(tsch/cg) Ausnahmeregisseur Terry Gilliam ist für seine grenzenlose Phantasie bekannt. Der Schöpfer von Meisterwerken wie „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1998) und „Life of Brian“ (1979) arbeitete zuletzt an seinem neuesten Film „The Imaginarium of Doctor Parnassus“, dessen Dreharbeiten aufgrund des plötzlichen Todes von Hauptdarsteller Heath Ledger länger als geplant dauerten, da Gilliam das komplette Drehbuch umschrieb statt Ledgers Part nachdrehen zu lassen. Nun zeigt ARTE ein etwas älteres Werk des Exzentrikers aus dem Jahr 1985: die düstere Zukunftsvision „Brazil“.
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Zu düster fand der damalige Chef des Filmverleihs Universal, Sid Sheinberg, das fertige Werk des "Monty Python"-Mitglieds Terry Gilliam und verlangte nach einem Happy End. Doch der Regisseur stellte sich quer. Der Kinostart von "Brazil" verschob sich aufgrund des Streits immer weiter, bis Gilliam den Verleihchef per ganzseitiger Anzeige im Branchenblatt "Variety" fragte, wann er denn vorhabe, den Film zu veröffentlichen.
So gibt es heute drei Fassungen von "Brazil": Den 142-minütigen Director's Cut, die um sieben Minuten kürzere Kinoversion, die auch ARTE zeigt, und - speziell für das amerikanische Fernsehen - die 94 Minuten lange "Love Conquers All"-Version, auch bekannt als "Sheinberg Edit".
Gelangweilt, aber zufrieden ist der Buchhalter Sam Lowry (Jonathan Pryce), der nur im Traum gegen den totalitären Computerstaat rebelliert, in dem er lebt. Als geflügelter Ritter befreit er eine blonde Schöne, mit der er glücklich entschwebt. Doch eines Tages stellt er fest, das dem Exekutionskommando des Regimes ein Schreibfehler unterlaufen ist: Statt des Terroristen Harry Tuttle (Robert De Niro) wurde ein unschuldiger Familienvater namens Harry Buttle hingerichtet. Als Sam der Witwe die Nachricht überbringen soll, trifft er auf Jill (Kim Greist), die Nachbarin der Buttles und Frau seiner Träume. Um sie zu schützen, wehrt er sich nun tatsächlich gegen das System.
Es ist kein Popcornkino, das Gilliam dem Zuschauer serviert. Selbst der hartgesottene "Monty Python"-Fan muss sich erst an den anarchischen Humor gewöhnen, mit dem die kafkaeske Zukunftsvision gewürzt ist. Doch schon damals konnte der "Brothers Grimm"-Regisseur für seine schrägen Ideen die richtigen Schauspieler gewinnen: Neben Pryce und De Niro vervollständigen Bob Hoskins, Ian Holm und "Python" Michael Palin das Ensemble. Doch nicht die Darsteller, nicht das dauerpräsente Musikstück "Aquarela do Brasil" oder die Actionszenen sind es, die im Kopf des Zuschauers nachhaltig haften bleiben: Es sind die aktuellen Bezüge, die der Satire einen verstörenden Charakter verleihen. Denn der bürokratische Irrsinn und der Schönheitswahn kommen einem knapp 25 Jahre nach der Premiere des Films erschreckend bekannt vor.
Annekatrin Liebisch
In seinen Träumen sieht sich Sam Lowry (Jonathan Pryce) als geflügelter Ritter, der seine Traumfrau befreit. (ZDF / David Appleby Kineos / TaurusMedia)
Jill (Kim Greist) ist der Fleisch gewordene Traum von Sam. (ZDF / David Appleby Kineos / TaurusMedia)
Gemeinsam mit Terrorist Harry Tuttle (Robert De Niro, links) kämpft Sam (Jonathan Pryce) gegen den bürokratischen Wahnsinn. (ZDF / David Appleby Kineos / TaurusMedia)
Datum: 23.06.2008
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