Tilda Swinton
Eine Frau fürs ExtremeSchauspielerin Tilda Swinton (tsch/cg) Interessant ist die Wahl der Rollen von Tilda Swinton. Interessant auch sie selbst: Mit ihrer Familie in einem kleinen Städtchen im Norden von Schottland (kein einziges Kino weit und breit!) lebend, hält sie sich vom Hollywood-Rummel fern. Meistens spielt die Schottin in kleineren Independent-Produktionen, doch Rollen in Erfolgen wie etwa „The Beach“ von 2000 machten sie auch unter einem breiteren Publikum berühmt. 2007 bekam sie den Oscar für beste Nebendarstellerin im Justizthriller „Michael Clayton“, in dem sie an der Seite George Clooneys brillierte. Nun ist die Schauspielerin im Independent-Drama „Julia“ des Regisseurs Erick Zonca zu sehen, in dem sie als verzweifelte Alkoholikerin glänzt, die einen kleinen Jungen kidnappt. Im Interview spricht Swinton über ihre Vorliebe für alternative Filme, ihre Heimat und ihre mangelhaften Erfahrungen mit Alkohol. Anzeige teleschau: Der Film beginnt als Charakterstudie und endet in einem psychedelisch anmutenden Gangster-Showdown ... Tilda Swinton: ... weil die Alkoholsucht genau dorthin führt. Die äußere Gewalt, die sich manifestiert, als Julia mit ihrem Entführungsopfer in Mexiko landet, ist im Grunde nicht schlimmer als das, was sie sich selbst schon vorher angetan hat. Hätte dieser Film ein Hollywood-Ende, dann würde Julia irgendwann aufwachen und alles wäre nur ein böser Traum gewesen. Genau das wollten wir aber nicht drehen! teleschau: Konnten Sie denn eigene Erfahrungen mit Alkohol in die Rolle der "Julia" einbringen? Tilda Swinton: Nur aus zweiter Hand! Ich tauge zum Trinken einfach nicht, weil ich nach nur einem Drink schon einschlafe. Deshalb war ich immer diejenige, die bei Partys nur vorgab angeheitert zu sein und dann stocknüchtern den Polizisten an der Tür versprach, dass wir alle leise sein werden und bald heimgehen. Sie dürfen raten, wer dann auch den Taxi-Job übernommen und alle anderen ins Bettchen gebracht hat. Am Set musste ich dann peinlicherweise vor dem Regisseur zugeben, dass ich nicht weiß, wie es ist, betrunken zu sein. Wir haben dann geprobt, so zu tun als ob. War aber gar nicht so schwer (lacht). teleschau: Kann man einem solchen Monster wie Julia als Darstellerin überhaupt nahe kommen? Tilda Swinton: Ich gebe zu, dass diese Dreharbeiten einer zoologischen Expedition auf unbekanntes Terrain glichen. Alle meine bisherigen Rollen hatten zumindest mit Fragmenten meiner Persönlichkeit oder meines Lebens zu tun. Dennoch war mir diese Figur nicht fremd. Ich stecke nicht in Julia, aber Julia ist in mir. teleschau: Sie haben selbst Zwillinge. Führt eine Rolle wie Julia Sie als Mutter an Grenzen? Tilda Swinton: Julia fehlt jeder mütterliche Instinkt, wirklich jeder! Diese Figur überschreitet Grenzen, aber genau deshalb war sie auch ehrlich und interessant. Warum sind drei Hamburger kein geeignetes Notfrühstück für einen Neunjährigen? Warum sollte sie ihn nicht mit der Waffe in Schach halten? Und weil der Knirps im Film bei seinem Opa aufwächst, ist er der ideale Gegenpart für Julia. Er weiß nämlich genauso wenig über die Beziehung eines Jungen zu einer Frau. teleschau: Auch "Julia" ist ein kleiner Independentfilm. Warum spielen Sie so selten in kommerziellen Mainstreamproduktionen ... Tilda Swinton: Mainstream muss ja nicht zwangsläufig auch kommerziell sein! Und was der eine als Mainstream empfindet, kann für den anderen schon mutiges Experimentalkino sein. Aber in wirklich kommerziellen Hollywoodproduktionen wie "Narnia" habe ich immer nur Gastauftritte. Da fahre ich hin, liefere ein paar Tage lang das ab, was von mir erwartet wird. Und darf dann ich wieder nach Hause zu meinen Kindern. teleschau: Schauen Ihr Sohn Xavier und Ihre Tochter Honor Mamas Filme? Tilda Swinton: Keinen einzigen! Die beiden haben keine Ahnung, was ich beruflich treibe. Sie halten mich vermutlich für einen Legosteingroßhändler. "Narnia" war mein einziger Film, den sie hätten anschauen dürfen. Aber da war ihnen schon der Trailer viel zu laut. Beide leben in einer anderen Welt. Sie schauen sich eher Jacques Tati und Jean Cocteau auf DVD als Disneyfilme im Kino an. Wir leben in einer kleinen Stadt bei Inverness im Norden von Schottland, in der es gar kein Kino gibt. teleschau: Was erhoffen Sie sich von Ihrem Oscar für "Michael Clayton"? Tilda Swinton: (lacht) Dass mein Marktwert steigt! Kerstin Lindemann |