(tsch/vm) Stets macht er schwere menschliche Schicksale zum Thema seiner Werke: Filmemacher Christian Wagner („Ghettokids“, „Transatlantis“) drehte 2006 „Stille Sehnsucht – Warchild“, ein ergreifendes Drama über eine junge Mutter aus Bosnien, die während des Krieges ihre Tochter verliert und sie später in Deutschland wieder findet. Doch statt der erwarteten Freude des Wiedersehens kommen Identitätskrisen und Probleme ans Licht, da die Tochter ein völlig neues (und glückliches) Leben in ihrer neuen Heimat lebt. Das an manchen Stellen etwas zu konstruiert wirkende Drama überzeugt durch die realistische Inszenierung seiner schwierigen Thematik und durch die hervorragende Hauptdarstellerin. ARTE zeigt „Warchild“ nun in der TV-Erstausstrahlung.
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Zunächst sieht man diese junge Frau. Sie hat einen Job, fährt Motorrad, treibt Sport, und abends geht sie Tanzen. Ein normales Leben. Scheinbar. Doch es spielt sich nicht nur vor einer vom Krieg versehrten Kulisse ab. Ein Foto in einer deutschen Zeitung reißt in Senada (Labina Mitevska) eine Wunde wieder auf, die auch Jahre danach nicht verheilen will.
Neun Jahre ist es her, dass Senada ihre damals zweijährige Tochter Aida in den bosnischen Kriegswirren verlor. Das Kind sollte in Sicherheit gebracht werden - dann war es verschwunden. Neun Jahre lang lebte die Mutter in dem Glauben, es sei tot. Da bekommt sie ein Kriegskinder-Foto in einer deutschen Zeitung zu Gesicht, und das weckt in ihr die unbeirrbare Hoffnung, dass auch ihre Tochter noch leben könnte - irgendwo in Deutschland.
Senada nimmt die Suche selbst in die Hand, reist illegal und gegen den Willen ihres Ex-Manns Samir (Senad Basic) nach Deutschland. Am Ende führt sie ihre Odyssee nach Ulm. Durch die hilfsbereite Frau Jandrasko (Katrin Saß) vom Jugendamt findet Senada hier schließlich heraus, wo ihre Tochter (Joelle Ludwig), die inzwischen Kristina heißt, lebt. Nicht nur ihr Name hat sich geändert. Es ist einer der schmerzvollsten Momente im Film, wenn Senada, die es nicht abwarten kann, bis die Mühlen der Behörden sich in Bewegung setzen, ihr Kind einfach anruft, es den Hörer abnimmt und seine eigene Muttersprache nicht mehr versteht. Kristina erkennt die Stimme der Mutter nicht, legt auf.
Senadas gesamtes, teils irrationales, teils halblegales Tun ist nachvollziehbar dem sehnsüchtigen Wunsch unterworfen, ihr Kind wiederzusehen. Doch ebenso wenig wie für sie ist das Mädchen auch für den Zuschauer greifbar. Nur aus der Ferne, von hinten oder in voller Hockey-Montur ist sie bis kurz vor Schluss zu sehen. Kristina wuchs auf als deutsches Mädchen, Adoptivtochter eines wohlhabenden Paares auf, dessen Leben durch Senadas Auftauchen ebenfalls erschüttert wird ("Uns wurde doch gesagt, die Eltern seien im Krieg ums Leben gekommen."). Sie ist fest verwurzelt und offensichtlich glücklich in Deutschland. Auch die Rechtslage spricht nicht für Senada. Allmählich muss auch ihr klar werden, dass ein Teil ihres Lebens unwiederbringlich fort ist ...
Was Christian Wagner hier beschreibt, ist nicht erfunden, es hat sich vielfach zugetragen. Wie viele reale Senadas und Samirs mag es geben, die nichts über den Verbleib ihres Kindes wissen. Und wie viele Aidas / Kristinas, die ein neues Leben leben. Der Regisseur bekam für sein Drama "Warchild", das auf einer wahren Begebenheit basiert, nicht nur den Spezialpreis des Bayerischen Filmpreises 2006 verliehen, sein Film wurde auch international ausgezeichnet.
Die leidvolle Geschichte der jungen Mutter und die Bilder verstören. An manchen Stellen mag sich der Eindruck einstellen, die Story sei überkonstruiert - insbesondere das melodramatische Ende. Doch die starken Emotionen und das Dilemma, die sie in sich birgt, kommen vor allem Dank Hauptdarstellerin Labina Mitevska nachhaltig zur Geltung.
Mona Petri
Senada (Labina Mitevska) hat sich nach Deutschland durchgeschlagen. (SWR / Julian Spandig)
Ihr Kind lebt! Senada (Labina Mitevska) begibt sich auf eine strapaziöse Suche. (SWR / Julian Spandig)
Frau Jandrasko (Katrin Saß, rechts) vom Jugendamt versucht, Senada (Labina Mitevska) die aussichtslose Rechtslage zu erklären. (SWR / Julian Spandig)
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