(tsch/wh) Im Alter von 20 Jahren brachte die kanadische Sängerin ihr Debütalbum "Jagged Little Pill" raus, das für sie den internationalen Durchbruch bedeutete. Es verkaufte sich über 30 Millionen Mal und wurde zu einem sensationellen Überraschungserfolg. Ein Jahr später räumte die junge Frau bei den Grammy Awards in vier wichtigen Kategorien ab. Seitdem sind 13 Jahre vergangen: Alanis ist heute 34, und ihr neues Album "Flavors of Entanglement", ihr vielleicht bestes bis jetzt, wie manche Kritiker behaupteten, kam letzte Woche raus. Nach vier Jahren Pause kommt die Rocksängerin in bester Form wieder und redet unbefangen über alles, was sich so in dieser Zeit in ihrem Leben getan hat.
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teleschau: Vier Jahre Pause. Welche Gefühle kommen auf, wenn Sie die neuen Songs erstmals einem Publikum präsentieren?
Alanis Morissette: Der erste besondere Augenblick für mich ist es immer, wenn die Band zusammenkommt. Das ist ein wunderbarer Moment. Bei den Liedern war es immer so, dass sie manche eben mögen, andere wiederum nicht. Und wieder andere interessieren sich gar nicht dafür.
teleschau: Sie betonen stets, dass die aktuellen Lieder in Echtzeit geschrieben wurden. Wie meinen Sie das?
Alanis Morissette: Es ist ein Album, das aus der Gegenwart heraus entstand. Früher schrieb ich oft über Ereignisse, die Monate zurücklagen. Diesmal nicht. Es geschah etwas in meinem Leben, und es entstand der Song dazu. Alle Lieder sind also sehr persönlich, aber eben gespeist aus völlig unterschiedlichen Emotionen. Die Platte ist also eine Art Chronologie - auch die Geschichte einer Beziehung, die erzählt wird. Es geht um Tiefpunkte und um die Wiederaufstehung. Für mich wurde diese CD eben zur Möglichkeit, mich zu fragen, was gerade alles in meinem Leben geschieht.
teleschau: Vornehmlich geht es um die Liebe ...
Alanis Morissette: Das tut es doch immer ...
teleschau: Bereitet es Ihnen keine Sorgen, dass durch eine solche CD Menschen in aller Welt teilhaben an Ihren eigenen Erfahrungen?
Alanis Morissette: Nein. Im Übrigen: Und ich mache schon einen Unterschied zwischen dem Privatleben und dem Verborgenen in mir. Das suche ich, und das gebe ich dann auch preis, weil manches oft nur wegen falschen Schamgefühls verborgen bleibt. Aber das Private bleibt trotzdem privat. Ich verrate auf meinem Album ja keine Telefonnummern (lacht).
teleschau: Dennoch wird etwa bei einem Lied wie "Torch", in dem es um das Vermissen von der Nähe des Partners geht, sicher spekuliert: Geht es um Ihren Ex-Partner Ryan Reynolds? Um jemand anderen?
Alanis Morissette: Ach, das war schon immer so. Über viele meiner Lieder wurde spekuliert. Und das ist auch in Ordnung. Ich denke gar nicht an später. Ich schreibe meine Lieder, um etwas rauszulassen aus mir, was raus muss. Weil ich sonst krank werden würde.
teleschau: Vier Jahre seit der letzten CD ist eine lange Zeit ...
Alanis Morissette: Ich habe zum Beispiel Schmuck entworfen, mich anderen Arten von Kunst gewidmet. Ich kümmerte mich um mein Haus in Los Angeles. Bin viel gereist. Und natürlich habe ich durch mein Privatleben auch eine Menge Aufmerksamkeit erfahren in der letzten Zeit. Auch darum musste ich mich kümmern.
teleschau: Was bedeutet Los Angeles für Sie? Die Stadt der Engel? Des Glücks? Der Einsamkeit?
Alanis Morissette: Nun, es kommt darauf an, was man daraus macht.
teleschau: Aber es war für Sie zunächst nicht leicht, als Sie vor 15 Jahren dorthin zogen ...
Alanis Morissette: Das stimmt. Aber ich bin bis heute oft mit Leuten aus Kanada zusammen. Das macht es einfacher. Klar ist es schwer in L.A., und vieles, was man an Negativem über die Stadt sagt, stimmt. Aber es ist auch ein wunderbarer Ort. Nie eine Wolke am Himmel, niemals. Das Meer. Eine Stadt der Extreme eben, an die ich mich gewöhnt habe. Sonst könnte ich dort nicht leben, nicht arbeiten.
teleschau: Teile der Aufnahmen sind dennoch in London entstanden.
Alanis Morissette: Ach, ich wollte auch einfach mal raus, nach meiner Trennung.
teleschau: Sie haben weit über 20 Songs für das Album geschrieben. Wenn Sie nun streichen mussten, war das nicht so, als fielen damit auch bestimmte Erinnerungen, bestimmte Momente heraus?
Alanis Morissette: Ja, das war das Schwerste überhaupt. Aber ich lasse mir was einfallen. Es wird eine Fan-Edition geben mit ein paar Extra-Songs. Vielleicht mal eine B-Seite.
teleschau: Wenn Sie sich selbst vergleichen mit der Person, die Sie noch vor ein paar Jahren waren. Was ist Ihnen wichtiger im Leben geworden?
Alanis Morissette: Gute Frage. Ich kann sicher besser auf mich aufpassen als früher. Mein Selbstwertgefühl ist intakter. Das ist wohl der größte Vorteil daran, älter zu werden. Und es ist wichtig für mich, mir die Intimität zu bewahren. Es gibt keine 500 Freunde mehr, sondern vielleicht noch vier, die dafür ganz enge Freunde sind.
teleschau: Warum ist das so?
Alanis Morissette: Ich weiß einfach genauer als früher, wer ich bin. Und so habe ich auch mehr zu teilen von mir. Als ich noch nicht so recht wusste, wer ich war, fiel es mir leicht zu funktionieren. Auch bei Menschen, die ich kaum kannte. Heute ist das ein bisschen anders.
teleschau: Das alles zeugt von mehr Selbstbewusstsein.
Alanis Morissette: Ach, ich mache mir einfach weniger Gedanken darüber, ob die Menschen mich mögen. Sicher, das spielt noch eine Rolle, für mich als Künstler. Aber nicht mehr in dem Maße wie früher.
teleschau: Ist das also die beste Zeit Ihres bisherigen Lebens?
Alanis Morissette: Ja, in gewisser Hinsicht. Klar, ich bin nicht immer fröhlich. Aber darum geht es auch nicht. Doch ich kann mit all dem umgehen, was auf mich zukommt. Mit Wut, Angst - all diesen Sachen ...
teleschau: Die Wut, die früher oft in Ihren Texten zu spüren war, ist also noch da?
Alanis Morissette: Natürlich. Wut und Liebe - das sind doch die beiden Gefühle, die im Leben Berge versetzen können. Ich bin nicht mehr so impulsiv wie früher. Aber klar, die Wut gibt es noch. Immer wieder ...
teleschau: Sie sind gerade einmal 34 Jahre alt und gelten schon als die erfolgreichste Rocksängerin aller Zeiten. Sie haben in Ihrer Karriere mehr erlebt als andere, die nun in Ihrem Alter sind. Spüren Sie Dankbarkeit?
Alanis Morissette: Große Dankbarkeit. Ich durfte schon so viel erleben, und ich weiß, dass es das Leben mit mir bisher gut meinte. Sicher, nicht alles ist immer leicht. Aber das sind Probleme, die andere Menschen auch haben.
teleschau: Wie geht eigentlich Ihre Familie mit Ihrer Popularität um?
Alanis Morissette: Naja, es ist nicht immer einfach für sie. Klar, sie sind schon auch dankbar. Aber meine Mutter wird oft auf den Nachnamen angesprochen. Am schwersten ist es wahrscheinlich für meinen Zwillingsbruder Wade, der ja auch Musiker ist.
teleschau: Und Ihre Freunde?
Alanis Morissette: Ich kenne so einige Prominente in Los Angeles, die sorgen sich immer und überall darum, dass jeder im Bewusstsein hat, dass sie berühmt sind. Ich bin das genaue Gegenteil. Ich will, dass meine Freunde gar nicht daran denken. Manchmal merken sie es erst wieder, wenn ich irgendwo auf der Straße erkannt werde.
teleschau: Popularität wirkt sich auch auf die Beziehung aus.
Alanis Morissette: Ja, das ist tatsächlich nicht einfach. Nicht jeder kann damit umgehen, kann tolerieren, was so alles auf mich zukommt. Um so dankbarer muss man sein, wenn es dann doch einmal funktioniert.
teleschau: Gibt es einen neuen Partner in Ihrem Leben?
Alanis Morissette: Ja, er ist sehr geduldig mit mir. Und ein großartiger Mensch.
teleschau: Kein Prominenter diesmal?
Alanis Morissette: Nein.
teleschau: Keine Schauspieler mehr?
Alanis Morissette: Keine Schauspieler mehr!
teleschau: Die Trennung von Ryan Reynolds hat Sie plötzlich in Kontakt mit der Boulevardpresse gebracht.
Alanis Morissette: Ich habe versucht, das alles einfach nicht zu lesen, nicht wahrzunehmen. Ich weiß, so etwas tut mir nicht gut, also vermeide ich es.
teleschau: Ihre Kindheit verbrachten Sie zum Teil in Deutschland.
Alanis Morissette: Ich erinnere mich an Heidelberg. Eine wunderbare Stadt. Ich war das einzige englischsprachige Mädchen in meiner Klasse. Aber wir reisten schon damals viel mit der Familie.
teleschau: Ihren ersten musikalischen Auftritt hatten sie dann vor vielen Jahren in der Casting-Show "Star Search". In Deutschland entwickelte sich dieses Genre ja erst später. Was empfinden Sie, wenn Sie heute die Shows sehen?
Alanis Morissette: Nun, ich bewundere schon den Mut der Teilnehmer. Bei uns war das damals anders. Ich weiß nicht, ob ich das heute machen würde, vor Publikum und einer großen Jury.
teleschau: Sie schieden damals aus.
Alanis Morissette: Erste Runde, gegen so einen Country-Typen.
teleschau: Wo sehen Sie sich selbst in fünf Jahren?
Alanis Morissette: Ich werde sicher noch Musik machen, vielleicht ein Buch geschrieben haben. Und vielleicht kommt noch mal ein Film dazu.
Teleschau: Sie haben ja erst kürzlich einen abgedreht: "Radio Free Albemuth", die Verfilmung eines Philip-K.-Dick-Romans ...
Alanis Morissette: Ja, ich vergesse das manchmal: Ich bin ja auch Schauspielerin.
Kai-Oliver Derks
Alanis Morissette legt ihr neues Studioalbum vor: "Flavors Of Entanglement" . (Warner Music Group)
Gilt als die erfolgreichste Rocksängerin unserer Zeit: Alanis Morissette. (Warner Music Group)
Durch die Trennung von Schauspieler Ryan Reynolds 2006 geriet Alanis Morissette auch ins Blickfeld der Boulevardpresse. (Warner Music Group)