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Paul Weller

Der Trotzkopf als Friedensstifter

Musiker Paul Weller

(tsch) Am 25. Mai ist Paul Weller 50 Jahre alt geworden - ein stolzes, aber auch würdiges Alter für die unangefochtene Übervaterfigur der britischen Musiklandschaft. Das Jubiläum erscheint um so imposanter, bedenkt man, dass Weller bereits mit zarten 17 Jahren ein Mod-Revival zur Blütezeit des Punk entfachte, um seine Band The Jam, gerade als sie die wichtigste und erfolgreichste Gruppe Englands war, mit gerade einmal 24 Jahren einfach wieder aufzulösen. Der frankophile Cappuccino-Soul des Nachfolgers The Style Council hätte die Landsleute kaum nachhaltiger irritieren können, weshalb nicht allen auffiel, dass Weller hier einige der famosesten Singles der 80er-Jahre schrieb. Seit 1992 ist der kontroverse Star solo aktiv, doch auch hier lautet sein Credo: "Vorwärts immer, rückwärts nimmer!"

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Mit "22 Dreams" hat Weller sich und den Fans zum 50. ein ausladendes Doppelalbum gegönnt, auf dem der frühere Wutkopf eine fast schon altersmilde Poesie anstimmt. Sieht man von einem mutmaßlich Kater-bedingten Husten ab, wirkt der berüchtigte Interview-Muffel überhaupt äußerst aufgeräumt, auskunftsfreudig, und er bedankt sich artig für die nachträglichen Glückwünsche: "Es ist zwar erst ein paar Tage her, dass ich 50 bin, aber muss sagen, ich find's nicht schlecht. Ich fühle mich ganz wohl damit."

teleschau: Du hattest immer mal wieder Ärger mit der britischen Presse. Ist der Respekt gegenüber Deiner Person jetzt zum 50. größer?

Paul Weller: Auf jeden Fall mochten sie das neue Album, so viel ist sicher. Es gab fantastische Rezensionen. Aber es ist mit der britischen Presse immer schwierig. Heute lieben sie mich, morgen hassen sie mich ...

teleschau: Das ändert sich wohl nicht mehr ...

Paul Weller: Nein, das ändert sich nie.

teleschau: Die Songs von Deinem neuen Album machen alle einen sehr introspektiven, reflektierten Eindruck. Bist Du privat auch ausgeglichener geworden?

Paul Weller: Keine Ahnung, so was entwickelt und ändert sich die ganze Zeit. Ich bin mir auch nie wirklich bewusst, wie ich so bin. Ich lebe einfach so vor mich hin. Ich denke eigentlich nicht, dass ich mich besonders geändert habe. Es wirkt sich natürlich immer auf die Musik aus, wie man sich so fühlt. Das neue Album ist sehr positiv und optimistisch. Ich denke, so geht's mir dann auch.

teleschau: Auf dem Album geht es um zeitlose Themen wie Gott, die Natur, die Liebe. Nach politischen Songs ist dir nicht mehr zumute?

Paul Weller: Nein, überhaupt nicht. Wenn ich Lust darauf bekäme, würde ich natürlich welche schreiben. Aber das ist kein Thema mehr, das mich noch interessiert. Es ist einfach nur noch öde und langweilig. Wenn man sich die politischen Songs anschaut, die ich in den 80-ern geschrieben habe, dann stellt man fest, dass sie genauso gut von heute stammen könnten. Es hat sich seither nichts verändert. Ich könnte mich bloß noch drüber aufregen ...

teleschau: Und da hast Du keine Lust mehr drauf ...

Paul Weller: Natürlich rege ich mich noch auf. Aber es ist, wie mit dem Kopf vor die Wand zu rennen. Es ändert sich nie was. Bevor sie in Afghanistan oder den Irak einmarschiert sind und diese armen Leute bombardiert haben, sind Millionen von Menschen in der ganzen Welt auf die Straße gegangen und haben dagegen protestiert. Und trotzdem haben sie es getan. Wo ist da die Demokratie, wenn man nicht auf seine Leute hört? What's the fucking use anyway?

telschau: Es gab immer mal wieder Zeiten, wo es Dir schwer fiel, neue Songs zu schreiben. "As Is Now" vor drei Jahren war schon ein Doppelalbum, "22 Dreams" ist jetzt noch mal deutlich länger geraten. Erlebst Du womöglich gerade eine Deiner produktivsten Schaffensphasen?

Paul Weller: Bei diesen Aufnahmen war das so, ganz sicher. Ich war immer inspiriert, zu schreiben. Mit so vielen unterschiedlichen Leuten zu arbeiten, hat auch dazu beigetragen. Es hat einfach jeden Tag Spaß gemacht, viel ist spontan entstanden. Es war diesmal eine andere Arbeitsweise als sonst.

teleschau: Du hast Dich in einer ziemlichen Stilvielfalt ausgetobt. War das auch so eine Art Statement, zu sagen: "Ich mache einfach, worauf ich Lust habe"?

Paul Weller: Ein bisschen war es so. Obwohl es eigentlich gar nicht geplant war, so viele Musikstile auszuprobieren. Das hat sich so entwickelt. Aber es gab schon den Gedanken, dass es diesmal keine Grenzen geben soll, dass wir sie hinausschieben und Neuland betreten. Es ging um Spaß und Gefahr und Chaos. Das steckt alles in der Platte drin.

teleschau: War es eine ganz bewusst altmodische Entscheidung, ein Konzeptalbum aufzunehmen, für das man sich Zeit nehmen muss, das man von Anfang bis Ende hören muss?

Paul Weller: Ja klar, das richtet sich schon auch gegen den ganzen Download-Kram. Das ist ein richtiges Album. Man muss es von vorne bis hinten hören, aber dafür bekommt man auch etwas zurück.

teleschau: Elvis Costello hat kürzlich gesagt, er habe bald keine Lust mehr, Alben aufzunehmen, wenn sich alle bloß noch einzelne Songs aus dem Internet runterladen ...

Paul Weller: Ich bin da auch nicht glücklich drüber. Aber man kann's nicht ändern. Was soll man machen? Aufhören, Musik zu machen? Keine Ahnung.

teleschau: Du hast auf dem neuen Album mit einigen Co-Autoren gearbeitet. War das eine ganz bewusste Entscheidung, oder hat sich das eher ergeben?

Paul Weller: Das hat sich eher so ergeben. Es war schön, mit unterschiedlichen Leuten zusammenzuarbeiten. Ich musste mich nicht hinsetzen und 21 Songs alleine schreiben. Das hat mir etwas den Druck genommen.

teleschau: In der Vergangenheit hast Du das kaum gemacht ...

Paul Weller: Habe ich nicht, nein. Aber dafür habe ich mich dieses Mal sehr relaxed beim Schreiben gefühlt. Ich muss ja keinem mehr beweisen, dass ich die ganzen Songs alleine schreiben kann. Ich habe es genossen, Teil des Teams zu sein.

teleschau: Du hast es geschafft, dass die alten Streithähne Noel Gallagher von Oasis und Graham Coxon von Blur auf derselben Platte spielen. War das eine Deiner größten Leistungen?

Paul Weller: (lacht) Absolut! Ich habe Frieden im Brit-Pop gestiftet! Graham und Noel hatten sich aber eh nie in den Haaren. Das war eher eine Sache zwischen Damon (Albarn, Anm. d. Red.) und Noel. Graham mag Noel tatsächlich sehr gerne.

teleschau: Du bist ohne Deine Band ins Studio gegangen. Ging es Dir darum, Raum für neue Einflüsse zu schaffen?

Paul Weller: Genau, das war gar nicht gegen meine Band gerichtet. Das sind alles tolle Musiker. Aber ich dachte mir, wenn wir wieder zusammen ins Studio gehen, machen wir wieder dieselbe Platte. Und das wollte ich nicht. Ich wollte wirklich mal ganz woanders hin.

teleschau: Es war zu lesen, dass Deine früheren Kollegen von The Jam die Band wieder vereint haben und nun ohne Dich Deine Songs spielen. Irgendwie eine komische Idee ...

Paul Weller: Yeah, it's fucking bizarre, man! Ich verstehe ehrlich gesagt die Motivation dahinter nicht. Wahrscheinlich geht es ums Geld. Wirklich seltsam. So als wäre man seine eigene Tribute-Band.

teleschau: Sie haben Dich ersetzt ...

Paul Weller: Ja, haben sie. Aber ich bin darüber hinweggekommen. Es gibt zurzeit so viele Bands, die sich wiedervereinigen. It's fucking mental. Ich verstehe das nicht. Man kann nicht zurück. Man muss vorwärtskommen. Was vergangen ist, ist vergangen. Damit muss man sich zufriedengeben.

teleschau: Hast Du noch Kontakt zu den alten Bandkollegen?

Paul Weller: Ich habe mit Bruce (Foxton von The Jam, Anm. d. Red.) kürzlich gesprochen. Mit dem Schlagzeuger nicht, den mochte ich eh nie. Aber mit Bruce war das nett. Er muss wissen, dass ich nicht gut finde, was sie machen, aber was soll's. Mick Talbot (von The Style Council, Anm. d. Red.) habe ich vor ein paar Tagen bei meinem Geburtstag gesehen. Wir haben zusammen was getrunken. Das war wirklich schön.

teleschau: Dein Sohn Nat spielt seit Kurzem in seiner eigenen Band. Stolz auf den Nachwuchs?

Paul Weller: Ja! natürlich! Ich hoffe, es wird was daraus. Meine älteste Tochter schreibt auch Songs und singt. Sie ist wirklich gut. Sogar meine zweitälteste Tochter, die erst zwölf ist, hat schon ihre eigene Band. Die machen alle was mit Musik. Ich ermuntere sie immer, dass sie sich mit Musik beschäftigen oder irgendwas mit Kunst machen.

teleschau: Könntest Du Dir vorstellen, für Deine Kinder als Manager zu arbeiten, wie es Dein Vater für Dich getan hat?

Paul Weller: (lacht) Definitiv nicht. That's a fucking headache. Damit käme ich gar nicht klar.

Jens Szameit


Zum 50. Geburtstag beschenkt Paul Weller sich und seine Fans mit dem ausschweifenden Doppelalbum "22 Dreams".
Zum 50. Geburtstag beschenkt Paul Weller sich und seine Fans mit dem ausschweifenden Doppelalbum "22 Dreams". (Universal)

Fühlt sich ganz wohl als Jubilar: Paul Weller, kurz nach seinem 50. Geburtstag.
Fühlt sich ganz wohl als Jubilar: Paul Weller, kurz nach seinem 50. Geburtstag. (Universal)

War selten so inspiriert wie heute: Paul Weller hat nicht weniger 21 Songs für sein neues Album eingespielt.
War selten so inspiriert wie heute: Paul Weller hat nicht weniger 21 Songs für sein neues Album eingespielt. (Universal)

Datum: 16.06.2008

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