Freiheit, Freude, Sehnsucht
Musiker Orishas
(tsch/wh) Kubanische Folksmusik hat eindeutig eine Ausnahmestellung im Folksmusik-Genre. Während Folklore in der westlichen Welt als Musik für Rentner verstanden wird, erfreut sich Jung und Alt auf der ganzen Welt an den traditionellen Latino-Rhytmen. Mit ihrem vierten Album "Cosita Buena" liefert die Kubaner Band Orishas wieder einen fröhlichen Mix aus kubanischem Folk und modernem Rap, der sich perfekt in die Sommerstimmung fügt. Es gibt also mehr als die bereits ziemlich abgelutschte Musik von Buena Vista Social Club, was Kubaner aus ihrer Tradition der sich nach Sonne und Temperament sehnenden westlichen Welt zu bieten haben.
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Orishas, benannt nach den Göttern der auf Kuba weit verbreiteten afrikanischen Religion Santería, gründeten sich 1999 im Pariser Exil, wo die Rapper Yotuel "Guerrero" Manzanares und Hiram "Ruzzo" Riveri als Mitglieder der bekanntesten kubanischen HipHop-Band Amanza auf den Sänger und Gitarristen Roldán González Rivero trafen. Gemeinsam mit dem Produzenten DJ Niko und Gründungsmitglied Livan "Flaco Pro" reifte die Idee, bissigen Rap mit traditionell-kubanischen Son- und Bolero-Einflüssen zu mischen. Seitdem ist nicht nur im Leben der Band einiges passiert, auch ihre Heimat verändert sich.
Nachdem Raúl Castro im Februar 2008 die Aufgaben seines Bruders Fidel als Staats- und Regierungschef von Kuba übernommen hat, hoffen Einheimische wie Exil-Kubaner auf eine Verbesserung der Situation in der heruntergewirtschafteten sozialistischen Republik. Doch die Bandmitglieder von Orishas, die seit Längerem in Frankreich, Spanien und Italien verstreut leben, sehen den Regierungswechsel mit gemischten Gefühlen.
"Wir sind definitiv optimistisch eingestellt", sagt Sänger und Gitarrist Roldán. "Es finden erste Veränderungen statt, aber man weiß nicht, wohin das Ganze führen wird. Es ist schon fast ein bisschen ironisch: Die Kubaner haben jetzt die Möglichkeit, Computer oder Handys zu kaufen, sie dürfen ganz normal in einem Hotel übernachten, aber kaum ein Kubaner kann sich so was leisten." Nach wie vor ist es für die Band allerdings keine Option, in ihre Heimat zurückzukehren, allein schon aus logistischen Gründen. "Es wäre unmöglich, kurzfristig irgendwelche weiten Flüge zu organisieren, und es kommt wirklich oft vor, dass wir schnell mal von Frankreich nach Deutschland oder so fliegen müssen", erklärt Roldán.
Die Zerreißprobe zwischen der Karriere im Ausland und der Sehnsucht nach der Heimat versorgt Orishas fortwährend mit Input für Musik und Texte. In ihren spanischsprachigen Raps und feinfühligen Gesangspassagen greifen sie Themen auf, die die ganze Welt betreffen: Ungerechtigkeit, Emanzipation und Rassismus, vermischt mit Bildern und Erinnerungen aus der Heimat. Obwohl sie mehrmals im Jahr ihre Familien daheim besuchen und die Eindrücke ihres eigentlichen Zuhauses auffrischen können, hat das Exil in Europa deutliche Spuren hinterlassen. Was auch auf dem jetzt erscheinenden vierten Album "Cosita Buena", welches sie erstmals komplett in Eigenregie und in nur anderthalb Monaten aufgenommen haben, deutlich zu hören ist. "Wir haben uns durch die spontane Art der Aufnahme natürlich leiten lassen, auch dadurch ist der Fokus weniger kubanisch geworden. Zehn Jahre sind wir nun schon in Europa, das wollten wir auch ein wenig beleuchten. Und vielleicht auch indirekt ein anderes Publikum dadurch für uns gewinnen."
Und Publikum gibt es schon jetzt reichlich. Von ihrem 1999 veröffentlichten Debütalbum "A lo cubano" verkauften sie in Spanien mehr als 100.000 Exemplare und erhielten damit Platinstatus, in Frankreich und der Schweiz wurde die erste Platte mit Gold ausgezeichnet. 2004 erhielten sie den Latin-Grammy für das beste HipHop-Album und wurden für die Kategorien "Best Latin Rock / Alternative Album" und "Best International HipHop-Album" nominiert. Zahlreiche Fanseiten im Netz (unter anderem sogar eine deutschsprachige) zeugen von einer treuen Anhängerschaft. Die Band tourte in den vergangenen Jahren nicht nur quer durch Europa, sondern gewann auch in den USA, Kanada, Südafrika, Brasilien und Mexiko Fans für ihren ungewöhnlichen und doch stets mitreißenden Sound, bei dem selbst weniger gelenkige Zeitgenossen ein Kribbeln verspüren sollten.
Die Verkäufe ihrer Tonträger auf Kuba selbst sind zwar eher bescheiden, aber bei dem ersten Konzert der Orishas in Havanna kamen 50.000 Leute, um sie zu sehen, und sogar Fidel Castro war neugierig auf die erfolgreichen Exil-Kubaner und gewährte ihnen eine Audienz. Doch viel wichtiger für die Band ist die Tatsache, dass Musik auf Kuba heute freier geworden ist, auch wenn viele Orishas-Songs wegen allzu kritischer Texte nach wie vor auf dem Index des Ministeriums für Jugendschutz stehen. "Es gibt heute Bands aller Richtungen: Funk, R'n'B, HipHop, Rock, Afrorock, Punk, sogar Country. Aber sie müssen alle denselben Prozess durchmachen wie wir und damit ist eine internationale Karriere von vornherein ausgeschlossen", bedauert Roldán. Wer Karriere machen will, muss weg von der Insel, denn kulturell ist Kuba immer noch eine Einbahnstraße, auf der viel ins Land kommt, aber wenig rausgeht.
Während sich viele Stile nach wie vor im Untergrund entwickeln, schaffen es populäre Richtungen wie HipHop auch aus der Nische heraus. "Es ist heute wirklich so, dass Konzerte mit bis zu 10.000 Zuschauern ganz offiziell durchgeführt werden können. Eine Sache, die noch vor fünf Jahren unmöglich gewesen wäre", sagt der Sänger. Und natürlich weiß die Band, was sie als Wegbereiter des "Rap Cubano" für die jungen Musiker ihres Landes bewegt hat. "Wir haben, denke ich, eine Tür aufgemacht, ein Potenzial aufgezeigt", so Roldán. "Politisch und sozial haben wir wohl nicht viel bewegt, aber das war auch nicht unsere Absicht. Wir haben jedoch gezeigt, dass es möglich ist, internationalen Erfolg zu haben und den eingefahrenen Stil weiter zu entwickeln. Ich denke, wir haben damit vor allem die einfachen Leute von der Straße angesprochen."
Letztendlich sind sie unentschlossen, ob der internationale Erfolg oder die Vorbildfunktion in ihrer Heimat die größere Rolle spielt. Auf die Frage, welches Publikum für die Orishas wichtiger ist, gibt die Band sich diplomatisch: "Wir möchten keinen bevormunden oder besser oder schlechter stellen. Für uns ist Kuba immer das Wichtigste, und das Publikum liegt uns sehr am Herzen, aber letztendlich haben die ganzen Erfolge, Preisverleihungen und Festivals leider nicht auf Kuba stattgefunden. Wir haben dort bisher nur vier bis fünf Konzerte gegeben."
Doch für Roldán, Yotuel und Ruzzo ist klar, dass sie eines Tages dorthin zurückkehren werden. Bis dahin werden Orishas weiter an der Vergrößerung ihrer weltweiten Fangemeinde arbeiten und hoffen, mit ihrem ganz eigenen Sound und ihren Texten weiterhin einen Teil zur Öffnung ihrer Heimat beitragen zu können.
Klaas Tigchelaar
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| Die Stunde des Exil-Kubaner-Trios Orishas schlägt derzeit weltweit. (EMI) |
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| Drei Exil-Kubaner auf der Überholspur: Hiram "Ruzzo" Riveri, Yotuel "Guerrero" Manzanares und Roldán González Rivero (von links) sind zusammen Orishas. (EMI) |
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| In Kuba daheim, in der Welt zu Hause: Orishas feiern fast überall größere Erfolge als im heimischen Kuba. (EMI) |
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