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Ein einziger Augenblick

Ein einziger Augenblick

(tsch/vm) Mit einer namhaften Besetzung drehte „Hotel Rwanda“-Regisseur Terry George das bewegende Drama „Ein einziger Augenblick“. Joaquin Phoenix („Walk the Line“, 2005) und Mark Ruffalo („Zodiac“, 2007) stehen als verzweifelte Väter in einem erbitterten Kampf um Rache und Vergebung einander gegenüber. Das kraftvolle Drama, das im ländlichen, sonst idyllisch-beschaulichen Connecticut spielt, bewegt sich jenseits jeglicher Schwarz-Weiß-Malerei und bricht mit vielen Klischees: Es gibt kein Gut und Böse, sondern nur verschiedene Schicksäle.

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Der College-Professor Ethan Learner (Joaquin Phoenix), seine Frau Grace (Jennifer Connelly) und ihre beiden Kinder fahren gut gelaunt von einem Freiluftkonzert, bei dem ihr Sohn Josh Cello gespielt hat, nach Hause. Als die kleine Emma (Elle Fanning) dringend zur Toilette muss, machen die Learners an einer Tankstelle Halt.

Zur gleichen Zeit besucht der Anwalt Dwight Arno (Mark Ruffalo) mit seinem Sohn Lucas ein Baseballspiel. Nach Ende der überlangen Partie ist Eile geboten. Der Vater muss den Elfjährigen schleunigst bei seiner Ex-Frau Ruth (Mira Sorvino) abliefern, um weiteren Ärger mit dem Besuchsrecht zu vermeiden. Ein wenig zu schnell nimmt er mit seinem schwarzen SUV eine Kurve, im Lichtkegel taucht ein Junge auf. Arno schafft es weder zu bremsen noch auszuweichen. Frontal erfasst das Auto Josh und tötet ihn ...

"Ein einziger Augenblick" der Unachtsamkeit nur, der das Leben zweier Familien, zweier Familienväter vollkommen zerstört. Terry George, Spezialist in Sachen menschliches Leid und Seelenschmerz, hat sich nach dem Völkermorddrama "Hotel Ruanda" einer "kleinen", persönlichen Katastrophe zugewandt und gemeinsam mit Autor John Burnham Schwartz dessen gleichnamigen Roman - im Original: Reservation Road - für die Leinwand adaptiert. Kurz, einen Moment nur, hält Dwight sein Auto an, blickt sich um und trifft dann die falsche Entscheidung: Er begeht Fahrerflucht.

Zwar drückt die Schuld zentnerschwer, aber die Angst, den eigenen Sohn zu verlieren, lässt ihn nicht klar denken. Vielleicht wird ja durch ein Wunder alles wieder gut. Die Polizei kommt nämlich mit ihren Ermittlungen nicht weiter. Da taucht der schmerzgeplagte Learner in seiner Kanzlei auf, engagiert ihn, um bei den Behörden Druck zu machen. Ein etwas arg konstruierter Zufall, zumal auch noch die Tochter der Learners, wie sich bald darauf herausstellt, bei Ruth Klavierunterricht nimmt.

Aber auf diese (Un)Wahrscheinlichkeiten kommt es nicht an. Denn George interessiert sich fast ausschließlich für die Psychologie von Täter und Opfer. Warum handelt wer wie, lautet die zentrale Frage. Es gibt keine Täter, nur Opfer und man weiß im Endeffekt nicht, auf wessen Seite man sich schlagen soll. Würde es sich hier um einen der (wieder) populären Selbstjustizfilme handeln, siehe zuletzt "Die Fremde in dir", wären die Fronten klar, das "Recht" richtig oder zumindest eindeutig zugewiesen. Doch simples Schwarz und Weiß lässt der Filmemacher nicht zu, driftet nie ins Klischee, in die Konvention ab. Sah Charles Bronson einst in schmuddeligen Hinterhöfen rot, hat sich die Frage nach Schuld und Sühne hier in die vermeintlich heile US-Kleinstadtwelt verlagert. Keine hehren Übermenschen gibt es hier und auch keine Super-Bösewichte, nur gut gestellte Durchschnittsbürger.

Entsprechend dieser Ausgangslage setzt Terry George ganz aufs Spiel, auf die Ausdruckskraft der beiden vorzüglichen Hauptdarsteller, die er vorwiegend in funktionalen Großaufnahmen (Kamera: John Lindley) miteinander konfrontiert, aufeinander loslässt. Fast wie auf einer Bühne interagieren sie, während ihre Partner, Kinder und Freunde in den Hintergrund rücken, manchmal geradezu in der Unschärfe verschwinden. Logisch und konsequent, denn auch im Leben von Ethan und Dwight haben sie alle keinen Platz mehr.

Einer griechischen Tragödie gleich spitzen sich die Dinge zu, Ethan, wie sein berühmter Namensvetter aus "Der schwarze Falke", will das Recht in die eigenen Hände nehmen, derweil Dwight, der Namensvetter Eisenhowers, passiv bleibt, mit sich ringt, das Richtige zu tun.

Gebhard Hölzl

Credits:
V:Tobis, USA 2007, R: Terry George, D: Joaquin Phoenix, Jennifer Connelly, Mark Ruffalo u.a.

Laufzeit: 102 Min.

Kinostart:
19. Juni 2008


Ein zehnjähriger Junge wird bei einem Autounfall tödlich verletzt.
Ein zehnjähriger Junge wird bei einem Autounfall tödlich verletzt. (Tobis Film)

Anwalt Dwight Amo (Mark Ruffalo) trifft eine folgenschwere Entscheidung.
Anwalt Dwight Amo (Mark Ruffalo) trifft eine folgenschwere Entscheidung. (Tobis Film)

Ethan Learner (Joaquin Phoenix), seine Frau Grace (Jennifer Connelly) trauern um ihren verstorbenen Sohn Josh.
Ethan Learner (Joaquin Phoenix), seine Frau Grace (Jennifer Connelly) trauern um ihren verstorbenen Sohn Josh. (Tobis Film)

Datum: 15.06.2008

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Diskussion: "Ein einziger Augenblick"

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