(tsch) Mit "Gegen die Wand" gewann Fatih Akin in Barcelona den Europäischen Filmpreis 2004. Einwanderer-Themen mit viel Herz sind die Spezialität des hochbegabten deutsch-türkischen Regisseurs. Der Shootingstar thematisierte bereits in seinem Roadmovie "Im Juli" (1999) die Probleme von Gastarbeitern der ersten und zweiten Generation. In "Solino", einer Kino-Koproduktion mit dem WDR, zeichnete er 2002 das Porträt einer italienischen Einwandererfamilie im Ruhrgebiet. Die tragikomische Geschichte, in deren Mittelpunkt die Rivalität zwischen den Brüdern Gigi und Giancarlo Amato steht, umfasst - mit zwei Zeitsprüngen - einen Zeitraum von 20 Jahren.
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"Können Zwiebeln so klein sein?" Ungläubig wiegt Rosa Amato (Antonella Attili) die mickrigen Gemüseknöllchen in der Hand. Sie können. Denn im Vergleich zur warmen Heimat Italien ist Mutter Erde reichlich kalt im neuen Domizil Duisburg, wo die Amatos 1964 einen Neuanfang wagen.
Auch sonst schlägt es den Einwanderern aus Apulien frostig entgegen: Papa Romano (Gigi Savoia) soll unter Tage schuften, und die Söhne sprechen wie ihre Eltern zunächst kein Wort der fremden Sprache. Weil Papa Romano schon nach einem Tag erkennt, dass ihm die Laufbahn eines Bergmanns mit rußigen Fingern nicht vorherbestimmt ist, muss eine Alternative her.
Warum nicht anderen Gastarbeitern in der ersten Pizzeria des Ruhrgebiets Rosas unübertreffliche Küche servieren? - Das Glück währt knapp zehn Jahre, bis die Familie zerfällt und sich die inzwischen erwachsenen Söhne Gigi (Barnaby Metschurat) und Giancarlo (Moritz Bleibtreu) im Bruderzwist auseinander leben. Als sie sich zehn Jahre später wieder begegnen, stellt sich die Frage: Wer hat sein Leben richtig gelebt?
Fatih Akin lässt sich für den ersten Teil seiner Immigrantenstory viel Zeit. Vielleicht, weil "auch meine Familie eine Einwandererfamilie ist", wie er sagte. "Apulien und Anatolien, wo ist der Unterschied? Für mich hat die Geschichte etwas Universelles." Mit mediterraner Erzählfreude schildert er die Heimatstadt Solino und ihre Menschen, sodass man sich fast wie in Tornatores "Cinema Paradiso" fühlt.
Doch ebenso liebevoll nimmt Akin die frühen Jahre der Einwanderer der ersten Generation unter die Lupe. Das alleine hätte schon für einen ganzen Film ausgereicht. Der Sprung in die 70er-Jahre reißt den Zuschauer rüde aus den nostalgischen Träumen, doch die Leinwandpräsenz von Moritz Bleibtreu und Barnaby Metschurat trösten darüber schnell hinweg.
Giancarlo hat im Gegensatz zu seinem zurückhaltenden, kleinen Bruder Gigi, der schon als Knirps Regisseur werden wollte, keinen Plan für sein eigenes Leben. Als sich die Chance bietet, ist Giancarlo dann fies genug, seinem Bruder die Freundin auszuspannen und dessen Filmkarriere an sich zu reißen, während Gigi die schwer erkrankte Rosa in Solino pflegt.
Akin findet den schmalen Weg zwischen Pathos und kleineren Emotionen - nicht zuletzt auch dank der Drehbuchautorin Ruth Toma ("Gloomy Sunday"), die für "Solino" den Bayerischen Filmpreis erhielt. Die konsequente Untertitelung der zahlreichen italienischsprachigen Szenen trägt viel zur Identität des Films bei.
Wilfried Geldner
Rosa (Antonella Attili) und Romano (Gigi Savoia, links) haben mit ihren Kindern Gig und Giancarlo ihre Heimat Italien verlassen und sind nach Duisburg ausgewandert. Dort wartet ein hartes Leben auf sie. (WDR)
Ada (Tiziano Lodato) und Gigi (Barnaby Metschurat) lieben sich. (WDR)
Sie haben die erste Pizzeria des Ruhrgebiets: Rosa (Antonella Attili) und Romano (Gigi Savoia). (WDR)
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