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Justice - Cross Symbol

Stress im Internet

(tsch) Nun ist es nicht so, dass niemand die Popband Justice kennt. Die Franzosen landeten mit ihrem letzten und im Übrigen sehr guten Album "Cross Symbol" auch in Deutschland einen veritablen Verkaufserfolg, die Single "D.A.N.C.E" gehörte in den Elektroclubs der Metropolen zu den Songs, bei denen auf der Tanzfläche gar nichts ging. Musikalisch war das alles erste Sahne - ein Inhalt war dagegen kaum auszumachen. Dass ausgerechnet das französische Duo plötzlich - möglicherweise - so etwas wie ein Polit-Statement veröffentlicht, überrascht dann doch. Gleichzeitig wird an dem Clip offensichtlich, wie die neuen Verbreitungswege eines Musikvideos aussehen - und wie schnell die etablierten Medien darauf reagieren.

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Es sind Jugendliche, Franzosen afrikanischer und arabischer Herkunft. Sie tragen Kapuzen und schwere Lederjacken mit dem Justice-Symbol auf dem Rücken und machen sich aus dem Banlieue, aus der Vorstadt, auf den Weg Richtung Paris. Sie pöbeln am Bahnhof, greifen Fahrgäste an, belästigen Frauen. In der Stadt zerstören sie die Kamera einer Touristin, verprügeln Straßenmusiker, demolieren Autos und überfallen ein Bistro. Immer wieder werden Passanten angegriffen und verprügelt, ziellos. Am Ende brennt ein Auto. Es ist eine Gewaltorgie. Und es ist ein Musikvideo.

Innerhalb einer Woche wurde der sechsminütige Film bei Youtube eine Million Mal geklickt. Es finden sich deutlich über 1.000 Userkommentare, die zum Teil durchaus reflektierend auf den Inhalt eingehen, auf die krasse und unverschlüsselte Darstellung von Gewalt, die hier eine neue Qualität angeht: Während sie im HipHop meistens als Teil des Rapgames gezeigt wird und systemimmanent ist, wird in dem Justice-Video klar: Es ist ein Kampf der Welten. Arm gegen reich, Vorstadt gegen Stadt, und ja: Migranten gegen das etablierte Paris.

Doch bemerkenswert ist nicht nur die direkte Rezeption des Videos auf dem bandeigenen Youtube-Kanal oder im Umfeld des Acts. Es verblüfft schon, mit welcher Geschwindigkeit der Clip zum Thema des Tages auf den Seiten vieler europäischen Medien wurde. Da spricht die Schweizer Online-Zeitung "20 Minuten" gleich einmal mit der Kriminalpolizei - um festzustellen, dass so ein Video in der Schweiz sofort verboten werden würde. Dass sich die Zustände in Bern, Zürich und Appenzell kaum mit denen in Paris und Lyon vergleichen lassen, wird wohlweislich verschwiegen. Der Internet-Auftritt des britischen "Guardian" vergleicht den Clip dagegen in einer herrlich süffisanten Kritik mit dem Kinofilm "La Haine" und lobt ihn immerhin als "gorgeously shot". Französische Medien schlugen zunächst Alarm - alle relevanten TV-Sender verboten die Ausstrahlung des Videos, wohl gemerkt nicht wegen der exzessiven Darstellung von Gewalt, sondern weil die Inhalte angeblich rassistisch seien. Auch die deutschen Leitmedien diskutierten - sueddeutsche.de vermutete, der Clip sei in erster Linie ein Vermarktungsfilmchen für die bandeigene Klamottenlinie - die Jacken, die die Schläger im Video tragen, sollen für etwa 600 Euro in den Handel kommen. Spiegel online dagegen reflektierte und erkennt die Bilder als "mediale Inszenierung".

Gewinner gibt es am Ende viele. Einmal die Band, klar. Trotz massiver Anfeindungen dürften sie finanziell einen guten Schnitt machen, der Absatz an Justice-Tonträgern wird steigen. Dann ist da Romain Gavras, der den Clip inszenierte: Der 26-Jährige dürfte so ohne jedes Zutun zu einem sehr gefragten Clip-Regisseur werden - übrigens zu Recht, denn egal, was man dem Video vorwirft: Handwerklich und dramaturgisch ist es gut. Und am Ende ist es dann doch auch die Sache, der ein Dienst erwiesen wird: Die hoffnungslose Situation in den französischen Vorstädten ist zumindest auf einer Meta-Ebene Teil aller Diskussionen im Internet. Für rassistisch halten den Clip die wenigsten User, für aufrüttelnd fast alle.

Die Band äußerte sich erst, als die Kritik immer lauter wurde: "Der Film ist keine Stigmatisierung der Banlieues, keine Aufforderung zur Gewalt und vor allem keine Vehikel, um eine rassistische Botschaft zu transportieren", gaben die Musiker soeben bekannt und fügten an: Wir dachten aber nicht, dass die Diskussion so weit gehen würde, dass wir uns rechtfertigen und gegen schwerwiegende Beschuldigungen wehren müssen." Erklären wollen Justice den Clip nicht. Die Diskussion kann weitergehen, auf der Internet-Seite Ihres Vertrauens.

Jochen Overbeck


Schocken mit ihrem Gewalt-Video das Internet: die französische Elektro-Band Justice
Schocken mit ihrem Gewalt-Video das Internet: die französische Elektro-Band Justice (Warner Music)

Datum: 17.05.2008

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Diskussion: "Justice - Cross Symbol"

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