August Diehl
Man hat ja ständig ZweifelSchauspieler August Diehl (tsch) Schon wieder: ein Selbstmord! August Diehl wird der Tatsache just in dem Moment gewahr, in dem wir ihn danach fragen, nach diesem Rollen-Klischee, das ihm anzuhängen scheint. Dem des weltfernen Helden, der zuletzt an der Wirklichkeit scheitert und sich das Leben nimmt. Schon in seinem ersten Film, in "23" von Hans-Christian Schmid, war er ein besessener Computer-Hacker, der sich in Geheimdienste und Welttheorien verstrickte - und schließlich auf geheimnisvolle Weise entschwand. Anzeige "Der Typus des zerbrochenen Jugendlichen, des romantischen Suchenden wird fortan sein Markenzeichen", schrieb wohl zutreffend ein kritischer Begleiter. "In seiner Hingabe als stürmender Welteroberer voller Wut, Verletzbarkeit und Verzweiflung ist der stille Star unwiderstehlich. Und wie die Urfigur dieses Typs, Goethes Werther, sterben seine Charaktere meistens früh." Und nun schon wieder: Selbstmord. Diesmal mit Luise. Dabei will Diehl in Leander Haußmanns "Kabale und Liebe"-Inszenierung ja weiter nichts, als die Liebe der Musiker-Tochter Luise Miller zu erringen und zu behaupten gegen die Unbilden der aristokratischen Zeit. "Wieder ein Selbstmord", sagt August Diehl, selbst sehr erstaunt mit gebührendem Rollen-Abstand, wenngleich Respekt. Anlässlich einer Rekordflut an Preisen, die der Schauspieler bereits bekam - darunter 1999 den Bundesfilmpreis für seine erste große Rolle in "23" -, sagte er gelegentlich einmal, er habe eben "einfach Glück gehabt". Hierauf angesprochen, sinniert Diehl jedoch heute: "Wo fängt das Glück an? Natürlich kommt eine Rolle zur anderen. Leander Haußmann hat mich im Hamburger 'Don Carlos' gesehen. Da hat er mich gefragt, ob ich in 'Kabale und Liebe' spielen will. So war das in anderen Fällen auch. Es ist insgesamt wohl eine Mischung aus Glück und Leistung, die einer Karriere förderlich ist." Einen "Sprung ins kalte Wasser" nennt Diehl seine Annäherung an Haußmanns Projekt. Er gibt zu, bei Rollenangeboten im Allgemeinen "sehr wählerisch" zu sein. Hier sei es jedoch "eine spontane Sache" gewesen. "Leander fragte mich, und ich sagte zu", erinnert sich Diehl. Wie geht das, mit der Sprache des Klassikers vor der nahen, aufdringlichen Kamera, fragte er sich. "Kamikazehaft" findet Diehl im Nachhinein den Schritt. Dass dann alle in der Sprache Schillers sprachen, von der jungen 18-jährigen Paula Kalenberg bis hin zu Katharina Thalbach und Götz George, habe ihm die Arbeit erleichtert, sagt Diehl. Man probte täglich vormittags viel vor den Aufnahmen, drehte dann ganze Szenen am Stück. Obwohl "Kabale und Liebe" eine "einfache Geschichte über eine unschuldige, reine Liebe" sei, kamen Diehl am Set stets auch Bedenken: "Man hat ja ständig Zweifel. Man weiß nie, was letztlich herauskommen wird, und denkt zwischendurch immer wieder mal: O Gott, Hilfe!" Doch eben diese Zweifel scheinen die Stärke des Schauspielers August Diehl zu sein. Jedes Projekt geht er völlig unvoreingenommen an. Er weiß allerdings auch, dass man sehr leicht auf bestimmte Rollenklischees festgelegt werden kann: "Anfangs dauerte es eine Weile, bis die Leute merkten: Ich bin nicht einfach immer der durchgeknallte Kokser!" August Diehl, Sohn des Bühnen- und Fernsehschauspielers Hans Diehl, hat seine Kindheit teils in Frankreich, in der Auvergne verbracht. Der Vater hatte dort ein Haus gekauft. "Erst als die Schulzeit begann, ging es nach Deutschland zurück." Düsseldorf, Wien, Hamburg, hießen fortan die Stationen, die sich jeweils nach den Engagements des Vaters richteten. "Als Kind denkt man konservativ", sagt Diehl, "da hätte man natürlich gerne die Freunde behalten. Aber im Nachhinein war die viele Abwechslung doch eine bereichernde Erfahrung." Zum Theater führten ihn Leidenschaft und "vor allem Spaß", wie er betont. Klar habe er durch den Vater "alles mitgekriegt". Schlichte Nachahmung sei dennoch ausgeschlossen. "Es gibt Schauspieler, die mir stilistisch viel näher sind als mein Vater", glaubt Diehl. Der Bruder, das nur nebenbei, studiert Komposition in Berlin. Weltveränderung wird von ihm als theatralische Profession übrigens nicht ausgeschlossen, möglich sei immerhin die "Veränderung einzelner Menschen" - und sei es durch Freude. Mag sein, dass Diehl über Kollegen nichts sagt, außer es wäre gut: Wie er von Götz George schwärmen kann oder von Katja Riemann, mit der er soeben den Film "Ich bin eine Andere" drehte (über die Liebe eines jungen Mannes zu einer Frau mit multipler Persönlichkeit, Margarethe von Trotta führte Regie), das geht gewiss über kalkulierte Wohlanständigkeit hinaus. Diehl kann auch warten. Er liebt geradezu die Zeit, die zwischen den Filmen vergeht, bereitet sich auf die kommenden Projekte vor. "Filme zu drehen, ist wie eine weite Reise, auf der man keinen Kontakt mehr zur früheren Umgebung hat. Umso schöner ist es dann, wieder all die Freunde zu treffen, die übrigens nicht beim Film tätig sind." Eine Ausnahme macht da allerdings die Frau an seiner Seite, die Berliner Schauspielerin Julia Malik. "Seit acht Jahren" seien sie zusammen, sagt Diehl. Und es klingt in seiner Selbstverständlichkeit schon fast bürgerlich. Überhaupt nicht weltfern und ferdinandesk wie in Schillers Stück. Das Trauerspiel hat sein Happy-End am Prenzlberg in Berlin. Wilfried Geldner |
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