Hintergrundberichte zu neuen DVD-Editionen und -Sammelboxen
"Fernsehen ist nicht mehr so meine Welt"
In "Otto - Der Film" - Otto Waalkes' erster Kinoarbeit von 1985 - gibt es anfangs eine Szene, die ist nicht nur komisch, sondern auch äußerst aussagekräftig. Da sieht man den jungen Otto im Säuglingsbett seines Elternhauses liegend mit der Visage des erwachsenen Komikers. Wenn man so will, dann hat sich an diesem Mischzustand nicht viel geändert. 61 Jahre ist Otto Waalkes heute alt. Doch im Gespräch wirkt er noch immer wie ein hyperaktives Kind. Ein Rastloser, ein äußerst freundlicher Hyperventilierer ist der Blödelkünstler, der vor allem in den 70er- und 80er-Jahren eine in der deutschen Comedy unerhörte Erfolgsgeschichte schrieb. Schallplatten, Tourneen, Fernsehshows und eben Kinofilme: Was Otto anpackte, wurde zu Gold. Doch wiewohl eine just erschienene "Best of"-DVD ("Best of Otto", Vertrieb: Edel Germany) seine glorreiche TV-Vergangenheit aus den Archiven holt, befasst sich der weit gereiste Friese viel lieber mit der Zukunft: "Es geht immer weiter!"
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teleschau: Herr Waalkes, wie fühlten Sie sich so, nachdem Sie in diesem Jahr achtmal infolge dieselbe Show im Berliner Admiralspalast gegeben hatten?
Waalkes: Ach, davon haben Sie gehört? Das ist ja schön. Achtmal war schon eine Überraschung, eigentlich waren nur zwei Auftritte geplant. Dann wurde es überraschend eine En-suite-Geschichte, eine völlig neue Erfahrung. Ich liebe Berlin, drehte dort alle meine Filme. Jetzt wurde ich von den Berlinern schon wieder verwöhnt.
teleschau: Wird man nach solchen Bühnenerlebnissen süchtig, oder kommen Sie inzwischen auch mal ganz gut eine Zeit lang ohne Applaus klar?
Waalkes: Man wird auf jeden Fall süchtig. Du kannst einfach nicht aufhören, brauchst die Bestätigung, es ist ein ewiger Rausch. Ich erzähl' Ihnen mal 'ne Geschichte. Aus welcher Stadt rufen Sie an?
teleschau: München.
Waalkes: Also in München auf dem Viktualienmarkt stand eine Menschenmenge, und einer rief: "Da ist Otto!" Alle drehten sich um, ich wurde ganz verlegen. Vielleicht hätte ich doch nicht so laut rufen sollen. - So verhält sich das mit der Sucht nach Applaus.
teleschau: Was für ein Publikum kommt eigentlich heute zu Ihren Auftritten?
Waalkes: Das ist bunt gemischt. Viele Kinder, ganze Familien. Keine Ahnung, was meine Zielgruppe ist. Ich kann eh nicht zielgruppenorientiert arbeiten, ich tue das, was mir Spaß macht. Die Kinder kennen natürlich die "7 Zwerge"-Filme, bald kommt ein neuer "Ice Age"-Teil ins Kino. Und wer weiß, ob ihnen die Eltern die alten Otto-Platten vorspielen ...
teleschau: Es ist eigentlich ein schöner Zeittest, wenn Kinder von heute die Gags aus den 70er- und 80er-Jahren hören.
Waalkes: Absolut. Dass sie lachen, zeigt mir, dass die Verse und Geschichten von damals eine gewisse Zeitlosigkeit haben. Sie haben nichts von ihrer Bedeutungslosigkeit eingebüßt. Das überrascht mich immer wieder.
teleschau: Was zeichnet denn zeitlosen Humor aus?
Waalkes: Na, dass ihn die Leute immer wieder hören wollen! Man sollte da besser nicht zu genau nachforschen, sonst verliert man womöglich seine Originalität. Ich weiß auch nicht. Es sind schlichte Sachen: schöne Wortspiele und Reime. Natürlich ändern sich die Seh- und Hörgewohnheiten der Menschen. Dadurch vergessen sie aber auch viel. Und dann hören sie es wieder live und original von dem kleinen blödelnden Friesen: Hollederidi!
teleschau: Sie gelten Ihrer Branche als Wegweiser und Pionier ...
Waalkes: ... der Großonkel der Comedy? Weiß ich nicht.
teleschau: Wie war's zu Ihrem Karrierebeginn? Hatten Sie Vorbilder?
Waalkes: Natürlich. Da gab es einige. An Ingo Insterburg orientierte ich mich, Heinz Ehrhardt sah ich mal live. Loriot war klasse, der machte mit 65 Jahren seinen ersten Film, das ist doch Wahnsinn! Da bin ich meinen nächsten Projekten noch richtig früh dran.
teleschau: Die da wären?
Waalkes: Ich wollte eigentlich eine James-Bond-Parodie drehen: "James Blond - Du lachst nur einmal". Dann kam mir die Idee einer "Ocean's Eleven"-Parodie: "Otto's Eleven". Ich schreibe und schreibe und schreibe ...
teleschau: Als kürzlich der Deutsche Comedypreis verliehen wurde, glänzten Sie mit Abwesenheit ...
Waalkes: Ich kann nicht immer hingehen. In den vergangenen Jahren war ich aber meistens dabei. Ich saß ja sogar schon in der Jury.
teleschau: So geht's vielen, die teils Preisträger, Jurymitglieder und Laudatoren in einer Person sind. Bülent Ceylan bekam jetzt nach zehn Jahren Bühnenkarriere den Newcomerpreis. Kocht die deutsche Comedy gerade ein bisschen im eigenen Sud?
Waalkes: Naja, man kann halt nicht jedes Jahr das Rad neu erfinden. Vielleicht sollte man den Preis nur alle zwei oder drei Jahre verleihen, dann wäre mehr Abwechslung drin. Für mich ist es dort jedenfalls immer sehr inspirierend, ich bekomme neue Impulse.
teleschau: Wann hat sie zuletzt ein junger Comedian begeistert?
Waalkes: Ralf Schmitz und Mirco Nontschew beispielsweise, die ich dann ja auch für die "7 Zwerge"-Filme engagierte. Max Giermann kann wahnsinnig gut parodieren. Wahrscheinlich werde ich auch mit ihm gemeinsam einen Film drehen.
teleschau: Um den Nachwuchs sorgen Sie sich also nicht?
Waalkes: Überhaupt nicht. Zumal es bald Ottos kleine Comedyschule geben wird, dann betreibe ich Talentförderung. Das soll so eine Art prä-universitäre Einrichtung werden. Das Projekt steckt gerade in der Entwicklungsphase.
teleschau: Die aktuellen Comedyformate von Christoph Maria Herbst, Anke Engelke und Bastian Pastewka werden vom Feuilleton sehr geliebt - auch von Ihnen?
Waalkes: Das sind alles tolle Leute, aber Fernsehen ist nicht mehr so meine Welt.
teleschau: Wieso das?
Waalkes: In Serien verschleißt man sich schneller. Alles wird geschnitten, wie's der Regisseur gerne hätte. Und dann wird man den Leuten vorgesetzt, ob sie's sehen wollen oder nicht. Die sollen lieber direkt zu mir kommen, wenn ich auf der Bühne stehe.
teleschau: Darf Comedy elitär sein, wie man es jetzt bei Harald Schmidt sieht?
Waalkes: Na selbstverständlich! Comedy muss und darf alle Richtungen vertreten: zynisch, satirisch, ironisch, aufklärerisch ... und vor allem lustig! Ein Quäntchen Humor gehört auch dazu.
teleschau: Mario Barth, der ein Massenpublikum erreicht, wird dafür vom Feuilleton angefeindet. Bei Ihnen war das früher nie der Fall.
Waalkes: Er wird angefeindet? Da bin ich überrascht. Da müssen Sie mir mal einen Artikel schicken, in dem das passiert. Mario Barth ist doch ein Riesentalent - mit welcher Power er die Hallen füllt! Da ist vielleicht auch ein bisschen Neid bei Ihren Kollegen dabei. Für mich sind Leute wie Mario Barth wichtig, der ist zitierfähig. (Berlinert:) Die krischt Bedenken!? Seit wann können Frauen denken!? Die Parodie der Parodie, so was funktioniert.
teleschau: Blicken wir mal zurück: Sie lebten in den 70-ern in einer WG unter anderem mit Marius Müller-Westernhagen und Udo Lindenberg. Sind Ihnen Freundschaften von damals erhalten geblieben?
Waalkes: Ich lebte in Hamburg mit 14 Leuten, völlig wahnsinnig. Zu Udo Lindenberg habe ich immer noch Kontakt, der wohnt ja in Hamburg. Wir jammen ab und an zusammen. Das ist schon geblieben.
teleschau: Andere sind gegangen: Robert Gernhardt starb vor drei Jahren. Ist da eine Ära zu Ende gegangen?
Waalkes: Das ist schon sehr traurig. Mit Robert arbeitete ich 38 Jahre zusammen. Er war ein großer Mann, ein Genie. Es gibt keinen vergleichbaren Dichter, er war einzigartig.
teleschau: Erinnern Sie sich noch an den Vers, den Sie ihm klauten?
Waalkes: Nee, nee, das war ein Zitat: "Lieber Gott, nimm es hin, dass ich was Besond'res bin. Und gib ruhig einmal zu, dass ich klüger bin als du. Preise künftig meinen Namen, denn sonst setzt es etwas. Amen." Daraufhin schrieb er mir und ich zurück. So begann unsere Zusammenarbeit. Er hat sich damals über das Zitat gefreut.
teleschau: Wie geht's Ihnen, wenn Sie heute auf die 70er- und 80er-Jahre zurückblicken? Sind die Jahre wie im Flug, wie im Rausch vergangen?
Waalkes: Ganz im Gegenteil. Das war eine lange, sehr intensive Zeit. Es hat Spaß gemacht, aber es geht auch immer weiter. Man lernt dazu: Bewegungsabläufe, Vortragsformen. Ich entdecke an mir immer Fehler. Es ist alles ein ewiger Entwicklungsprozess.
teleschau: Sie leben als gebürtiger Emdener in Hamburg. Kommen Sie im unaufgeregten Norden zur Ruhe?
Waalkes: Ich hab das Gefühl, ich könnte auch in Köln oder München wohnen. Ich bin ja ständig unterwegs. Wenn ich auf den Flughäfen nicht dauernd nach Waffen durchsucht würde, hätte ich gar kein Sexualleben mehr. Wenn ich abschalten will, spiele ich Gitarre. Die habe immer ich dabei. Ich übe jeden Tag mehrere Stunden. Das ist für mich wie Meditation.
teleschau: Sie kommen also noch zum Durchatmen?
Waalkes: Ich bin ständig am Durchatmen.
teleschau: Das hört man.
Waalkes: Hyperventilierend!
teleschau: Wie oft schaffen Sie's zum "Otto Huus" daheim in Emden?
Waalkes: Da schaue ich alle paar Monate vorbei. Dann gebe ich Autogrammstunden und mache Führungen, die immer irgendwer im Preisausschreiben gewonnen hat. Das macht echt Spaß. Ein eigenes Museum zu Lebzeiten habe ich mir immer gewünscht.
teleschau: Und Kickers Emden ...
Waalkes: Mein Engagement als Hauptsponsor war finanziell nicht aufrechtzuerhalten. Hinzu kamen die strengen Auflagen des DFB. Bei der hohen Arbeitslosigkeit in der Stadt konnten die nicht erfüllt werden. Das macht mich richtig traurig. Jetzt spielen wir fünfte Liga.
teleschau: Nicht gerade toll.
Waalkes: Aber da sind sie die Besten. Das ist überhaupt das Entscheidende: Egal, wo du spielst, Hauptsache du bist der Beste.
Jens Szameit
Erfolg macht süchtig: Otto Waalkes kommt auch mit 61 Jahren nicht ohne regelmäßigen Beifall aus. (Peter Hönnemann)
Nach mehr als drei Jahrzehnten Komikerdasein gibt es eine "Best Of"-DVD von Otto. (Edel)
"Großonkel der Comedy? Weiß ich nicht ..." - Otto Waalkes prägte in der deutschen Humorlandschaft eine Ära, dennoch befasst er sich viel lieber mit Projekten für die Zukunft. (Peter Hönnemann)
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