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Sido

Die Maske sagt auch was

Rapper Sido

(tsch/wh) Sido ist der vielleicht umstrittenste Rapper Deutschlands. Während ihm „Die Zeit“ am Anfang seiner Karriere eine Doppelseite widmete, auf der er als Intellektueller dargestellt wurde, schimpften viele über seinen „Skandalrap“ und verglichen ihn mit Gangster-Rappern wie Bushido und Flair. Dass er viel mehr als das ist, scheint manchen immer noch nicht klar zu sein. Was man alles über ihn ablässt, scheint dem kontroversen Künstler jedoch relativ egal zu sein. Er freut sich ganz einfach darüber, dass er nun in der „Popstars“-Jury sitzen wird, wogegen der deutsche Kinderbund selbstverständlich protestierte. Wie vorhersehbar. Vielleicht freut er sich gerade deshalb so. Auch sonst läuft es gut mit Sidos Karriere: Mit seiner neuen Platte „Ich und meine Maske“ ist der Rapper erfolgreich wie immer. Sie schoss an die Spitzenpositionen der deutschen Charts.

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teleschau: Sido, erst mal Gratulation zur ersten Nummer eins. Du hast Mark Medlock geschlagen - einigermaßen überraschend!

Sido: Das hätte ich die ersten zwei, drei Tage auch gedacht. Aber es war klar, dass es eng werden würde. Bisher konnten wir immer ganz gut einschätzen, wo wir in den Charts landen würden. Aber wer diesmal Nummer eins wird, Mark Medlock oder ich - das war ein richtiger Battle! Der hatte halt mit "DSDS" Promo über ein halbes Jahr und war ständig im Fernsehen. Alles gut ausgeklügelt von Dieter Bohlen und seinem komischen Team.

teleschau: Du selbst wirst in der "Popstars"-Jury zu sehen sein. Mal ehrlich, ist das besser?

Sido: Die haben mich gefragt, ob ich Bock hätte, und ich habe Bock. Ich saß früher jedes Mal, wenn das kam, vor meinem Fernseher und hab' den angeschrien, weil da immer so beschissene Weiber weiterkommen. Ich kann das jetzt endlich Mal live und direkt sagen.

teleschau: Willst Du der Bösewicht sein? Vermutlich ist das die Rolle, die Dir zugedacht ist.

Sido: Nein, das will ich nicht. Ich will einfach der Typ sein, der ehrlich ist. Es wird keine ungerechterweise weiter kommen.

teleschau: Bisher definierten sich die Gewinner vor allem dadurch, dass sie allerhöchstens mittelmäßig waren. Glaubst Du, Du wirst das ändern können?

Sido: Das werden wir sehen. Ich werde da auf jeden Fall meine Hand drauf halten und schauen, dass mein Produzententeam da auch mitmachen und den ein oder anderen Song beisteuern kann. Der Rest wird sich zeigen. Klar, es kann sein, dass Deutschland langsam leergecastet ist. Aber es wird 'ne Mädchenband. Da kommt's nicht nur auf den krassen Gesang an. Die Band muss auch sexy sein und cool. Das hat man bei den No Angels gesehen, die haben ja auch nicht alle die Superstimmen. Beim "Eurovision Song Contest" hat eine gut gesungen, der Rest war schief. Ich denke halt, ich habe insgesamt ein gutes Auge dafür, was erfolgreich sein könnte oder nicht.

teleschau: In einem Deiner Songs versucht eine Umweltaktivistin mit Dir über Wale zu sprechen. Passiert das häufig?

Sido: Naja, nein. Aber das ist schon vorgekommen, dass da so Ökos gesagt haben, ich sollte doch mal was sagen, weil man mir ja zuhört. Dass die mir erklären, über was ich alles reden könnte, und ich könnte doch die Welt retten mit meinen Platten. Aber das ist Unsinn, wie ich in dem Song ja auch sage. Als ob ein einzelner Typ da was bewegen könnte! Hey, diese ganzen "Live Aid"-Geschichten, die haben noch keinen einzigen Zentimeter Regenwald gerettet. Aber mittlerweile wissen die meisten Leute, dass sie mich nicht fragen müssen. Ich kriege auch keine Charity-Anfragen mehr.

teleschau: Versuchen sich denn generell Menschen, mit Dir über Deine Texte zu unterhalten? Was sagen die Berliner zu Sido auf der Straße?

Sido: Die sagen: "Hey krass. Sido, Mann!", oder so. Ansonsten erkenne ich nur, dass eben die Radiosender Vorbehalte haben. Die wollen halt zum Beispiel eine Clean-Version von "Halt dein Maul", weil da Angela Merkel beleidigt wird.

teleschau: Würde eine Clean-Version von "Halt dein Maul" funktionieren? Das Lied definiert sich ja darüber, dass es nicht clean ist.

Sido: Ach, das geht schon. Da wird die Textzeile halt überblendet oder so. Wenn die das unbedingt wollen, sollen sie es haben. Diese ganze Scheiße ist mir so lange egal, wie es auf dem Album nicht zensiert wird. Und da spricht mir keiner rein. Ich schreibe es, und es ist auf der Platte. Aggro Berlin würde den Teufel tun und mir da reinreden. Es war von Anfang an klar, dass ich da alle Freiheiten hätte.

teleschau: Überlegst Du, wie weit Du gehen kannst?

Sido: Natürlich. Ich habe schon darüber nachgedacht, ob Angela Merkel hören wird, dass ich sie als Schlampe bezeichne. Und ich will, dass sie es hört, deswegen ist der Satz auf der Platte. Das ist eben, was ich über sie zu sagen habe.

teleschau: Kam es schon einmal zur Konfrontation mit der Politik? Bei Anne Will oder Sandra Maischberger hat man Dich noch nie gesehen ...

Sido: Ich bin da schon öfter mal eingeladen gewesen. Aber ich wurde immer kurz vor der Sendung wieder ausgeladen, offenbar wurde es ihnen dann doch zu heikel. Nur bei "Kerner" habe ich abgelehnt. Ich wäre vermutlich der Nächste gewesen, der da einfach rausgegangen wäre.

teleschau: Glaubst Du, so ein Gespräch könnte produktiv sein?

Sido: Vielleicht bei irgendwelchen ehemaligen Politikern. Die sind ja manchmal ganz cool und haben wieder ein Ohr. Aber wenn die in der Regierung sitzen oder im Bundestag oder so: auf keinen Fall. Die hören Dir vielleicht zu, aber es geht links rein und rechts wieder raus. Das habe ich gesehen, als ich einmal mit Monika Griefhahn diskutiert habe. Da ist einfach keine gemeinsame Basis da. Die hat ihren Standpunkt und rückt davon keinen Zentimeter ab, da kannst Du ihr sagen, was Du willst.

teleschau: Du schiebst mit dem Albumtitel das Kontroverse, das Fiese in Deinen Songs auf die Maske. Was bedeutet sie für Deine Musik - ihre Rolle scheint kleiner zu werden ...

Sido: Die Maske bedeutet immer noch sehr viel für mich, weil sie mich dahin gebracht hat, wo ich bin, weißt Du? Aber die meisten Ausrutscher, die ich so geschoben habe, da hat sie mich gelenkt. Das Ding ist: Ich hör' sie reden. Ihr hört sie nicht. Sie sagt mir was ich tun soll. Auch wenn's mir schwer fällt, zu tun, was sie sagt ...

(Sido, an unbekannte Person im Hintergrund: "Wirklich, soll ich das jetzt machen? Nein, das geht nicht.")

Sido: Du bist ein Wichser, soll ich sagen.

(Sido: an unbekannte Person im Hintergrund: "Jetzt hab ich's doch gesagt. Jetzt reicht's!")

teleschau: Wie viele Masken hast Du?

Sido: Die silberne Maske ist einmalig, aber wir haben jetzt eine schwarze Maske dazugekauft.

teleschau: In "Augen auf" und "Schule" hat die Maske nichts mehr zu melden ...

Sido: "Augen auf" ist eine besondere Geschichte. Ich wollte einen Song machen, der so zum Mitschunkeln ist. Den man sich einfach anhören kann, weil die Melodie schön ist. Und auch Kinder sollten die Melodie verstehen können. Und wichtig war halt, dass er über Kinder geht, über Erziehung. Das soll so eine Art Mahnung, so eine Art Therapie sein, übrigens auch für mich selber. Ich bin auch Vater, und ich mache auch nicht immer alles richtig. Darüber muss ich mir oft klar werden, dass ich die Aufsichtspflicht über mein Kind habe.

teleschau: War es schwierig, einen geeigneten Kinderchor zu finden?

Sido: Das sind die Gropius-Lerchen aus Berlin. Ich war bei den Aufnahmesessions dabei, und die fanden das extrem gut. Es waren witzige Kinder, und auch die Eltern waren cool und fanden es eine gute Idee. Aber wir haben vorher diverse andere Kinderchöre angefragt, die hatten alle keinen Bock drauf. Die haben schon abgeblockt, als sie meinen Namen hörten - obwohl sie vermutlich keinen einzigen Song kannten. Die haben das Lied nicht mal angehört.

teleschau: In "Schule" hast Du O-Töne von Kids drinnen - die klingen wenig hoffnungsvoll. Wo hast Du die her?

Sido: Ich habe einfach einen der Aggro-Berlin-Leute mit der Kamera da hingeschickt. Der hat Leute gefilmt, die einfach gesagt haben, was ihnen so zum Thema Schule einfällt. Und all die, die bereit waren, da mitzumachen, die haben wir verwendet. Ich wusste, dass dabei so etwas rauskommt, dass genau so etwas gesagt wird.

teleschau: Hättest Du als Jugendlicher Ähnliches gesagt?

Sido: Während meiner Schulzeit vermutlich schon. Aber als Jugendlicher siehst Du die Dinge eben noch anders. Ich habe die Schule nicht ernst genommen, und das kann einfach ein Fehler sein.

teleschau: Was müsste man ändern? Wie würden es Jugendliche ernster nehmen? Was würdest Du da den Politikern vorschlagen?

Sido: An unserem Schulsystem müsste was geändert werden. Da hat sich seit Jahren nichts getan. Es ist einfach viel zu festgezurrt. Ein System, nachdem Du lernst. Ein System, nachdem jeder Schüler erzogen wird. Wenn einer nicht so schnell lesen kann wie der andere, ist er gleich dumm und kriegt 'ne Sechs. Die Leute werden einfach nicht als Individuen gesehen.

teleschau: Du hast einen achtjährigen Sohn. Fängt man an, sich als Vater für solche Dinge verstärkt zu interessieren?

Sido: Nein, mein Freund. Das habe ich schon kurz nach meiner eigenen Schulzeit gemerkt. Das merkt man an sich selbst am allerschnellsten.

Jochen Overbeck


Sag's durch die Maske: Aggro-Rap-Star Sido.
Sag's durch die Maske: Aggro-Rap-Star Sido. (Universal)

"Ich und meine Maske" heißt das erste Nummer-eins-Album für Sido.
"Ich und meine Maske" heißt das erste Nummer-eins-Album für Sido. (Universal)

In "Halt dein Maul" beleidigt Sido Bundeskanzlerin Angela Merkel - und möchte, dass sie es hört.
In "Halt dein Maul" beleidigt Sido Bundeskanzlerin Angela Merkel - und möchte, dass sie es hört. (Universal)

Datum: 28.06.2008

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