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Coldplay

Fußballwitz im Bühnenkostüm

Band Coldplay

(tsch/wh) Ihre Musik lieben nicht nur Freunde der schönen Pop-Ballade. Viele, die sonst für dieses Genre nur Verachtung übrig haben, gehen zu ihren Konzerten. Coldplay, die wohl größte Band der zeitgenössischen Pop-Welt, kann man nicht einfach ignorieren. Denn irgendwie hat es die Band geschafft, eine Art allgemeingültige Erfolgsformel für ihren Klang zu erfinden. In der Londoner Brixton Academy, einem kleinen, aber sehr vornehmen Konzertsaal, fing vor Kurzem ihre große „Viva La Vida“-Tour an. Das heißt: Alles ist neu. Neue Platte, ein neues Zeitalter für die Band, neue Songs für die Fans, selbst neue Fans. Und irgendwie ist doch alles wie immer: Es wird einfach schöne Musik gemacht, die keinen kalt läßt. Nicht einmal Kelly Osbourne, die sichtbar ergriffen in der Menge steht.

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Vor allem fällt aber auf, dass Coldplay einen Klang gefunden haben, der eine Allgemeingültigkeit besitzt, die bemerkenswert ist und oft genug wie eine 2.0-Variante der Musik wirkt, mit der sie schon früher enorm erfolgreich waren. Im direkten Vergleich fällt auf: So schön Lieder wie "In My Place" oder das eher pflichtübungsmäßig, aber dafür exponiert aus dem Publikum angespielte "Yellow" sein mögen, gegenüber den Songs auf "Viva La Vida Or Death And All His Friends" stinken sie ab - verblüffend auch, weil das vierte Coldplay-Album eine Produzentenplatte ist, eine, die nicht unerheblich von Brian Eno und Markus Draws lebt.

Diese Energie auf die Bühne zu transferieren - es gelingt Coldplay, nicht zuletzt wegen eines Publikums, das auch mit den neuen Songs auf Du und Du ist und auch die Momente, die die Melodie zugunsten eines austarierten Gesamtklangs, einer akustischen Idee hinten anstellen, rührig akzeptieren und zelebrieren. Chris Martin dankt's - das am Rande - mit einem Fußballwitz: dem alten, mit dem englischen Team und der Playstation.

"Ich würde sie gerne hassen - aber sie sind einfach verdammt gut", sagte Ian McCulloch, Sänger der Britpop-Veteranen Echo and the Bunnymen, schon vor sechs Jahren. Und diese immense Qualität dürfte Kickstarter für die Coldplay-Karierre gewesen sein. Von der ersten EP veröffentlichten Chris Martin, Will Champion (Schlagzeug), Jon Buckland (Gitarre) und Guy Berryman (Bass), die sich Mitte der 90er-Jahre auf einem Londoner College kennenlernten, gerade mal 500 Stück.

Die zweite folgte rasch und erschien auf dem englischen Indie Fierce Panda, das in der Vergangenheit für Bands wie Embrace oder Keane Erfolgsmotor war. Hier blieben Coldplay kein Jahr - Parlophone kaufe die Band 2000 aus ihrem Vertrag, um "Parachutes" zu veröffentlichen - das erste Coldplay-Album und gerade wegen seiner Simplizität eine der schönsten Britpop-Platten überhaupt. Vielleicht liegt's daran, dass es um Leidenschaft geht, um Gefühle. "Ich möchte, dass die Leute etwas von unserer Musik mitnehmen. Sie sollen da etwas rausholen - mir ist lieber, sie merken, dass sie es hassen, als dass es ihnen gleichgültig ist", sagte Martin damals. Mit "A Rush Of Blood To The Head" erschien 2002 der Nachfolger - in Deutschland gelang Coldplay damit erstmals der Sprung an die Spitze der Hitparaden.

Das übermäßig geglättete "X & Y" schließlich schaffte selbiges vor drei Jahren weltweit - und erntete dennoch maue Kritiken. Denn Coldplay wechselten aus dem Gefühl in die Gefühligkeit. Aber was im Mittelpunkt der Berichterstattung stand, war ohnehin nicht mehr ausschließlich die Musik.

Einmal war da Chris Martins soziales Engagement: Er setzte sich (und tut es nach wie vor) für den Fair Trade ein, fungierte als Botschafter der Wohltätigkeits-Organisation Oxfam. Und dann war da das Private, das natürlich rasch öffentlich wurde: 2003 heiratete Martin Gwyneth Paltrow, mittlerweile haben die beiden zwei Kinder und, vermutlich eher unfreiwillig, eine Rolle: Mehr als nur einmal wurden sie als Vorreiter der LOHAS-Bewegung abgefeiert. Die Gründe liegen auf der Hand: Soziales Engagement, Öko-Mode von Kuyichi, Hybrid-Toyota.

Dem Publikum in der Brixton-Academy ist das alles egal. Schon nach ein paar Minuten zieht Chris Martin dieses eigens angefertigte, am Cover-Artwork angelehnte Jackett aus und wirkt ganz normal - sieht man von den Bewegungen, von diesem Tanz zwischen seinem Klavier, Gitarre und Nur-Mikro einmal ab. Schnell ist Schluss, zumindest gefühltermaßen. "Viva La Vida" steht am Ende auf den Stoffbahnen hinter der Bühne. Der Boden der Brixton Academy ist voll von zertretenen Bierbechern. Die britischen sind dünnwandiger als ihre deutschen Pendants, die kann man einfach unter sich fallen lassen. Für die Band geht's weiter nach Barcelona, anschließend nach New York. Für den Zuschauer geht's raus in die Londoner Nachtluft. Und so manch einer dürfte sich daheim direkt vor den Rechner setzen und die Kreditkarte zücken - immerhin kommen Coldplay im Spätsommer noch mal auf Tour, dann allerdings in die großen Hallen und Stadien. Schön, sie in so kleinem Rahmen erlebt zu haben.

Tourdaten Coldplay:

02.09., Mannheim, SAP Arena

12.09., Köln, Lanxess-Arena

14.09., Hamburg, Color-Line-Arena

15.09., Berlin, O2 World

26.09., München, Olympiahalle

Jochen Overbeck


Neuer Klang trifft Historisches: Coldplay.
Neuer Klang trifft Historisches: Coldplay. (EMI)

Fußballwitze und Pathos-Pop: Coldplay stellten "Viva La Vida" in der Brixton Academy vor.
Fußballwitze und Pathos-Pop: Coldplay stellten "Viva La Vida" in der Brixton Academy vor. (EMI)

Die Speerspitze der britischen Pop-Musik kann zufrieden sein: Auch mit "Viva La Vida" steuern Coldplay auf Rekordkurs.
Die Speerspitze der britischen Pop-Musik kann zufrieden sein: Auch mit "Viva La Vida" steuern Coldplay auf Rekordkurs. (EMI)

Datum: 21.06.2008

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Diskussion: "Coldplay"

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