Hintergrundberichte zu neuen DVD-Editionen und -Sammelboxen
Ein Stück Fernsehgeschichte
Keine Frage, der "Tatort" ist beliebt: Wer bei Google den Suchbegriff "Tatort" eingibt, bekommt binnen Sekunden "ungefähr 2.440.000 Seiten auf Deutsch" angezeigt. Der konstante Erfolg der 1969 vom damaligen WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte initiierten ARD-Krimi-Reihe hat viele Gründe. Selbst bei jungen Menschen und Frauen gehört der Sonntagabend inzwischen dem "Tatort". Mittlerweile trifft man sich sogar grüppchenweise zum gemeinsamen Fernsehgucken in Kneipen und Bars. Immer sonntags, immer um 20.15 Uhr. Immer für die neueste Folge. Die alten hingegen, die musste man bislang in den versteckten Programmspalten der Dritten suchen. Eine andere Möglichkeit gab's nicht. Bis jetzt: Denn erstmals wird das Krimi-Urgestein auf DVD veröffentlicht.
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"Endlich", möchte man da jubelnd in die Welt rufen. Immerhin ist der "Tatort" ein Stück veritabler Fernsehgeschichte und hat eine Veröffentlichung mindestens genauso verdient, wie all Event-Movies und TV-Schmonzetten, die oftmals schon zwei Tage nach Ausstrahlung in den DVD-Regalen stehen. Daneben gibt es nun als in verschiedenen Varianten und Kombinationen eine Auswahl aus den mehr als 750 bislang produzierten Krimi-Episoden, die in Wellen veröffentlicht werden. 22 Folgen sind bereits erhältlich, zehn weitere gibt es ab Anfang Januar. Und im Februar soll es schon weiter gehen.
Der Verleih fasst sie in zum Beispiel in "Städteboxen" und "Kommissarboxen" zusammen. Zusätzlich erscheinen auch einzelne Fälle, so werden zum Beispiel die allererste "Tatort"-Folge "Taxi nach Leipzig" sowie Charlotte Lindholms (Maria Furtwängler) "Atemnot" unter den ersten Veröffentlichungen sein. Neben den "München"- und "Leipzig"-Sets, die jeweils drei Fälle umfassen, haben zunächst vier Ermittler eigene Boxen mit vier Filmen bekommen: Götz George als Schimanski, Ulrike Folkerts in der Rolle der Lena Odenthal, Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt als das Kölner Team Schenk und Ballauf sowie das Hamburger Duo Stoever / Brockmöller (Manfred Krug / Charles Brauer).
Ein Höhepunkt ist sicherlich die legendäre Folge "Reifezeugnis". 67 Prozent aller deutschen Fernsehzuschauer wurden am 22. März 1977 erstmals Zeuge einer Göttin lolitahafter Melancholie. Väter und Söhne waren gleichermaßen fasziniert von der animalisch-kindlichen Erotik der 15-Jährigen. Nastassja Kinski war in aller Munde. Roman Polanski wurde auf sie aufmerksam, veranstaltete eine Foto-Session für "Vogue" und schickte sie auf eine Schauspielschule in die Staaten. Und noch für einen Zweiten bedeutete das "Reifezeugnis" die Fahrkarte zum Erfolg: den Regisseur Wolfgang Petersen.
Entdeckt wurde Nastassja Kinski, die als Kind ihren Vater Klaus bei seinen Tourneen begleitet hatte, bis sich ihre Eltern scheiden ließen, in einer Münchner Disco. Namenlos war sie, kein Wort von ihrem berühmten Vater. Ihre Entdeckung basierte allein auf der außergewöhnlichen Ausstrahlung, von der sie jahrelang profitierte. Im "Tatort" spielte sie die Schülerin Sina. Sie gibt an, Zeugin eines grausamen Totschlags geworden zu sein. Der Schüler Michael Harms (Marcus Boysen) war erschlagen aufgefunden worden. Sina behauptet, er sei dabei ums Leben gekommen, als er sie aus den Klauen eines Sex-Gangsters habe befreien wollen.
Vielfalt ist beim "Tatort" Trumpf - nicht nur in der Film-Stilistik, sondern auch bei den Charakteren. "Einsame Wölfe" wie ehemals Horst Schimanski (Götz George), die auf eigene Faust losziehen, gibt es zwar immer noch (Charlotte Lindholm in Niedersachsen oder Klaus Borowski in Kiel sind Beispiele), doch der "Tatort"-Kommissar von heute muss weit mehr als früher Teamspieler sein. Ermittler-Duos oder gar -Trios geben inzwischen den Ton an - ob in München (Batic, Leitmayr) oder im Schatten des Kölner Doms (Max Ballauf, Freddy Schenk). Doch nicht nur Polizisten-Teams sind denkbar: Im Münsteraner "Tatort" steht Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) mit dem herrlich schnöseligen Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) kein Kollege, sondern ein Rechtsmediziner zur Seite.
Das Wiedersehen mit den Kommissaren a.D. und das Nachholen verpasster Folgen wird mit netten Extras auf den DVDs garniert. Die sind zwar nicht immer ausführlich, aber ein kurzes Interview mit Wolfgang Petersen, eine Doku über das 30-jährige Jubiläum (auf der DVD "Quartett in Leipzig") oder ein "Best of Alberich", der leidgeprüften Assistentin (Christine Urspruch) des Münsteraner Gerichtsmediziners Boerne, auf "3x Schwarzer Kater" lassen vermuten, dass die DVD-Veröffentlichungen von allen Beteiligten, die akribisch die Archive durchforstet haben müssen, mit einer gewissen Hingabe produziert wurden.
Alfred Kunze
Im Fadenkreuz der DVD-Player: Der "Tatort" erscheint fürs Heimkino. (Disney / ARD)
Hau drauf, Kommissar: Dem legendären Schimanski (Götz George) ist eine DVD-Box gewidmet. (Disney / ARD)
Verführerische Lolita: Nastassja Kinski gab in Wolfgang Petersens "Tatort: Reifezeugnis" ihr Debüt vor der Kamera. (Disney / ARD)
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