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"Jeder ist ein Raubtier"
Es ist nur eine von vielen Grausamkeiten, die Michael Haneke in seinem Cannes-Gewinner "Das weiße Band" (auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich) schildert. Die Hebamme eines kleinen Dorfes, Mutter eines behinderten Kindes, wird vom Landarzt, dem Mann, den sie liebt, mit außergewöhnlich roher verbaler Gewalt erniedrigt und gedemütigt. In einer der intensivsten, erbarmungslosesten Szenen des Films, der das von protestantischem Fundamentalismus und rigiden Moralvorstellungen geprägte Leben kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges zeigt, erfährt Susanne Lothar (49) einmal mehr, wozu Menschen fähig sind. Die gefeierte Film- und Theaterschauspielerin arbeitete bereits zum vierten Mal mit Haneke zusammen, der sie schon in "Funny Games" (1997) in eine Hölle schickte. "Er ist ein großer Humanist", sagt Lothar über den Regisseur, dem sie blind vertraut.
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teleschau: Frau Lothar, Sie haben schon häufig mit Michael Haneke gedreht, bei ihm geht es oft um Erniedrigung und Gewalt wie auch in "Das weiße Band". Was fasziniert Sie daran?
Susanne Lothar: Ach Gott, persönlich fasziniert mich an Gewalt und Erniedrigung gar nichts. Aber es findet nun mal statt auf der Welt. Das heißt, als Schauspieler sollte man sich damit beschäftigen, wenn man nicht nur Unterhaltung dreht. Und in Michael Haneke fand ich einen wunderbaren, genialen Regisseur, der das Thema auf den Punkt bringen kann, so wie ich mir das auch vorstelle. Das war unser vierter gemeinsamer Film. Ich habe mich sehr gefürchtet und mich überwinden müssen, diese Rolle zu spielen. Aber die Dreharbeiten waren dann ganz leicht.
teleschau: Was hat Ihnen denn Angst gemacht?
Lothar: Es hat mir keine Angst gemacht, Angst habe ich vor anderen Dingen. Aber ich musste mich als Schauspielerin schon überwinden und jede Eitelkeit ablegen, um mir vor laufender Kamera solche Dinge ins Gesicht sagen zu lassen. Ich wusste nicht, ob diese Szene aufgeht, aber meine Freunde und Bekannten haben mir nach der Berliner Premiere bestätigt, dass meine Figur eine große Würde behält. Trotz der Erniedrigung. Das ist natürlich ein Verdienst des Regisseurs: "Das weiße Band" ist ein Meisterwerk, ein ganz wichtiger Film. Ich bin stolz, dass ich ein kleiner Teil davon sein konnte. Weil es nicht nur um Brutalität geht. Sondern auch um Geschichte, um deutsche Geschichte und darum, wie Menschen mutieren können. Die große Frage ist: Was macht einen Menschen zu dem, was er später ist und praktiziert? Was er unterstützt und ablehnt ...
teleschau: Haben Sie eine Vorstellung, wie diese Mechanismen funktionieren?
Lothar: Ich bin Jahrgang 1960 und fragte mich das immer, vor allem mit Blick auf den Faschismus. Die einzige Antwort bis jetzt bekam ich vom Regisseur Eberhard Fechner. Der hatte einen Dokumentarfilm gedreht, "Der Prozess", in dem der Majdanek-Prozess (Strafverfolgung von NS-Verbrechern im Konzentrationslager Lublin vor dem Landgericht Düsseldorf 1975-1981, Anm. d. Red.) aufgearbeitet wurde. Dieser Film hat mich sehr beeindruckt. Die zweite Antwort gab mir nun Michael Haneke.
teleschau: Bei Haneke spielen der protestantische Fundamentalismus und das rigide gesellschaftliche Korsett eine große Rolle. Sind wir davon heute befreit, oder kann sich so etwas wiederholen?
Lothar: Erstens weiß ich von meiner Großmutter, dass Kinder in der damaligen Zeit so erzogen wurden, wie Haneke es zeigt. Und zweitens findet Machtmissbrauch unter Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen, also zwischen Lehrern und Kindern oder Eltern und Kindern, auch zwischen Vorgesetzten und Leuten, die ihnen unterstellt sind, immer noch statt. Die Geschichte des Films ist also nicht nur historisch, sie ist, das ist meine ganz persönliche Meinung, universell. Weil Menschen nun mal so gestrickt sind.
teleschau: Haben Sie, auch im Zuge der intensiven Auseinandersetzung während der Arbeit am Film, eine Erklärung gefunden, warum das so ist?
Lothar: Nein, nein. Die Erklärung gibt ja auch Haneke nicht. Ich weiß es schlichtweg nicht. Menschen versuchen mit Gesetzen einen zivilisierten Umgang miteinander zu regeln, aber ich bemerke, dass das offensichtlich schwer einzuhalten ist. Warum manche Menschen so sind? Keine Ahnung. Ich hoffe, dass der Film ein Nachdenken darüber anregt.
teleschau: Was angesichts der Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen dringlichst anzuraten wäre ...
Lothar: Klar, dadurch hat der Film etwas Heutiges. Der Stoff ist allerdings bereits zwölf Jahre alt. Er fand keine deutschsprachigen Förderer, bekam nicht genug Geld zusammen. Haneke sagte immer, dass er den Film unter einem bestimmten Budget nicht so realisieren könne, wie er sich ihn vorstelle. Ich habe aber mehr als ein Jahrzehnt an diesen Stoff geglaubt.
teleschau: Sie waren von Beginn an involviert und für die Rolle vorgesehen?
Lothar: Sie war für mich geschrieben.
teleschau: Das ist ein großer Vertrauensbeweis.
Lothar: Es herrscht in der Tat ein großes Vertrauen zwischen uns. Sonst hätte ich die Rolle nicht gespielt.
teleschau: Wenn ich mir Hanekes Film vor dem inneren Auge noch einmal ansehe, dann mutet er seinen Schauspielern eine Menge zu und treibt sie an die Grenzen und darüber hinaus. Müssen Sie sich da in irgendeiner Art unterwerfen?
Lothar: Ich unterwerfe mich grundsätzlich nicht, ich möchte zu Regisseuren aufblicken. Und das tue ich bei Michael Haneke komplett, den ich für sehr intelligent und humanistisch halte. Und: Die Dreharbeiten waren immer sehr unbeschwert. Was man nach den Filmen, die wir gemeinsam machten, nicht unbedingt vermuten würde. Die Themen sind hart, aber die Arbeit ist ein absolutes Vergnügen. Und dann kann ich mich, basierend natürlich auf dem Vertrauensverhältnis, dem Regisseur auch ausliefern: In dieser Form der Zusammenarbeit entsteht dann die Rolle. Das ist mein kleines Erfolgsgeheimnis. Ohne die Sicherheit, die mir Haneke gab, hätte ich den Film wahrscheinlich nicht gemacht.
teleschau: Wo sehen Sie die Unterschiede, zwischen der körperlichen Gewalt, die ihre Figur in "Funny Games" erfuhr, und der, die die Hebamme erleidet?
Lothar: Das eine ist eine Tortur-Geschichte. Das war eine spannende Erfahrung, weil nichts verzuckert und niemand zum Helden wurde. Hier wurde die Gewalt beobachtend erforscht. Die Hebamme hatte eine andere Dimension, weil sie keine Entwicklung durchmacht. Sie ist einfach da.
teleschau: Es ist eine strukturelle Gewalt, die den Film so beängstigend macht. Glauben Sie, dass es einen Unterschied gibt zu der Gewalt gegen einzelne, wie sie in "Funny Games" thematisiert wurde?
Lothar: "Funny Games" ist ein Film, der zeigt, dass jeder zum Opfer werden kann, der die Haustür aufmacht, um ein paar Eier rauszugeben. Ich halte den Film immer noch für einen genialen Entwurf, auch wenn er so unangenehm ist. Weil er die existenzielle Angst beschreibt, die jeder hat, der einem Fremden die Haustür aufmacht.
teleschau: Oder: Es kann jeder ein Täter sein, der Lust drauf hat ...
Lothar: Das auch, es war kein subtiler Horrorfilm, es ist Gegenwart. Auch wenn er bereits 1997 gedreht wurde.
teleschau: Die Gewalt ist ein Problem, das heute aktueller denn je scheint. Machen Sie sich da Sorgen, dass zum Beispiel Ihren beiden Kindern etwas passiert?
Lothar: Nein, ich passe sehr, sehr gut auf meine Kinder auf und erziehe sie auch gut. Man kann sich auch durch doppelte Sicherheitsschlösser nicht völlig davon abschotten. Ich habe unheimlich Angst vor Gewalt und versuche mich davor zu schützen, bin aber nicht übervorsichtig. Ich möchte aber nicht so gern über mich privat sprechen. Der Film trifft jedenfalls einen Nerv, deswegen ist "Funny Games" in der ganzen Welt Kult. Mittlerweile werde ich überall darauf angesprochen. Ich drehte in der ganzen Welt, in Amerika, in London, in Australien oder Frankreich - und überall wurde ich erkannt. Meistens in Videotheken, wo ich mir abends noch einen Film ausleihen ging. "Du bist 'Funny Games'", sagten die Leute. Ich freute mich, dass sie den Film im Sortiment hatten, nur leider meistens in Eckregalen hinter Vorhängen.
teleschau: Haben Sie eine Vorstellung, wie Gewalt heutzutage entstehen kann?
Lothar: Keine Ahnung, zumal wir nicht mehr so streng erzogen werden, wie zu der Zeit, in der "Das weiße Band" spielt. Aber es gibt immer Machtmissbrauch von Menschen, und ich glaube, der Mensch ist so, wie er ist. Das wird sich wohl nicht ändern. Deswegen ist es kein historischer Film, obwohl er natürlich erzählen kann, wie der Faschismus entstehen konnte. Man muss sich immer sehr bewusst sein, wie man mit Menschen umgeht und wie mit einem selber umgegangen wird.
teleschau: Glauben Sie, dass der Mensch im Kern böse ist?
Lothar: Ich glaube, jeder ist ein Raubtier. Ich erlebe das oft im Kleinen, im Alltag äußert sich das oft in Unverschämtheiten, die aber das Potenzial zur Grausamkeit zeigen. Sie müssen sich einfach nur in der Welt umschauen. Es ist erschreckend, was heutzutage passiert. Nehmen sie einmal das Mädchen, das in einen Kanalschacht geworfen wurde, und der Täter gibt dann gelassen darüber Auskünfte. Oder auch den Skandal um die Berliner S-Bahn: Da wurden jahrelang die Bremsen nicht ordnungsgemäß gewartet, weil die Bahn an die Börse wollte und gespart werden musste. Dafür wurde dann das Leben der Menschen riskiert. Das ist auch eine Form von Grausamkeit und macht mich fassungslos.
Andreas Fischer
Susanne Lothar spielt in "Das weiße Band" eine Hebamme, deren behindertes Kind gequält wird. (Elfie Semotan)
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