(tsch) "Die Familie ist die Hauptkampflinie, der Rubikon, den jeder überschreiten muss, um zu sich selbst zu finden." - Das war der Ausgangspunkt von Regisseur Chris Kraus, als er für sein mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnetes ARD-Debüt "Scherbentanz" (2003) nicht nur das Drehbuch, sondern auch die Romanvorlage schrieb. Um diese Mitte herum gruppierte er interessante Figuren, die sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen - und drehte einen bildgewaltigen, bewegenden und überaus faszinierenden Film.
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"Scherbentanz" wurde für den Autor und Regisseur Chris Kraus zur Eintrittskarte in die Branche. Seine zweite Regiearbeit befindet sich derzeit in der Postproduktion. "Nur für Mozart" erzählt vom Aufeinandertreffen der Generationen: In einem Gefängnis unterrichtet eine 80-Jährige Klavier und trifft dort auf eine junge Schwerverbrecherin. Monica Bleibtreu, Hannah Herzsprung und Richy Müller spielen die Hauptrollen in dem Kinodrama, das derzeit noch ohne Starttermin ist.
Es sind die ernsten, die tragischen Themen, die Chris Kraus interessieren und die er nicht nur über Dialoge und Darsteller, sondern auch über seine Bilder transportiert. In "Scherbentanz" taucht Kamerafrau Judith Hoffmann (auch bei "Nur für Mozart aktiv) die Szenerie in dunkle, matte Farben, die den düsteren Eindruck noch verstärken.
Kraus erzählt eine Geschichte, unter der sich so mancher Abgrund auftut, in der Dinge wie Krankheit, Hass und Irrsinn die zentrale Rolle spielen und die bei aller Schwere doch immer wieder herrlich-bissigen Humor aufblitzen lässt. Und schneller, als einem lieb ist, steckt man mittendrin im Beziehungsgeflecht dieser großbürgerlichen Familie, in deren Vergangenheit so vieles im Argen liegt.
Es geht um Jesko, von Jürgen Vogel gewohnt gekonnt als Zyniker mit weichem Kern gespielt. Er hat Leukämie und suchte bislang vergeblich nach einem geeigneten Knochenmarkspender. Unter einem Vorwand wird er von seinem Bruder Ansgar (Peter Davor) nach Hause gelockt, wo seine Mutter (furios und dafür mit dem Bayerischen Filmpreis belohnt: Margit Carstensen) wartet, die 20 Jahre lang verschwunden war. Sie ist verwahrlost, alkoholkrank und dem Wahnsinn nahe. Doch sie könnte Jesko als Spenderin das Leben retten. Anfangs weigert er sich, lässt sich dann aber doch auf die aufwändige Prozedur ein. In der Zwischenzeit brechen die alten Konflikte wieder auf, wobei es Ansgars Freundin Zitrone (Nadja Uhl), Krankenschwester und einziger Lichtblick in diesem Spiel, gelingt, Jesko zum Umdenken und zum Weiterleben-Wollen zu bewegen.
Wenn am Ende alle wie weidwunde Tiere aufeinander losgehen, ahnt man, was Kraus unter einem "Scherbentanz" versteht. Hier ist niemand heil geblieben, jedes Leben liegt in Trümmern, ohne dass es der Einzelne wahr haben möchte. Doch zumindest Jesko lernt, sich seiner Vergangenheit zu stellen, um eine Zukunft zu haben.
Tom Ruder
Zitrone (Nadja Uhl) wird am Ende ihre eigene Lösung aller Probleme finden. (SWR / avcommunication)
Jesko (Jürgen Vogel) hat erfahren, dass seine so lange verschwundene Mutter als Pennerin auf der Straße lebt. Nun soll sie ihm das Leben retten. (SWR / avcommunication)
Jahrzehntelang war Käthe (Margit Carstensen) aus dem Leben ihrer Familie verschwunden und hat auf der Straße gelebt. Nun ist sie zurück. (SWR / avcommunication)
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