Hintergrundberichte zu neuen DVD-Editionen und -Sammelboxen
"Wenn ich könnte, würde ich ihn nochmal töten!"
Wie sieht eigentlich die Mutter eines Gangsterrappers aus? Es ist ein Donnerstag Vormittag in New York, ein paar Journalisten bevölkern die schwach beleuchtete Lobby eines Hotels unweit vom Broadway. Hier wird heute Miss Voletta Wallace über ihren Sohn, den legendären Notorious B.I.G., und dessen Biopic "Notorious B.I.G. - No Dream Is Too B.I.G."(auf DVD und BD erhältlich) plaudern. Nur: Wie erkennt man die Mutter eines Gangsterrappers? Die Antwort: gar nicht. Biggies Mom, enttarnt von den Organisatoren, sitzt etwas abseits, sie wirkt, in einem Modemagazin blätternd, wie eine ganz normale Oma. Und der Trip durch die "Hood" fühlt sich weniger wie ein Interview-Termin, sondern vielmehr wie ein großmütterlicher Ausflug nach Brooklyn an.
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Genauer gesagt nach Bed-Stuy, Bedford-Stuyvesant, hier wuchs auch Kollege Jay-Z auf, sogar Mike Tyson und Michael Jordan verbrachten ihre Kindheit hier. Die viel besungene Getto-Tristesse sucht man heute vergeblich: Im vergangenen Jahrzehnt ist die Kriminalitätsrate signifikant gefallen, Kinderwägen rollen dort, wo früher Junkies standen; das Methadon-Center auf der Fulton Street wich einem Supermarkt und einem Waschsalon. Miss Wallace, im schicken, hellblauen Hosenanzug samt Louis-Vuitton-Täschchen, zieht zwar die Blicke auf sich, jedoch wohl eher wegen der Journalistentraube als wegen ihres Outfits.
Sie steht vor 226 St. James Place, dem Apartment-Haus, in dem sie den damals noch kleinen Biggie großzog und in dem er bis zu seiner Hochzeit mit der Sängerin Faith Evans lebte. Die Rahmenbedingungen sind typisch für Brooklyn: Vater verschwunden, Mutter alleinerziehend. Miss Wallace arbeitete Doppelschichten, vormittags als Vorschullehrerin, nachmittags in einer Bank. Das ist der Nährboden, auf dem Gangsterkarrieren wachsen, das weiß sie: "Ich würde mir für die Eltern in der Gegend wünschen, dass sie aus meinen Fehlern lernen, dass sie eine enge Beziehung zu ihren Kindern aufbauen."
Dabei wurde Christopher, wie seine Mutter ihn nennt, gar nicht als Gangster berühmt, sondern als Rapper, vielleicht der Beste, den es je gegeben hat. Eigentlich zwei verschiedene paar Stiefel, die allerdings oft verwechselt werden. In diesem Fall mit tödlichem Ausgang. "Hätte mein Sohn nicht diesen Beruf gewählt, wäre er heute am Leben. Das ist das Einzige, was ich mir manchmal vorwerfe: Vielleicht hätte ich öfter nach ihm sehen sollen, sicher stellen, dass er zur Schule geht", bedauert Miss Wallace.
Denn statt in der Schule hängt Christopher, ebenfalls typisch Brooklyn, am Block ab, verdient auf illegalem Weg das nötige Kleingeld, um im Wettlauf um die Statussymbole vorne mit dabei zu sein. Der Rap ist zunächst nur Zeitvertrieb, erst ein Aufenthalt hinter Gittern verschiebt die Prioritäten. Eine Angewohnheit, die auch der Film zeigt: In der Früh tauscht B.I.G. stets seine abgewetzten Klamotten gegen brandneue Outfits und die obligatorische Goldkette aus - aufbewahrt in einer Truhe auf dem Dach des Wohnhauses, damit Mom davon nichts mitbekommt.
Es funktionierte. Von der Dealerei ihres Sohnes hatte Miss Wallace, die mittlerweile in New Jersey wohnt, keinen blassen Schimmer: "Ich habe von alldem nichts gewusst. Sonst hätte ich ihn bei der Polizei verpetzt. Manchmal denke ich: Wenn ich könnte, würde ich ihn nochmal töten!", sagt sie und lacht laut auf. Ein mitreißendes Lachen, eines, das keine Widerrede zulässt und gegen die bedächtig formulierten Sätze fast ein bisschen grell wirkt. Allerdings fehlte der heute 57-Jährigen auch das nötige Hintergrundwissen: "Einmal gingen Christopher und ich am frühen Morgen zur Bank - er war um die 16 Jahre alt. Auf der Straße lagen lauter kleine Fläschchen, und ich sagte zu Christopher: 'Oh, diese Parfümvertreter müssen wirklich fleißig gewesen sein.' Doch er lachte nur. Einen Block weiter meinte er: 'Das sind keine Parfüm-Fläschchen, das sind Crack-Fläschchen.' Daraufhin fragte ich: 'Was ist das?", erzählt Notorious' Mama, deren jamaikanische Wurzeln man auch nach Jahrzehnten in den Staaten noch raushört.
Wirklich erfahren habe sie von alldem erst durch den Film. Denn auch vom Drehbuch las Miss Wallace, in "Notorious B.I.G." übrigens großartig gespielt von Angela Bassett, nur die Stellen, in denen sie vorkam, vom Rest, den Eskapaden und den kriminellen Aktivitäten ihres einzigen Sohnes, wollte sie gar nichts wissen. "Hätte ich das ganze Skript gelesen, gäbe es jetzt wahrscheinlich keinen Film. Als ich ihn zum ersten Mal sah, weinte ich die ganze Zeit hindurch. Und als mich jemand von Fox fragte, ob er mir gefallen habe, sagte ich: 'Ich hasse ihn!", erinnert sie sich an die Premiere.
Es ist kaum vorstellbar, von dem, was sich in der Nachbarschaft, sogar in der eigenen Wohnung zuträgt, nichts mitzukriegen. Es klingt ein bisschen nach - völlig verständlicher - Verdrängung, wenn Miss Wallace erzählt: "Mag schon sein, dass all das hier war, aber ich habe nicht danach gesucht." Es macht den Eindruck, als spräche sie lieber über die Sanierung ihrer einstigen Wohnung, als über die dunklen Seiten ihres Sprösslings. Eine ganz normale Oma eben, die von ihren Enkeln T'yanna (16) und CJ (12) schwärmt, zwischendrin ein Schwätzchen mit alten Nachbarn hält und, selbst wenn sie aufgebracht ist, nie flucht.
Kein Wunder, dass ihr die Obszönität von Christophers Texten beim ersten Hören die Tränen in die Augen trieb. Umso mehr berührten sie die melancholischen Songs ihres Sohnes, "One More Chance", "Miss You" und "Hypnotize" führen die Liste ihrer Favoriten an. Wie sehr Notorious' messerscharfe Texte und kongeniale Musik die Welt bewegen, fiel Miss Wallace erst im März 1997 auf, bei seiner Beerdigung in Brooklyn, wenige Tage nachdem er im Alter von 24 Jahren in L.A. Opfer eines Drive-by-Attentats geworden war, dessen viel diskutierter Täter bis heute auf freiem Fuß ist. Die markanteste Gänsehaut-Szene des Films, das Finale, wirkt in der Nacherzählung der Mutter des sagenumwobenen King of Rap ebenso unglaublich wie bedrückend: "Es war wie ein Ameisenhaufen. Aus allen Fenstern hier winkten Menschen", rekapituliert sie und zeigt auf die gegenüberliegende Straßenseite und runter zur Fulton Street. "Er sagte mir immer: 'Mom, das hier ist was ganz Großes.' Und ich meinte nur: 'Oh, bitte!' Er war ja nur mein Sohn, ich konnte es einfach nicht glauben."
Gregor Jossé
Schwärmt von ihren Enkeln und hasst die Obszönität der Texte ihres Sohnes: Miss Voletta Wallace, Notorious B.I.G.s Mutter. (20th Century Fox Home Entertainment)
Einst ein heißes Pflaster, heute ein gepflegtes Wohnviertel: Bedford-Stuyvesant in Brooklyn, die Heimat der Rap-Legenden Notorious B.I.G., Jay-Z und Mos Def. (20th Century Fox Home Entertainment)
Queen Mum des Rap: Miss Voletta Wallace vor 226 St. James Place, dem Apartment-Haus, in dem sie Notorious B.I.G. großzog. (20th Century Fox Home Entertainment)
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