Hintergrundberichte zu neuen DVD-Editionen und -Sammelboxen
Keine Angst vorm eigenen Sohn
"Schokolade kostete nur noch die Hälfte", erinnert sich Alex Borstein auf ihrer Homepage an den Tag ihrer Geburt. In einem Vorort von Chicago kam sie auf die Welt, "ohne wirklichen Grund". Es war der 15. Februar 1973, ein Tag nach Valentinstag, was den Süßwaren-Preisverfall erklärt. Mittlerweile ist Alex Borstein 36 Jahre und hat einen einjährigen Sohn, mit dem sie völlig angstfrei umgeht. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man die Stimme von Lois Griffin in der US-Kultcomic-Serie "Family Guy" ist. Deren Baby Stewie strebt nicht nur nach Weltherrschaft, sondern sucht auch nach immer neuen Methoden, seine Mutter um die Ecke zu bringen. Methoden, die sich Alex Borstein selbst einfallen lässt. Neben den Synchronarbeiten schreibt sie auch Drehbücher für die Serie, etwa für "Family Guy - Die unglaubliche Geschichte des Stewie Griffin", eine spielfilmlange Episode, die jetzt auf DVD erhältlich ist.
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teleschau: Welchen Grund gab es eigentlich, drei einzelne Episoden zur Megafolge "Family Guy - Die unglaubliche Geschichte des Stewie Griffin" zu verbinden?
Alex Borstein: Eigentlich sollten wir einen richtigen Film machen, der direkt auf DVD veröffentlicht wurde. Das Studio bettelte fast darum. Aber weil Serienerfinder Seth MacFarlane und die Autoren so beschäftigt waren, entschlossen wir uns, drei Folgen zu verknüpfen und nur eine kleine Rahmenhandlung neu schreiben. Es wäre schlichtweg zeitlich nicht gegangen. Eine Folge zu produzieren, dauert schließlich neun Monate, es ist als würde man ein Baby bekommen.
teleschau: Waren Sie mit dem Kompromiss zufrieden?
Borstein: Wir waren zu Beginn alle sehr nervös, weil sich niemand im Team vorstellen konnte, wie die Sache funktionieren könnte. Aber das Resultat hat uns eines Besseren belehrt. Und natürlich war es cool, dass wir das Studio zufrieden stellen konnten. Und zwar doppelt. Die hatten ihren Film und konnten die Episoden auch noch einzeln ausstrahlen.
teleschau: Es ist sehr schwierig, Cartoon-Charaktere in einen Spielfilm zu schicken. Die müssen plötzlich 90 Minuten lang durchhalten.
Borstein: Das stimmt, aber in unserem Fall machte es einfach Spaß, Verknüpfungspunkte zwischen den Episoden zu erfinden und zu schauen, was mit den Charakteren passiert. Aber viel wichtiger: Wir konnten Wörter verwenden, die im US-Fernsehen normalerweise weggebleept werden. Die Idee, einen richtigen Kinofilm zu produzieren ist aber noch lange nicht vom Tisch.
teleschau: Wie sieht es denn mit dem Projekt konkret aus?
Borstein: Die grobe Handlung steht fest, und Rick Blitt, der in den ersten Jahren auch für die Serie schrieb, arbeitet am Drehbuch. Aber es ist immer noch eine Frage der Zeit. Wir wissen einfach nicht, wie wir den Film und die Serie gleichzeitig stemmen sollen. Vor allem Seth MacFarlane ist unglaublich beschäftigt. Der verwaltet ja mittlerweile ein Imperium. "Family Guy", "American Dad" und nun auch die "Cleveland Show", die Ende September auf Sendung ging.
teleschau: Da hat der Nachbar der Familie Griffin also eine eigene Sendung bekommen?
Borstein: Ja, Cleveland ist von Neuengland nach Virginia gezogen, wo er herkommt. Es hatte zwar niemand auf der Rechnung, dass ausgerechnet der etwas langsame Cleveland aufregend genug ist, um eine ganze Show zu tragen. Aber die Leute scheinen ihn zu mögen. Die Quoten stimmen jedenfalls.
teleschau: Wieso hat es eigentlich den "Family Guy" ausgerechnet nach Quahog, Rhode Island, verschlagen? Eine Stadt, die nicht mal existiert und auch keine Namensvettern hat.
Borstein: Quahog ist eigentlich der Name einer Muschel, einer Austern-Art, die in Neuengland vorkommt. In unserer Vorstellung ist das Städtchen ein Vorort von Providence, der Hauptstadt von Rhode Island. Seth MacFarlane hat dort studiert und sich in seiner College-Zeit stark beeinflussen lassen - von den Leuten und Dialekten. Das war seine Inspiration für die Serie.
teleschau: Wann sind Sie eingestiegen? Waren Sie von Anfang an dabei?
Borstein: Ich habe als Synchronsprecherin angefangen, damals war ich noch bei "Mad TV" involviert, was beim selben Sender lief. Ich sollte eigentlich nur aushelfen, einen Test sprechen für die Pilotfolge. Die Verantwortlichen waren von der Sendung begeistert, wussten aber nicht so recht, ob meine Lois-Stimme die richtige sei. Also luden sie eine ganze Menge "Konkurrenz" zum Vorsprechen ein, behielten mich am Ende aber doch. Glück gehabt. Sechs Monate später wurde ich dann in den "Schreibzirkel" eingeladen.
teleschau: Da haben Sie ja eine Menge zu tun ...
Borstein: Das stimmt wohl. Das Einsprechen der Stimmen ist schön einfach. Ein paar Stunden im Studio, und das war's dann. Das Schreiben hingegen ist ein sehr, sehr langer Prozess. Die Tage können sich echt hinziehen, obwohl es natürlich Spaß macht, mit 15 der lustigsten Leute, die ich je traf, in einem Raum zu sitzen. Aber im Moment schreibe ich gar nicht mehr, weil ich im letzten Jahr ein Baby bekommen habe, mit dem ich jetzt die meiste Zeit verbringe.
teleschau: Herzlichen Glückwunsch. Ist es ein Junge oder ein Mädchen?
Borstein: Ein Junge.
teleschau: Ich hoffe, er hat nicht so eine mörderische Ader wie Stewie ...
Borstein: Gott sei Dank nicht. Er ist sehr viel netter als Stewie, hat aber einen genauso großen Kopf.
teleschau: Nett ist ein gutes Stichwort: Sie gehen mit ihren Landsleuten in der Serie nicht gerade zimperlich um.
Borstein: Die Leute scheinen bereit zu sein, über sich zu lachen. Die Zeit ist reif für eine Show wie "Family Guy". Wir hatten in der Bush-Ära jedenfalls jede Menge Spaß, konnten ungehemmte soziale und politische Parodien machen. Vielleicht brauchten die Leute das auch einfach, diesen sarkastischen, in gewisser Weise auch düsteren Humor.
teleschau: Ändern Sie das jetzt mit Barack Obama als Präsidenten?
Borstein: Nicht wirklich. Wir sind für Chancengleichheit und machen uns über jeden lustig. Auch über Obama, und natürlich auch über uns. Wir haben eine Menge Obama-Witze in den neuen Scripts, obwohl die meisten Leute, die an "Family Guy" arbeiten, eher liberal sind und den politischen Wechsel durchaus begrüßen.
teleschau: An welcher Staffel arbeiten Sie denn gerade? Durch die Absetzung der Serie vor einigen Jahren und die Wiederaufnahme kommt man ja ganz durcheinander ...
Borstein: Das weiß ich selber nicht. Irgendwie scheinen wir wohl in der sechsten oder siebten zu sein. Diese Pause war schon merkwürdig. Dem Sender reichten die Quoten nicht, aber nach der Absetzung wurde "Family Guy" zu einem echten Underground-Hit, die DVDs verkauften sich blendend. Irgendwie war es wie die Wiederaufstehung Jesu - plötzlich waren wir wieder da. Und die Show scheint ja auch in Deutschland gut anzukommen - obwohl wir eine Menge Witze über Euch machen. Toller Humor! Seth MacFarlane würde es jedenfalls gern sehen, wenn "Family Guy" so lange durchhält wie die "Simpsons".
teleschau: Mit den Gelblingen gab es ja vor einigen Jahren ein paar auch in den Episoden ausgetragene Meinungsverschiedenheiten ...
Borstein: Alles halb so wild. Am Anfang ging es eigentlich nur darum, wer die besseren Animations-Künstler bekommt. Echte Talente sind rar, und um die wurde von beiden Seiten heftig geworben. Seth und Matt Groening sind in Wirklichkeit Freunde und gegenseitige Fans. Unser ganzes Team liebt die "Simpsons", wir wuchsen mit der Show auf. Es ist allerdings toll, sich übereinander lustig zu machen. Ohne dass es bösartig wird.
teleschau: Es gab allerdings auch Plagiats-Vorwürfe gegen "Family Guy", Cartman aus "South Park" kämpfte in einer Doppelfolge einen zynischen "Cartoon War" für ihre Absetzung.
Borstein: US-TV-Comedys funktionieren doch immer nach einem ähnlichen Prinzip. Es geht meistens um Familien mit einem Idioten von Vater, einer Ehefrau, die aus unerklärlichen Gründen zu ihm steht und Kindern zwischen dick und doof. Die "Simpsons" haben diese Formel etabliert. Klar, auch "Family Guy" hat ein beklopptes, übergewichtiges Familieoberhaupt mit stiller Gattin. Natürlich vergleichen die Leute das und stellen dann fest, dass sich die Konzepte bis zu einem gewissen Grad ähnlich sind.
Andreas Fischer
Alex Borstein spricht in "Family Guy" Mutter Lois und schreibt Drehbücher für die Serie. (Fox)
Hausfrau mit Bürden und einem Hund, der sie gern flachlegen würde: Lois Griffin. (Fox)
Diese Familie ist der Wahnsinn: Die Griffins haben in "Family Guy" vor nichts und niemandem Respekt. (Fox)
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