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Aimee Mann

Bitte nicht lächeln

Musikerin Aimee Mann

(tsch/wh) „Ohne Konflikt kein Drama. Und wenn das Drama fehlt, was bleibt dann noch?“, so Aimee Mann. Der Songwriterin wird oft vorgeworfen, stets deprimierende Lieder zu schreiben. Eine internationale Anerkennung bekam die Sängerin, die übrigens mit Sean Penns Bruder Michael verheiratet ist, durch die hervorragenden Songs, die sie für Paul Thomas Andersons Meisterwerk „Magnolia“ schrieb. Mit „@#%&! Smilers“ bringt sie nun ein neues Album raus. Im Interview erklärt sie, was hinter dem kryptischen Titel steckt, und spricht über ihre Vorliebe für wehmütige Songs.

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teleschau: "@#%&! Smilers" ist ein ziemlich merkwürdiger Titel für ein Album. Was hat er zu bedeuten?

Aimee Mann: Die Zeichenfolge vor dem Wort "Smilers" ist einfach ein Platzhalter für einen beliebigen Fluch. Den Begriff fand ich in einer Internet-Newsgroup namens "Alt.Bitter". Ein Freund und ich, wir lasen das regelmäßig und fanden es ziemlich witzig: Eine ganze Newsgroup für verbitterte Leute! Einer der Threads trug den Titel "@#%&! Smilers". Dort wurde darüber diskutiert, wie ätzend es ist, wenn dich Leute auf der Straße zum Lächeln bringen wollen. Leute, die sagen: Lächle doch mal, es kann doch nicht so schlimm sein!

teleschau: Fühlen Sie Sich in Ihren Liedern diesen verbitterten Leuten verbunden?

Aimee Mann: Manchmal kritisieren die Leute meine Arbeit, indem sie sagen: Warum schreibst du nicht mal fröhliche Songs? Warum sind deine Sachen immer so deprimierend? Also - zunächst mal: Ich finde meine Lieder gar nicht deprimierend. Ich bin nicht deprimiert, wenn ich sie schreibe, und sie lösen diese Stimmung auch nicht bei mir aus. Ich schreibe einfach über Menschen, die ich interessant finde. Natürlich haben sie manchmal Konflikte auszutragen, aber das macht die Geschichten auch interessant. Es gibt Traurigkeit in meinen Liedern, aber ist das deprimierend? Ich finde, dass fröhliche Songs oft weniger interessant sind. Ohne Konflikt kein Drama. Und wenn das Drama fehlt, was bleibt dann noch? Nur noch eine vage Stimmung ...

teleschau: Sie leben in Los Angeles, Kalifornien - der Welthauptstadt des Lächelns und der guten Laune. Gibt es dort besonders viele "Smilers"?

Aimee Mann: Ich treffe solche Leute gar nicht so oft in Kalifornien. Eher an der Ostküste. Vor allem als Kind hat man es ständig mit Menschen zu tun, die einen immerzu zum Lächeln bewegen wollen. Menschen, die denken, dass Kinder die ganze Zeit zu lächeln haben. Außerdem sagen es Männer oft zu Frauen, weil sie wollen, dass die Frauen mit ihnen lächeln. Aber das ist doch krank! Und in Kalifornien? Nein. Vielleicht lächeln die Leute da ohnehin so viel, dass sie die Nase voll davon haben.

teleschau: Lassen Sie uns über einige Lieder des Albums sprechen. Auf dem ersten Stück "Freeway" gibt es die schöne Refrainzeile "You've got a lot of money, but you can't afford the freeway". Ist man glücklicher, wenn man wenig besitzt?

Aimee Mann: Das Lied handelt von einem Freund, auf dessen Charakter auch viele Songs meines letzten Albums "Forgotten Arm" beruhen. Dieser Freund hat seit Langem ein Drogenproblem, und irgendwann zog er nach Los Angeles. Er war zudem schon immer von Geld besessen, sicher auch eines seiner Probleme. Ich habe gesehen, wie das Leben in Los Angeles und diese Geldbesessenheit ihn immer weiter in die Drogen hineinzogen. Das Wort "Freeway" war für mich eine Metapher für diesen Lifestyle in Hollywood und Beverly Hills. Besessen von Geld und Images. Das alles hat ihn in eine schlechte Situation gebracht.

teleschau: Aber was meinen Sie mit "Can't afford the freeway", sicherlich nicht eine Art Autobahngebühr?

Aimee Mann: Dass man es nicht auf den "Freeway" schafft, ist eine spirituelle, emotionale Metapher. Einer meiner Freunde ist bei den Anonymen Alkoholikern. Der sagt immer: Am schwersten haben es dort reiche Männer und schöne Frauen. Weil sie nie ganz unten landen und es immer Leute um sie herum gibt, die es ihnen ermöglichen, ihr altes Leben weiterzuführen. Ich meine also: Auf der einen Seite hat der Typ im Song sehr viel Geld, aber eigentlich kann er sich dieses Geld nicht leisten, weil es sein Leben zugrunde richtet. Es ist immer besser, wenn die Leute alles verlieren, was sie besitzen und ganz unten angelangt sind. Erst dann sind sie gezwungen, sich Hilfe zu suchen.

teleschau: Im Song "31 Today" scheinen Sie über sich selbst zu schreiben. Eine Musikerin, die auf Ihr Leben mit Anfang 30 zurückblickt. Ist das einer Ihrer seltenen Songs, in dem Sie ganz unverblümt von sich selbst erzählen?

Aimee Mann: Der Song fing autobiografisch an, weil mich die Musik an mein Leben damals in Boston erinnerte. Vielleicht war ich auch ein bisschen jünger als 31. Aber es war eine Zeit, in der ich mich treiben ließ. Ich hing rum mit Leuten, die ich vielleicht besser gemieden hätte. Leute, die tagsüber tranken und keinen Job hatten. Sie waren zwar Musiker, verfolgten aber keine Ziele. Es gibt dieses Alter, wo du dich zu fragen beginnst, was du mit deinem Leben anstellen willst. Einige meiner Freunde wurden damals 31 und stellten fest: Ich bin jetzt in meinen Dreißigern, ohne regelmäßigen Job, ohne Beziehung - und ich weiß noch nicht mal, was ich eigentlich machen möchte.

teleschau: Das Lied "Borrowing Time" war ursprünglich als Auftragsarbeit für den Film "Shrek 3" gedacht. Daraus wurde aber nichts. Warum?

Aimee Mann: Einige Songs auf dieser Platte waren ursprünglich für Filme gedacht. Die "Shrek 3"-Leute kamen auf mich zu. Das ist jetzt nicht unbedingt mein Ding, aber ich dachte: "Hey, es ist etwas für Kinder, ein Cartoon. Ich schaue mir die Szene an und vielleicht habe ich eine Idee." Ich hatte eine und spielte sie den Filmleuten vor. Sie mochten es, mein Produzent Paul Bryan und ich nahmen den Song auf. Dann jedoch meinten die Typen vom Film, dass ich den Song schneller machen sollte, was keinen Sinn ergab, da ich das Tempo exakt auf diese Szene geschrieben hatte. Schließlich fand ich heraus, dass sie noch etwa 20 andere Leute gefragt hatten, für genau diese Szene einen Song zu schreiben. Sie wollten also gar nicht unbedingt einen Song von mir haben, gaben mir aber immer neue Aufgaben. Schließlich fingen beide Seiten an, das Projekt zu hassen, und sie wollten den Song dann auch nicht mehr. Schließlich schrieb ich einen ganz neuen Text, basierend auf der Geschichte von "Schneewittchen" - ein wirklich seltsames und verstörendes Märchen. Der neue Text ist auch eine Metapher für diese Erfahrung mit dem Filmprojekt. Ich singe ihn zur langsamen musikalischen Urversion des Stückes. So wie ich das eigentlich vorhatte. Jetzt gefällt mir der Song wieder richtig gut.

teleschau: Im Song "Looking For Nothing" geht es um zwei alternde Boxer, die wissen, dass ihre Zeit vorüber ist. Sie fühlen sich mit dieser Situation aber ganz wohl. Lebt man zufriedener, wenn man keine Ziele mehr hat?

Aimee Mann: Manche Leute haben sehr konkrete Ideen davon, was sie glücklich machen wird. Männer gehen los mit dem Ziel, sich zu betrinken, Mädchen aufzureißen. Sie sind sehr fixiert auf ihre Idee und deshalb nicht offen für andere Erfahrungen. Vielleicht wissen diese Leute ja auch gar nicht, was sie wirklich glücklich macht. Vielleicht sind einige Menschen einfach nicht dafür gemacht zu wissen, was sie glücklich macht. Jeder von uns kennt Leute, die hinter etwas her sind und sich immer schlecht dabei fühlen. Ich finde, man sollte eine Lanze brechen für Menschen, die einfach durchs Leben gehen, das mitnehmen, was ihnen so begegnet und versuchen, das Beste daraus zu machen.

teleschau: Sie sprachen von weiteren Songs, die eigentlich für Filme gedacht waren ...

Aimee Mann: "The Great Beyond" ist ebenfalls ein Song, den ich für einen Film schreiben sollte. Ein Naturfilm mit dem Titel "An Artic Tale" über einen Eisbären. Es wurde nichts aus der Filmsonggeschichte, wahrscheinlich weil ständig neue Leute an diesem Projekt arbeiteten. Der Song jedoch, den ich für eine Szene des Films schrieb, bekam ein Eigenleben. Er handelt jetzt von einem Menschen, der davonläuft in die Wildnis. So ähnlich wie im Buch "Into The Wild". Das war kurz bevor mein Schwager Sean Penn seinen Film nach diesem Buch drehte, davon wusste ich damals gar nichts. Ich erfuhr es kurze Zeit später. Im Song geht es um eine ähnliche Figur. Jemand, der in der Stadt lebt und dort Ärger hat. Dann kommt er darauf, abzuhauen und in der Wildnis zu leben. Einfach ganz auf sich gestellt. Ich dachte beim Schreiben aber auch an Tiere, die in der Wildnis leben und deren Lebensraum verschwindet. So wie der Eisbär, dessen Welt aufgrund der globalen Erwärmung einfach verschwindet.

Eric Leimann


Lieder gegen die übertrieben gute Laune: Aimee Mann veröffentlicht "@#%&! Smilers".
Lieder gegen die übertrieben gute Laune: Aimee Mann veröffentlicht "@#%&! Smilers". (Rough Trade)

Der Freeway als Symbol: Die Songs von Aimee Mann sind kleine Geschichten über das Leben in Amerika.
Der Freeway als Symbol: Die Songs von Aimee Mann sind kleine Geschichten über das Leben in Amerika. (Rough Trade)

Datum: 16.06.2008

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