(tsch/cg) Tim Roth ist nicht unbekannt. Immerhin brillierte er in ein paar Filmen, die nun wirklich jeder kennt: etwa in „Pulp Fiction“, „Reservoir Dogs“ oder „Four Rooms“. Aber er steht für Independent-Kino. Umso mehr wundert man sich, wenn man seinen Namen auf der Besetzungsliste von „Der unglaubliche Hulk“ sieht: einer 125-Millionen-Dollar-Produktion, einem Blockbuster. Gleichzeitig startet in Deutschland noch ein Film mit ihm: Coppolas ungewöhnliches Low-Budget-Projekt „Jugend ohne Jugend“, in dem Tim Roth die Hauptrolle übernahm. Das passt schon besser ins Profil des Londoner Schauspielers. „Blockbusterkino braucht Mut“, merkt Roth während des Interviews an. Völlig richtig. Denn es kommen unangenehme Fragen auf ihn zu. Kommerz statt Charakterrollen? Hat er genug vom Underground? Er lacht. Und dieses Lachen hat nichts Nettes, sondern etwas, was schwer einzuordnen ist. Vermutlich Unsicherheit. Oder Arroganz.
Anzeige
Eine Arroganz, die - so hat es den Anschein - darauf gründet, dass Roth selbst nicht genau weiß, wie er damit umgehen soll. Der frühe Herbst ist bei ihm jedenfalls golden. Und unser Sommer ist ein einziges Tim-Roth-Special. Nach seinem Auftritt in Michael Hanekes "Funny Games U.S." als terrorisierter Familienvater startet zeitgleich zum unglaublichen "Hulk" das Franics-Ford-Coppola-Drama "Jugend ohne Jugend".
Der knapp 70-jährige Oscar-Preisträger und Regisseur des "Paten" gab Tim Roth die anspruchsvolle Hauptrolle, lässt ihn 124 Minuten lang nicht aus den Augen. Eine Ehre, derer sich der schon sehr lange in Los Angeles ansässige Schauspieler als würdig erwies. Das mit dem Sommerspecial gefällt ihm. Er lacht. Diesmal klingt es, als freut er sich. Das passiert selten. Die ihm eigene Bescheidenheit, gepaart mit seinem unglaublichen Pessimismus, verbietet ihm dies meist.
Dabei wird er gerade in Deutschland auch künftig im Mittelpunkt des Interesses stehen. Zurzeit steht er in Kanada für die Neuverfilmung des Jack-London-Abenteuers "Der Seewolf" vor der Kamera, gemeinsam mit Sebastian Koch und Tobias Schenke. Aufttraggeber der internationalen Koproduktion ist das ZDF. Doch zunächst wird "Der unglaubliche Hulk" für ihn einen weiteren Popularitätsschub bedeuten. In den USA startete der Film furios.
teleschau: "Hulk"-Regisseur Louis Leterrier bot Ihnen die Rolle des Emil Blonsky an. Sehen Sie das als größten Fisch, den sie bisher an Land gezogen haben?
Tim Roth: Nein, eigentlich nicht. Das ist zwar eine große Studioproduktion und Marvel ist eine erfolgreiche Marke, aber ich finde es durchaus vergleichbar mit Tim Burtons "Planet der Affen". Der Emil Blonsky ist für mich allerdings eine ungewöhnliche Rolle.
teleschau: Warum?
Roth: Naja, weil ich im Normalfall nicht für solche Blockbuster besetzt werde. Ich bin nicht der Typ Schauspieler. Aber "Hulk" war wirklich ein großer Spaß, denn ich wollte mal so eine Rolle spielen. Herumrennen und mit Maschinengewehren hantieren - großartig (lacht). "Hulk" hat sich eigentlich angefühlt, als drehten wir einen Independentfilm, aber mit sehr viel Geld. Eine tolle Mischung!
teleschau: Was war das Aufreibendste an dieser Rolle?
Roth: Der Regisseur wollte mich, Marvel hingegen nicht (lacht). Wie gesagt, es war eine unorthodoxe Wahl. Jetzt allerdings sind sie glücklich mit dieser Entwicklung. Normalerweise nimmt man einen großen Namen, ich aber stehe für Independent. Sie haben da einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Den Mut braucht das Blockbusterkino. Und letztlich zahlt es sich aus, Charakterdarsteller zu nehmen.
teleschau: Gab es noch mehr Anstrengendes an der Rolle?
Roth: Das Rennen - ich musste wirklich fit sein für viele Szenen. Aber dafür waren wir auch an wunderschönen Drehorten von Kanada bis Brasilien.
teleschau: Sie sind nicht nur gerade mit drei Produktionen im Kino zu sehen, sie drehen in diesem Jahr bereits wieder und haben sowohl für 2009 als auch für 2010 jeweils schon zwei Projekte fix, unter anderem unter der Regie von Quentin Tarantino. Wann atmen Sie?
Roth: Wenn "Hulk" rauskommt, geh ich in den Urlaub. Aber so viel ist das gar nicht: Als Schauspieler drehe ich sechs Wochen, dann vielleicht noch mal acht, und ich bin durch. Schon stehen da zwei Projekte drin. So ein Dreh wie "Hulk" ist mit fünf Monaten schon sehr lang, aber immer noch eine verhältnismäßig kleine Aufgabe im Gegensatz zur Regie.
teleschau: War demnach ihr Regie-Debüt "War Zone" ihr großer Erfolg?
Roth: Ein Film wird zum Erfolg, wenn die Presse und das Publikum ihn mögen (lacht). Wenn es um die persönliche Wertigkeit geht, steht "War Zone" oben auf der Liste.
teleschau: Werden Sie wieder Regie führen?
Roth: Wenn die Kinder mit der Schule fertig sind. Denn Regie bedeutet zwei Jahre, die du auf deine Familie verzichtest, vom Schreiben zur Postproduktion. Und dann muss ich loslaufen und ihn verkaufen. Wenn die Kinder im College sind, kann ich da ran.
teleschau: Sie dürften aber auch mit Ihrem Job als Schauspieler in den letzten Jahren durchaus zufrieden sein, oder?
Roth: Wenn der Dreh beendet ist, liegt nichts mehr in deiner Gewalt. Was der Regisseur oder nur der Schnitt aus den Szenen machen, entzieht sich meinem Einfluss. Es ist nie dein Film, sondern der des Regisseurs.
teleschau: Worauf reduziert sich dann Ihr Part?
Roth: Ich komm rein, bringe Ideen mit, bleibe wach und habe hoffentlich brauchbare Vorschläge, mit denen ich so nah wie möglich rankomme an die Vorstellung, die der Regisseur im Kopf hat.
teleschau: Sind Sie dabei gerade sehr erfolgreich, oder haben Sie eine andere Erklärung für Ihre neue Beliebtheit?
Roth: Ich habe keine Erklärung dafür. Ich mach eben immer weiter. Eine gewisse Beliebtheit wäre mir recht, damit ich weiterhin Arbeit habe. Vielleicht kommt auch ein neues Angebot aus Deutschland, das wäre schön.
teleschau: Sie haben ja tatsächlich bis vor einer Weile noch ab und zu als Barkeeper gearbeitet ...
Roth: Ja, habe ich, bis die Presse es herausfand, und dann war es vorbei mit dem Spaß, derweil es der Journalist natürlich an die große Glocke hängen musste.
teleschau: Der Hund.
Roth: So seid ihr.
Claudia Nitsche
In "Jugend ohne Jugend" von Regisseur Francis Ford Coppola spielt Tim Roth den alternden Linguistik-Professor Dominic Matei. (2007 Sony Pictures Releasing GmbH)
Tim Roth spielt Emil Blonsky, Hulks stärksten Gegner. (2008 Concorde Filmverleih GmbH)
Tim Roth, 1961 in London geboren, drehte Blockbuster wie mutige, kleine Filme gleichermaßen. Demnächst ist er an der Seite von Sebastian Koch im TV-Zweiteiler "Der Seewolf" zu sehen. Nun tobt er in "Der unglaubliche Hulk" (Kinostart: 10.07.) über die Leinwand. (2008 Concorde Filmverleih GmbH)