(tsch/wh) „Werden sich die Leute an uns erinnern? Mögen sie die Art von Musik, die wir machen, überhaupt noch?“: Von solchen Zweifeln wurden die Musiker aus der Punk-Rockband „The Offspring“ während der Aufnahmen ihres achten Albums „Rise And Fall, Rage And Grace“ geplagt. Diese Zweifel sind nicht grundlos: Erstens dauerte es ziemlich lang, bis man von der kalifornischen Punkband wieder etwas hörte. Und zweitens interessierte sich kaum jemand für ihre letzten Alben „Conspiracy Of One“ (2000) und „Splinter“ (2003). Jetzt wagen die Jungs, die in den Neunzigern mit ihrer Platte „Smash“ (1993) die Herzen aller Teenager eroberten, einen neuen Anlauf.
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Die Sonne scheint in München. Das ist natürlich prinzipiell eine sehr schöne Sache, aber Dexter Holland, Sänger der kalifornischen Punkband, ist trotzdem traurig: Denn in dem Luxushotel, in dem die Band die Interviews zu ihrem neuen Album gibt, liegt der komplette Meetingbereich unterirdisch und verströmt den Charme einer kurzfristig bezugsfertig gemachten Tiefgarage. Holland gerät ins Philosophieren: "Norddeutschland mag ich nicht so sehr", sagt er. "Oft genug ist es dunkel und kalt. Aber München liebe ich. Die Sonne, die gute Stimmung - das Hofbräuhaus!" Er muss lachen. Aber er weiß, wovon er redet. "Rise And Fall, Rage And Grace" ist das achte Album seiner Band. Er kennt die Stadt, war oft genug auf Promotion-Tour, hat eine gute Handvoll Konzerte hier gespielt. Er kennt vermutlich jede Stadt, denn wie man ja so sagt: Irgendwas bleibt immer hängen.
The Offspring haben viel Zeit verstreichen lassen. So viel, dass man nicht nur von einem Comeback redet, sondern auch gleich nach den Gründen fragt. Gab's Streit? In der Band, oder mit dem Plattenfirma? Nein, sagt Dexter Holland, man habe sich einfach verzettelt. Man sei viel live unterwegs gewesen, auch zur "Greatest-Hits"-Platte vor drei Jahren. Und dann sei man irgendwie wieder im Studio gelandet. Gute zwei Jahre dauerte der Aufnahmeprozess - vor allem, weil Produzent Bob Rock seinen Lebensmittelpunkt auf Hawaii hat, man also immer hin und herfliegen musste. Nervig - aber Holland sieht durchaus Vorteile: "Das gab uns die Chance, die Dinge ab und an liegen zu lassen und ein paar Wochen später noch mal drüberzugucken. Wir haben vielleicht weniger spontan, aber sicher sorgfältiger gearbeitet", sagt er. Auch sonst ging man die Dinge etwas anders an: "Wir suchten schon nach unserer Seele. Wir haben sieben Platten aufgenommen, die Leute wussten, wie wir klingen. Deshalb mussten wir uns neu orientieren, überlegen, was wir anders machen können. Deshalb haben wir noch vor dem eigentlichen Aufnahmeprozess wahnsinnig viel gespielt, immer und immer wieder. Bevor wir überhaupt die Demos hatten, kannten wir die Songs schon auswendig."
Nun ist es bekanntlich mit seinen Lieblingsbands ein bisschen so wie mit dem öffentlichen Nahverkehr: Niemand steht gerne da und wartet, schon gar nicht fünf Jahre lang. Dass ihnen die alten Fans die Stange halten, dass sowohl die Australien-Tour als auch das Doppelfestival Rock im Park / Rock am Ring gut besucht waren, erleichtert The Offspring schon immens: "Natürlich machten wir uns Gedanken.", sagt Dexter. "Da zweifelt jeder. Werden sich die Leute an uns erinnern? Mögen sie die Art von Musik, die wir machen, überhaupt noch?"
Nun haben The Offspring, was das angeht, so eine Art Vorteil: Sie wissen auch, wie sich das Leben jenseits der Erfolgsspur anfühlt. Gute zehn Jahre lang tourten sie mit verrosteten Minivans durch die USA, schliefen auf Fußböden, bevor sich so etwas wie Erfolg einstellte. Dass der Bekanntheitsgrad in den letzten fünf Jahren zwangsweise abfiel, genoss Dexter sogar: "Wir hatten vorher nie irgendwelche Probleme mit hysterischen Fans. Aber manchmal nervt es schon ein bisschen, wenn du an der Ampel stehst, und die Kids neben dir echt jedes Mal was rüberbrüllen. Das hat aber viel mit visuellen Eindrücken zu tun, mit Videos und Fernsehauftritten. Und da das in den letzten Jahren kaum mehr stattfand, haben wir's gerade recht ruhig."
Vermutlich kann man sagen, dass The Offspring eine zufriedene Band sind. Vielleicht sind sie sogar eine glückliche Band. Zumindest macht ihr Frontman einen ausgeglichenen Eindruck, vor allem wenn er über "Nothingtown" spricht, einem kleinen Song über die große Stadt. "Es ist ein Lied über beide Seiten. Darüber, abhauen zu wollen, aber auch darüber, wieder anzukommen. Wenn ich in Orange County, meiner Heimat bin, sehe ich all diese Typen, die einfach nie aus ihren Kleinstädten weggezogen sind und da jetzt ihren Job haben. Das passiert vielen Leuten: Sie bleiben stecken, und das ist doch einigermaßen furchtbar." Und die andere Seite? Die Rückkehr? Dexter Holland lacht und erzählt, wie wohl er sich in Huntington Beach fühle. Die Küstenstadt liegt kaum zehn Kilometer von seinem Heimatort. "Es war ein prima Gefühl zurückzukommen und ein Haus zu kaufen. Fast wie in einem Bruce-Springsteen-Song", sagt er und lacht. Es geht also auch ohne Gipfel.
Jochen Overbeck
Back Again: The Offspring und ihr Cali-Punkrock. (Sony BMG)
The Offspring sind erleichtert, dass ihre alten Fans sie nicht vergessen haben. (Sony BMG)
Heimatlieder: The Offspring singen in "Nothingtown" auch über Orange County. (Sony BMG)