(tsch/vm) Man hat viel über den Moskauer Kreml gelesen und gesehen. Doch wo und wie wohnt Russlands einflussreiche Oberschicht? Die Rubljovo-Uspenskoje Chaussee ist eine berühmte Strasse, die vom Zentrum der russischen Hauptstadt hinaus in die Provinz-Idylle führt. Im Volksmund als „Rubljovka“ bekannt, repräsentiert diese Strasse die Macht der Reichen Russlands. Wer sich hier eingerichtet hat, der hat es geschafft: Er gehört zu den ganz Grossen im Land der Extreme. Reiche Staatsmänner (darunter auch Putin), Showstars, Wirtschaftsbosse und erfolgreiche Auftragskünstler teilen sich die prächtige „Rubljovka“-Gegend und leben dort, abgeschirmt vom Rest der Welt durch die Verkehrspolizei, den Sicherheitsdienst und bewaffnete Wachleute. Dieses Bewachungsbataillon versuchte auch permanent, die Regisseurin Irene Langemann bei ihrer Arbeit zum Dokumentarfilm "Rubljovka - Straße zur Glückseligkeit" (2006) zu behindern. Ihr wurde gedroht, denn einfach so filmen darf man in der Gegend, in der ein Grundstück bis über 20 Millionen Dollar kostet, natürlich nicht. Der preisgekrönte Dokumentarfilm, dem trotz der Schwierigkeiten doch sehr private Einblicke in diese bizarre Gemeinschaft gelungen sind, kommentiert das Geschehen nicht, sondern lässt die Einwohner des „Miniatur-Versailles“ selbst zu Wort kommen. ARTE zeigt das beeindruckende Gesellschaftsporträt nun als Erstausstrahlung im Original mit Untertiteln.
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Wohin damit die Reise gehen soll, machte im Dezember 2007 schon das symbolträchtige Kinoplakat zum Film deutlich: Es ist ein Gemälde von Nikas Safronow, einem der reichsten Auftragsmaler Russlands. Auf den ersten Blick zeigt es Napoleon, auf den zweiten Putin im Napoleonskostüm. Die Kritik in "Rubljovka" entsteht ohne ein Wort Off-Kommentar. Das Sittenbild ergibt sich aus O-Tönen der Anwohner, aus Ansichten ihrer Häuser und Lebenswelten. Hier ist das Geld zu Hause und nimmt mitunter bizarre Formen an.
Da ist zum Beispiel eine 27-jährige Blondine, die drauflos plaudert, dass sie vom Geld ihrer Eltern lebe, weil sie noch auf kreativer Suche sei. Davon könne sie sich drei Urlaube im Jahr und Shopping-Trips nach Paris leisten, aber eigentlich träume sie davon, einen Ausländer zu heiraten und mit ihm eine Familie zu gründen. Sie berichtet jedoch auch davon, wie die alten, angestammten und mittellosen Anwohner, die ihre Grundstücke an der Rubljovka nicht für einen Neureichen räumen wollen, unter Umständen mit einem Brand auf ihrem Gelände rechnen müssen. Um sich mit einem eigenen Miniatur-Versailles hier anzusiedeln, um sich einen Platz in der oberen Liga zu sichern, sind einige offenbar zu allem bereit. Ljubov Jermilina ist so eine "Uranwohnerin". In der Nachbarschaft der Millionäre lebt sie mit ihren Katzen in einem alten Haus ohne fließend Wasser, verkauft Besen an der Straße. Man habe sich mal mit Nachbarn zusammentun und eine Wasserleitung einrichten wollen, berichtet sie. Der Antrag wurde abgelehnt.
Und da ist der zwölfjährige Roma, dessen Eltern zu den Kreativen und Intellektuellen an der Straße zu zählen sind. Roma erzählt die Geschichte der Rubljovka, versucht, dem Zuschauer Russland zu erklären. Als Soap-Opera würden die Geschichten dieser Straße wohl übertrieben wirken. Als Realität in diesem Dokumentarfilm sind sie befremdlich. So, wie die Protagonisten sprechen und die Szenen montiert sind, wird ein eindeutiges Statement über das aufstrebende Russland abgegeben.
Bei der Viennale 2007 erhielt Irene Langemann für "Rubljovka - Straße in die Glückseligkeit" den Preis der Publikumsjury, der von der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" ausgelobt wird.
Petra Fürst
Das ist die Rubljovka: Ljubov Jermilina wuchs an dieser Straße auf und lebt hier bis heute in einem Haus ohne fließend Wasser. (rbb / Lichtfilm / Wolfgang Bergmann)
Und das ist auch die Rubljovka: Jugendliche Anwohner haben einen Quad-Verein gegründet. (rbb / Lichtfilm / Wolfgang Bergmann)
"Roma" (Mitte) weiß viel über die Geschichte seiner Straße zu erzählen. Er und seine Freunde erklären Russland. (rbb / Lichtfilm / Wolfgang Bergmann)
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