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Reise durchs Reich der Mitte

China - Reise durch das Reich der Mitte (1)

(tsch) Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Spanne den Bogen, aber schieße nicht los. Noch gefürchtet zu sein, ist wirksamer." Und irgendwie scheint die ganze westliche Welt, hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und einer leisen Ahnung von Furcht vor dem schon lange nicht mehr schlafenden Riesen, genau das zu hoffen: dass die Chinesen es dabei belassen, den Bogen nur zu spannen. Tatsache ist, zumindest aus der Ferne betrachtet: China kommt! Getrieben vom Ehrgeiz und unermüdlichen Fleiß seiner Menschen, rast das Reich der Mitte in der globalisierten Welt einer Spitzenstellung entgegen. Und wir sehen staunend zu. Wie bei Olympia in Athen, wo China 32 Goldmedaillen absahnte und ahnen ließ, was die Welt 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking erwarten wird. Höchste Zeit, die vermeintlich riesengroße Distanz zu überwinden und sich mit nicht von Klischees verstelltem Blick diesem Land im Aufbruch und seinen Leuten zu widmen. Joachim Holtz, seit 1998 ZDF-Korrespondent in Peking, dürfte mit seiner grandiosen zweiteiligen Reportage "China - Reise durchs Reich der Mitte" nun so manchen überraschen ...

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"Wer im Leben glücklich werden will, der muss seine Arbeit lieben lernen", auch das weiß der chinesische Volksmund. Joachim Holtz (61) zeigt sie nun in seiner Reisereportage (Teil 2: Dienstag, 4. Oktober, 20.15 Uhr), diese arbeitenden Menschen, und zwar aus der Nähe.

Aber vor allem zeigt er, neben beeindruckenden Landschaftsaufnahmen, immer wieder unfassbare Gegensätze: Bettelarme und doch nicht klagende Bauern hier, eine hoch motivierte New-Economy-Gesellschaft da. Einerseits Frauen, an den Rand der Gesellschaft gedrängt, andererseits Armeen von Arbeitern und Arbeiterinnen, die helfen, das Wirtschaftswunder zu realisieren.

Ein Stadtbewohner verdient im Durchschnitt 9.422 Yuan im Jahr, das sind etwa 1.000 Euro. Nur weniger als ein Drittel davon bringt ein Landbewohner zusammen, 2.936 Yuan, etwa 300 Euro. Von den 1,3 Milliarden Menschen in China leben etwa 850 Millionen auf dem Lande. Aus diesen Zahlen lässt sich ablesen, wie einseitig der Fortschritt sich verteilt. "Es ist eine Entwicklung in zwei Geschwindigkeiten", so deutet Asien-Experte Holtz seine Beobachtungen während der Reise: "Faszinierende Sprünge in Technologie und Wirtschaft, zugleich Stillstand in vielen Teilen des Landes, Aussichtslosigkeit, Veränderung nur in Trippelschritten. China steckt mit dem Kopf im Weltraum, mit den Füßen aber noch im vergangenen Jahrhundert."

Das Team des ZDF-Studios Peking ist quer durch China gereist. Vom heftigen Frost am Fluss des Schwarzen Drachen durch die Wüste, ans Ostchinesische Meer bei Qingdao, nach Peking (anlässlich Olympia zurzeit "die größte Baustelle der Welt") und ins glitzernde Shanghai. Dann weiter in Chinas Herz, in die alte Kaiserstadt Xi'an mit ihren berühmten Terrakotta-Kriegern, in den Dschungel von Yunann und in die Berge der ärmsten Region des Landes. Schließlich bis in die Nähe Hongkongs, nach Shenzen, Wiege des Wirtschaftswunders. Für Joachim Holtz war es "ein Weg voller Überraschungen. Wir haben China von innen gesehen."

Mit seinen vom Zufall inspirierten Begegnungen will der TV-Journalist vor allem eines zeigen: "Die Zuschauer sollen erkennen, dass in China 1,3 Milliarden Individualisten leben, die doch alle ein gemeinsames Schicksal haben. Sie sollen sich wohlfühlen, neugierig werden, Appetit auf mehr bekommen."

Das Reich der Mitte mag sich ein Stück weit geöffnet haben, liberal, geschweige denn pressefreundlich ist China noch lange nicht. "Zur journalistischen Arbeit gehört in China eine strikte Kontrolle", berichtet Holtz. Fernsehkorrespondenten seien "ausgemachte Feinde der größten Nation der Welt, widerborstige Schlechtmacher und unbotmäßige Schnüffler." Deshalb müsse vor Ort stets unter der gestrengen Obhut eines so genannten "Waiban" - eine Art Aufsichtsbeamten für Journalisten - gearbeitet werden. "Ein Kulissenschieber der Wirklichkeit", so charakterisiert Holtz einen Waiban. Aber "er kassiert ganz schön dafür. Auch in die eigene Tasche." Darüber, wie es ihm trotz der allgegenwärtigen Waibans gelungen ist, weitgehend unabhängig zu arbeiten, hüllt sich der ZDF-Mann lieber in Schweigen. Holtz verrät nur viel sagend: "Unser Team kann mittlerweile mit vielen Zauberern mithalten. Der Kameramann ist ein geschulter Kleinkünstler."

Und trotz alledem lasse sich aus China berichten. "Und es macht wirklich Spaß." Denn keine staatliche Dienststelle habe seine Filme zu Gesicht bekommen oder gar zensiert - höchstens gelöscht, "draußen im Einsatz, wenn wir mal erwischt wurden".

Frank Rauscher


Der Wandel in China verläuft in zwei Geschwindigkeiten: rasant in den Städten, auf dem Lande meist nur im Trippelschritt. Ein Bauer in der Provinz Yunnan.
Der Wandel in China verläuft in zwei Geschwindigkeiten: rasant in den Städten, auf dem Lande meist nur im Trippelschritt. Ein Bauer in der Provinz Yunnan. (ZDF / Zhao Cheng Hui)

Shanghai - "Die Stadt des 21. Jahrhunderts", so sagen es stolz die 20 Millionen Menschen, die hier wohnen. Shanghai ist die Wirtschaftsmetropole und das moderne Schaufenster Chinas.
Shanghai - "Die Stadt des 21. Jahrhunderts", so sagen es stolz die 20 Millionen Menschen, die hier wohnen. Shanghai ist die Wirtschaftsmetropole und das moderne Schaufenster Chinas. (ZDF / Zhao Cheng Hui)

"Unsere zehntausend Staatsflaggen" - so nennen die Chinesen das Sonnenbad der Unterwäsche vor Fenstern und Balkons. Hier ist Shanghai noch ganz ursprünglich, der Alltag noch lange nicht international.
"Unsere zehntausend Staatsflaggen" - so nennen die Chinesen das Sonnenbad der Unterwäsche vor Fenstern und Balkons. Hier ist Shanghai noch ganz ursprünglich, der Alltag noch lange nicht international. (ZDF / Zhao Cheng Hui)

Datum: 04.10.2005

Artikel ID 158796

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