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A History of Violence, von David Cronenberg

A History of Violence

(tsch) Der kanadische Filmemacher David Cronenberg war immer schon für einen Skandal gut. Beispielsweise 1996 in Cannes. Damals hätte wohl so mancher konservative Festivalberichterstatter gerne wieder die Prügelstrafe eingeführt. Grund der Empörung war "Crash", eine radikale Utopie, die einen gewagten Zusammenhang zwischen erotischer Besessenheit und spektakulären Autounfällen herstellt. Jury-Präsident Francis Ford Coppola war hingegen begeistert, sah den Wettbewerbsbeitrag mit anderen Augen und zeichnete ihn mit dem Spezialpreis der Jury aus - wegen "Originalität, Wagemut und Dreistigkeit". Mit genau dieser Begründung hätte man den Regisseur auch dieses Jahr an der Côté d'Azur ohne weiteres belohnen können, für "A History of Violence", einen makellos umgesetzten Rachethriller, der in seiner lapidaren Geradlinigkeit verblüfft.

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Nichts erinnert hier mehr an Cronenbergs High-Tech-Schocker "Die Fliege" oder "eXistenZ", es fehlt das Absurde von "Naked Lunch" und "Spider", das Makaber-Perverse seiner frühen Horrorfilme "Parasiten-Mörder" und "Rabid - Der brüllende Tod". Und doch ist diese Adaption des gleichnamigen Comic-Romans von John Wagner und Vince Locke Cronenberg pur.

Es geht im Kern, wie bei ihm immer, um die Suche des Menschen nach sich selbst, um das Ringen nach Identität, ums Bewusstwerden der eigenen Person. In diesem Fall heißt der Suchende Tom Stall, der vom "Herr der Ringe"-Helden Viggo Mortensen mit enormer Glaubwürdigkeit gespielt wird. Als braver Familienvater und vorbildlicher Gatte betreibt er in der US-Kleinstadt Millbrook den örtlichen Diner. Sein Leben verläuft in geordneten Bahnen - bis er in Notwehr zwei brutale Räuber erschießt. Die Medien feiern ihn als Helden, Ehefrau Edie (hemdsärmelige Traumfrau: Maria Bello aus "Das geheime Fenster") kann ihren Stolz kaum verbergen.

Da taucht der mysteriöse Carl Fogarty (stets souverän: Ed Harris) im Coffee Shop auf, behauptet in Tom einen gewissen Joey Cusack zu erkennen. Einen Bekannten aus alten Tagen, den er für seine entstellende Gesichtsverletzung verantwortlich macht, einen skrupellosen Ex-Gangster, mit dem er eine Rechnung offen hat ...

Vom Biedermann, der möglicherweise ein Brandstifter ist, vom zahmen Jedermann, der in Wahrheit eine Killermaschine sein könnte, handelt diese "Fallstudie in Sachen Gewalt", diese Bloßstellung eines Individuums, dessen Dasein Mord und Totschlag prägen. Wie Tom über Nacht den Boden unter den Füßen verliert, wie die Vergangenheit in der Gegenwart Einzug hält und wie Liebe in Hass, Toleranz in Unverständnis umschlägt, davon "handelt" dieses gnadenlos konsequente Drama, dieses Psychogramm eines Verdammten. Mit unerbittlicher Präzision läuft die Geschichte nach dem stimmigen Drehbuch von Josh Olson ab, emotionslos abgelichtet von Cronenbergs blicksicherem "Hauskameramann" Peter Suschitzky ("Die Unzertrennlichen").

Vom Himmel in die Hölle führt die Reise des (Anti-)Helden, der mit Mühe überlebt, während er innerlich stirbt. Gemeinsam sitzt die Familie noch zum Schein am Tisch, das Sein wird aber längst von den Schatten der Vergangenheit bestimmt.

Hat man David Cronenberg häufig vorgeworfen, seine Werke seien zu verklausuliert, zu kopflastig, gibt es hier nichts, was es nicht zu verstehen gibt. An der Oberfläche "unterhält" der Regisseur, spult seinen Plot konsequent ab, überrascht durch Ausbrüche extremer Gewalt und befriedigt des Zuschauers Bedürfnis nach "Gerechtigkeit". Doch zwischen den Bildern, wenn er über Ursache und Wirkung von "violence" räsoniert, Familienstrukturen erforscht und in seelische Abgründe abtaucht, dann erweist sich der Mann aus Toronto als existenzialistischer Autorenfilmer reinsten Wassers.

Dann gibt es keine Eindeutigkeiten mehr, kein Richtig oder Falsch, kein Recht und kein Unrecht. Die Welt ist kompliziert, komplex, das biblische Prinzip von Gut und Böse hat sich seit Kain und Abel nicht mehr verändert. "The Artist As a Monster" hat William Beard 2001 seine kritische Annäherung an Cronenberg und dessen Werk betitelt. Richtiger wäre vielleicht: "The Artist Is a Monster" - eins, auf das wir im Kino weder verzichten möchten noch können!

Gebhard Hölzl

Credits:
V:Warner, USA / CDN 2005, R: David Cronenberg, D: Viggo Mortensen, Ed Harris, Maria Bello u.a.


Café-Besitzer Tom Stall (Viggo Mortensen) muss aus Notwehr zwei Räuber erschießen.
Café-Besitzer Tom Stall (Viggo Mortensen) muss aus Notwehr zwei Räuber erschießen. (2005 Warner Bros. Ent.)

In der Kleinstadt Millbrook fühlt sich Edie (Maria Bello) mit Ehemann Tom und ihren zwei Kindern sehr wohl.
In der Kleinstadt Millbrook fühlt sich Edie (Maria Bello) mit Ehemann Tom und ihren zwei Kindern sehr wohl. (2005 Warner Bros. Ent.)

Als Carl Fogarty (Ed Harris) im Café auftaucht, ändert sich Toms Leben schlagartig.
Als Carl Fogarty (Ed Harris) im Café auftaucht, ändert sich Toms Leben schlagartig. (2005 Warner Bros. Ent.)

Datum: 09.10.2005

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