "Ich dachte, man schnupft Crack", gesteht Miss Wallace, "wenn ich mit ihm schimpfte, sagte ich: 'Warum hängst du mit diesen Crack-schnupfenden Leuten rum?'"
Etwas abseits der Traube steht Ex-Manager Wayne Barrow und telefoniert mit zwei Handys gleichzeitig. Als die Blackberrys mal für ein paar Minuten schweigen, schmunzelt er über Miss Wallaces Unwissenheit, und erklärt: "Ich musste ihr klar machen, dass sie keine Gute-Nacht-Geschichte erzählen kann. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wären wir beim Disney-Channel gelandet, und Kids hätten sich in Christopher Wallace verliebt. Das ist nicht HipHop, das ist nicht cool. Das verstand sie. Also gingen wir den ungeschönten, den authentischen Weg."
Dennoch: Statt das Bild eines rüden Gangsters, der Biggie seinen Texten nach zu urteilen gewesen sein mag, zeichnet "Notorious B.I.G." (Regie: George Tillman Jr.) das Bild eines smarten, liebenswerten und humorvollen Teddybären, verblüffend authentisch gespielt von Newcomer Jamal Woolard. Nicht nur Wayne Barrow beschreibt Biggie so, auch TV-Moderator Ralph McDaniels, der Notorious' erstes Video schoss, schwärmt von dessen sympathischer Ausstrahlung: "Er war wirklich nicht der hübscheste, aber er wickelte die Frauen reihenweise um den Finger. Und dank ihm fühlten sich dicke Männer wohl in ihrer Haut."
Also doch kein Gangsterrapper? "Big war ein Visionär. Seine Texte versetzen den Hörer dorthin, wo er gewesen war. Er malte Bilder mit Worten - für mich ist er ein Künstler", umreißt Wayne Barrow und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Biggie war wohl eher ein Poet seiner Zeit, der in seine Texte einfließen ließ, was ihn umgab: Die harte Realität des Brooklyn der späten Achtziger, die sogenannte Crack-Ära, als Weiße die Gegend noch mieden und die Beschläge an der Tür von 226 St. James Place noch gusseisern waren.
Mittlerweile steigt in Brooklyn die Kleinfamilienzahl wie damals die Kriminalrate. Biggies Viertel, Bedford-Stuyvesant - übrigens auch Jay-Zs Viertel -, hat sich rausgeputzt und könnte an Sommertagen wie diesem dem düsteren Getto-Stereotyp nicht ferner sein. Doch im Beauty Salon um die Ecke läuft immer noch Biggies erste Platte, ganz ohne Sarkasmus "Ready To Die" getauft. Eine Schande, dass Christopher Wallace schon die Veröffentlichung seiner zweiten Scheibe nicht mehr erleben durfte: Während der Westcoast-Promotour zum Album wurde er am 9. März 1997 in einem Drive-By-Shooting ermordet. Aus der ausrangierten Stereoanlage auf der Fulton Street schallt es: "Considered a fool, 'cause I dropped out of high school / Stereotypes of a black male misunderstood, but it's still all good" - zwei Zeilen der ersten Single "Juicy", die dank Produzent Sean Combs, dereinst Puff Daddy, jetzt Diddy, zum Durchbruch wurde.
Zwar ziehen im HipHop Trends schneller vorbei als die Autos, die sich Rapper von ihren Hits kaufen. Doch neben Notorious B.I.G. glänzt wohl nur Tupac mit vergleichbarer Nachhaltigkeit. Und nicht nur die Maniküristin hört Biggie, im Kiosk gegenüber läuft "One More Chance", und aus dem Lexus an der Ampel wummert irgendein Remix. Hier T-Shirts mit Biggie-Prints, da Biggie-Graffiti. Selbst zwölf Jahre nach seinen Tod ist sein Bild kein bisschen verblasst. Getreu seinen eigenen Worten: "Live the phrase: Sky's the limit!"
Gregor Jossé
Ob auf T-Shirts, an Wänden oder aus Boxen - Christopher "Notorious B.I.G." Wallace ist auch zwölf Jahre nach seinem Tod allgegenwärtig. (20th Century Fox Home Entertainment)
Die Lebensgeschichte des Königs von New York erscheint am 21. August auf DVD und Blu-ray-Disc: "Notorious B.I.G. - No Dream Is Too B.I.G.". (20th Century Fox Home Entertainment)
Queen Mum of New York: Biggies Mama vor 226 St. James Place, dem Geburtshaus ihres einzigen Sohnes. (20th Century Fox Home Entertainment)
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