Hintergrundberichte zu neuen DVD-Editionen und -Sammelboxen
Lange Filmnächte im Heimkino
Zeitreise in den eigenen vier Wänden: In gestochen scharfen Bildern und in der flirrenden Hitze Südfrankreichs hetzt das wohl bestaussehende Gangsterpärchen der französischen Kinogeschichte einem blutüberströmten Showdown entgegen. Die Blu-ray-Sonderedition des Filmklassikers "Elf Uhr nachts" ermöglicht nicht nur ein Wiedersehen mit Knautschgesicht Jean-Paul Belmondo, sondern bietet Cineasten ein 20-seitiges Begleitheft mit einem klugen Essay zum Film. Jean-Luc Godards Klassiker ist eine der Perlen, mit dem das Kunstfilm-Label Arthaus von Kinowelt die im September gestartete hochauflösende Klassikerreihe schmückt. Bei einigen der Wiederveröffentlichungen wäre eine BD-Fassung allerdings nicht unbedingt nötig gewesen.
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Wer Filme liebt und sich mit entsprechender Technik ein Respekt einflößendes Heimkino samt Surround-Sound und Flachbildschirm eingerichtet hat, der möchte dort verständlicherweise auch großes Kino und nicht immer nur allerneueste Meterware oder platte Effektspektakel genießen. So gesehen ist es sehr erfreulich, dass Kinowelt die ehrfürchtig "Collection" getaufte Reihe von Blu-ray-Wiederveröffentlichungen fortsetzt. Im September 2009 startete diese mit Klassikern wie "Belle de Jour - Die Schönes des Tages" oder dem Samurai-Epos "Ran".
Diesmal gönnte Kinowelt fünf Preziosen digitalen Nachruhm in der Blu-ray-Ära: Die Palette reicht vom 1954-er Kostümfilm "Sehnsucht", in dem Meisterregisseur Luchino Visconti eine tragische Liebesgeschichte zwischen einem feschen Habsburger-Leutnant (Farley Granger) und einer venezianischen Gräfin (Alida Valli) inszeniert, bis hin zum jüngsten Film der Reihe, dem britischen Goldene-Palme-Gewinner "The Go-Between - Der Mittler" (1970) von Joseph Losey. Auch hier bewegt eine tragisch verlaufende Tändelei die Zuschauer: Julie Christie lässt sich als britische Oberschichten-Dame auf eine gefährliche Liaison mit einem attraktiven Bauern ein, der von Alan Bates gespielt wird.
Komödienkunst in höchster Perfektion bietet die Wiederveröffentlichung des Klassikers "The Ladykillers" (1955), des wohl berühmtesten Films mit Sir Alec Guiness. Gleich zwei Werke des Erfolgsgespanns Godard-Belmondo runden die neue Klassikerstaffel ab: Mit "Außer Atem" (1959) etablierte sich der Regisseur als Meister der Nouvelle-Vague-Bewegung, huldigte aber auch den von ihm verehrten Humphrey-Bogart-Gangsterfilmen aus den USA. Im insgesamt dritten gemeinsamen Film, "Elf Uhr nachts" (1965), festigte Belmondo sein Rauhbein-Image.
In technischer Hinsicht könnte der Qualitätssprung zwischen den beiden letztgenannten Blu-ray-Veröffentlichungen nicht größer sein: Der Schwarz-Weiß-Klassiker "Außer Atem" gewinnt optisch kaum etwas hinzu, insgesamt bleibt das Bild leicht verrauscht und gelegentlich nicht ganz tiefenscharf. Bei "Elf Uhr nachts", der ganz auf knallige Farbkontraste setzt, macht sich die Qualitätsverbesserung durchaus sehr angenehm bemerkbar. Das Filmbild wirkt auf Blu-ray wie gereinigt und überraschend kristallin. Wie bei allen Filmen der Reihe mindert jedoch die insgesamt flache Tonqualität, trotz HD-Technik, den Heimkinogenuss enorm. Besonders enttäuschend wirkt dies bei der Wiederveröffentlichung des opulenten, eigentlich wie eine Oper inszenierten Visconti-Klassikers "Sehnsucht", dem klanglich jegliche Tiefe fehlt.
Pluspunkte der Editionen sind dagegen die liebevoll gestalteten Extras, die auf interessante filmhistorische Einordnungen und Expertenmeinungen zurückgreifen. Sehr sehenswert ist etwa die "Elf Uhr nachts" beigefügte Einführung "Godard, Liebe und Dichtung" des Filmwissenschaftlers Colin MacCabe. Außerdem enthalten alle fünf Discs die Möglichkeit, sich über BD Live tiefer mit der Materie zu beschäftigen. Trotz opulenter Ausstattung, die auch jeweils ein 20-seitiges Booklet zum Film beinhaltet, erscheint nicht wirklich bei jeder Wiederveröffentlichung der jeweils rund 27 Euro hohe Kaufpreis gerechtfertigt.
Rupert Sommer
Im Nouvelle-Vague-Klassiker "Elf Uhr nachts" (1965) hetzen Jean-Paul Belmondo und Anna Karina auf der Flucht vor Polizei und Gangstern durch Südfrankreich. Die Blu-ray-Edition bietet viele filmgeschichtliche Hintergrundinformationen. (Kinowelt)
Kippe im Anschlag: Jean-Paul Belmondo und Marianne Anna Karina spielen im Klassiker "Elf Uhr nachts" ein famoses Gangsterpaar. (Kinowelt)
"Elf Uhr nachts": Gangster Ferdinand (Jean-Paul Belmondo) wird sogar im Badezimmer bedroht. (Kinowelt)
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