Hintergrundberichte zu neuen DVD-Editionen und -Sammelboxen
Der letzte große Gangster
Er ist der Mann, der die Fakten sammelte, die Regisseur Michael Mann dann doch mit einigen Freiheiten interpretierte: "Vanity Fair"-Korrespondent Bryan Burrogh (48) ließ sich von seinem Großvater Geschichten über Bonnie und Clyde erzählen und war irgendwann derart von der Ära der großen Gangster in den 30er-Jahren fasziniert, dass er ein Buch darüber schreiben musste. "Public Enemies: America's Greatest Crime Wave and the Birth of the FBI, 1933-34" war ein Bestseller. 2009 diente das Buch als Grundlage für Michael Manns "Public Enemies", der nun auf DVD und Blu-ray-Disc erhältlich ist und sich auf einen der charismatischsten Gangster jener Zeit konzentrierte: John Dillinger, im Film von Johnny Depp gespielt. Aber auch der coolste Bankräuber hat Schwachpunkte: Frauen. Dillinger starb 1934 nach einem unvorsichtigen Kinobesuch - verraten von einer Freundin seiner weiblichen Begleitung.
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teleschau: Bei John Dillinger, wie bei vielen anderen starken Männern, sind es dann doch die Frauen, die für das Ende sorgen, oder?
Bryan Burrough: (lacht) Das könnte man so sehen. Dillinger jedenfalls war wohl einfach zu selbstsicher am Ende. Fakt ist, dass er es liebte, unter Menschen zu sein. Er mochte es, sich zu verkriechen, wie seine "Kollegen", die beim Verstecken dann auch viel erfolgreicher als er waren. Dillinger hingegen liebte die Frauen, liebte das Ausgehen, wollte sich amüsieren. Er war gierig nach Leben.
teleschau: Woher stammt eigentlich Ihr Interesse an den Geschichten über echte Verbrecher?
Burrough: Als ich ein Kind war, erzählte mir mein Großvater viele Anekdoten aus dieser Zeit. Er war Hilfssheriff in Arkansas und errichtete Straßensperren, um Bonnie und Clyde aufzuhalten. Ich wuchs also mit diesen Geschichten auf. Viel später, es war 1999, hat mich dann eine TV-Dokumentation über die Barker-Gang fasziniert. Ich recherchierte sofort im Internet, wollte mehr wissen. Aber alles, was ich rausfand, war, dass die berühmten Verbrecher alle zur selben Zeit ihr Unwesen trieben: Dillinger, Bonnie und Clyde und eben die Barker-Gang. Da es noch kein Buch darüber gab, musste ich es eben schreiben. Dillinger bot sich als Ankerpunkt an: Er war der letzte große amerikanische Verbrecher. Wir hatten und haben zwar immer noch die Mafia, als freischaffender Bankräuber war er aber der letzte einer langen Tradition, die bis zu Jesse James zurückreicht.
teleschau: Dillinger war zunächst einmal ein Krimineller, der Banken ausraubte und Geld stahl. Wieso konnte er zum Volkshelden werden?
Burrough: Um das zu verstehen, müssen sie die Große Depression verstehen. Die Menschen lebten in einer harten Zeit, viele waren arbeitslos, hatten alles verloren: ihre Jobs, ihre Wohnungen, ihre Farmen. Die Leute waren darüber weniger traurig, als vielmehr wütend. Und dann kam Dillinger, der in ihren Augen die Wurzel allen Übels bekämpfte und Banken ausraubte. Deswegen haben sie ihn angefeuert. Es ist in gewisser Weise eine amerikanische Tradition, diesen Schlag von Banditen zu unterstützen: Gangster, die gegen das System vorgehen und dabei nicht allzu viele Leute umbringen. Dillinger hat nur einen Menschen erschossen.
teleschau: Das reicht, um seinen Popstar-Status zu erklären?
Burrough: Dazu kam, dass Dillinger der einzige Bankräuber war, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere gefasst wurde. Außerdem gab er Interviews, nutzte die Medien. Das gefiel den Menschen. Zumal Dillinger sehr charmant und schlagfertig war und sich inszenierte, als sei er aus Versehen auf die schiefe Bahn geraten. Er gab alles zu: "Hey, es ist die Große Depression. Was erwartet Ihr? Irgendwas muss ich tun."
teleschau: Wie hat Ihnen als Dillinger-Experte "Public Enemies" gefallen?
Burrough: Großartig, ich habe ihm bestimmt drei oder vier Mal gesehen. Es gibt für mich zwei Regisseure, die es wirklich drauf haben, Gangstergeschichten zu erzählen. Das sind Martin Scorsese und eben Michael Mann. Mann wuchs ja in Chicago auf, weswegen er sozusagen von klein auf mit der Materie vertraut war. Und er hat's ernst genommen, blieb so nah an der wahren Geschichte wie möglich und drehte teilweise an Originalschauplätzen.
teleschau: Er nahm sich dann aber doch einige Interpretationsfreiheiten heraus ...
Burrough: Richtig, aber das macht jeder Filmemacher. Mit 100-prozentiger Genauigkeit wäre es ja auch eine Dokumentation. Man kann von einem Regisseur erwarten, dass er die Geschichte so formt, wie er sie interpretiert.
teleschau: Entsteht dadurch nicht eine neue Wirklichkeit?
Burrough: Das ist es nun mal, was in Hollywood passiert. Es ist Kino, es ist Fiktion. Man hofft natürlich, dass die Essenz erhalten bleibt, dass die Grundzüge der Charaktere sichtbar werden. Bei "Public Enemies" waren leicht und locker zwei Drittel, vielleicht sogar drei Viertel der Story korrekt. Mehr als genug für meinen Geschmack.
teleschau: Wie waren Sie am Film beteiligt?
Burrough: Gar nicht. Mir wurden freundlicherweise die Drehbücher geschickt, und ich habe das Set besucht und einen Statisten gespielt: Ich war der erste Reporter, der zu Dillingers Leiche lief am Ende des Films. Ich glaube, ich sah Johnny Depp beim Dreh ungefähr zwölf Mal sterben.
teleschau: Könnte es heute eine neue Generation von Gangstern wie Dillinger geben?
Burrough: Das wäre wahrscheinlich sehr schwierig. Es gibt zwar immer noch viele Bankräuber, aber sobald sie einmal identifiziert sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie gefasst und hinter Gittern gebracht werden. Man kann in den Staaten heutzutage einfach nicht mehr berühmt werden als Gangster. Das geht vielleicht noch in Südamerika. Mein Buch und der Film beschäftigen sich auch mit der Geburtsstunde moderner Polizeiarbeit. Da hat sich eine Menge getan seit Dillinger.
teleschau: Damals scheint die Verbrecherjagd ein ziemlich brutales Geschäft gewesen zu sein ...
Burrough: J. Edgar Hoover und sein FBI haben die Polizeiarbeit gründlich umgekrempelt. Bis 1933, 1934 war die Verbrechensbekämpfung eine lokale Angelegenheit, Hoover schuf eine zentrale Anlaufstelle und führte technische Verbesserungen ein, die heute Standard sind. Auch deswegen wäre es schwierig, dass ein neuer Dillinger durch das Land fährt. Klar, die Brutalität, die Unterdrückung der Menschenrechte, die Methoden sind nicht immer korrekt gewesen. Es gibt gewissermaßen eine Tradition der nicht immer legalen Abkürzungen, die die Polizei nimmt, um Gangster dingfest zu machen: Angeklagte werden geprügelt, Verdächtige mit erfundenen Anklagen aus dem Verkehr gezogen. Da gibt es durchaus Parallelen zur heutigen Zeit, vor allem hinsichtlich des Umgangs mit der Bedrohung durch den Terrorismus. Amerika musste sich damals wie heute auf neue Gefahren einstellen.
Andreas Fischer
Sein Großvater war Hilfssheriff und versuchte Bonnie und Clyde aufzuhalten: Bryan Burrough ist ein Experte für die großen amerikanischen Gangster der 30er-Jahre. (Universal)
Die Blu-ray-Version von "Public Enemies" ermöglicht ein interaktives Filmerlebnis mit eingeblendeten Infos und Kommentaren. (Universal)
Mit Bleipuste, aber eigentlich ganz nett: John Dillinger (Johnny Depp) galt als der beliebteste Verbrecher der Großen Depression. (Universal)
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