Die fetten Jahre sind vorbei
Die fetten Jahre sind vorbei(tsch/vm) Wir leben in einer Zeit, die arm an Idealen ist. Wir leben in einer Zeit, in der sich keiner mehr für Politik interessiert, solange er sich ein Auto und einen Fernseher leisten kann. Und es ist eine Zeit, in der Punks richtig lächerlich aussehen. Das geben selbst Punks zu. „Unsere große Depression ist unser Leben“, sagte Tyler Durden in „Fight Club“. Damit hatte er gar nicht so Unrecht. Also, was tun, damit etwas passiert? Was tun, um sich wenigstens ein bisschen wie ein besserer Mensch zu fühlen? Regisseur Hans Weingartner weiß es nicht. Die Protagonisten seines Films „Die fetten Jahre sind vorbei“ (2004) jedoch glauben, zumindest eine Zeitlang, die Antwort zu wissen. Dann kommt es aber doch ganz anders. Die ARD wiederholt den umjubelten Film Weingartners („Free Rainer - Dein Fernseher lügt“) im Rahmen der Reihe „Debüt im Ersten“. Anzeige "Erster Schritt: Unrecht erkennen. Zweiter Schritt: Verbündete suchen", sagt Weingartners idealistisch-naiver Protagonist Jan (Daniel Brühl), der mit Jule (Julia Jentsch), der Freundin seines Kumpels Peter (Stipe Erceg), eine heimliche Liebesbeziehung hat. Als Jan und Jule alleine bei einem Bonzen, mit dem Jule eine 100.000-Euro-Rechnung offen hat, einbrechen, überrascht Top-Manager Hardenberg (Burghardt Klaußner) die Eindringlinge. In ihrer gewaltlosen Ratlosigkeit rufen sie Peter zu Hilfe und entführen den Hausherren in eine Tiroler Berghütte. Was nun folgt, ist keine Entführungs- oder Beziehungsgeschichte, sondern vor allem ein Film über jugendliche Rebellion, die Gegensätze der Generationen und die Überlebenschancen von Idealen in einer entpolitisierten Gesellschaft. Es ist ein Kulturkampf, bei dem der im Establishment angekommene Ex-68er die besseren Argumente hat. Nicht von ungefähr, denn während sich Jan, Jule und Peter noch mit Beziehungsproblemen herumschlagen und mit naiven Parolen das Fehlen einer notwendigen Theorie kaschieren, kennt Hardenberg das politische und durchdachte Fundament, das im Mai 1968 zu den letzten Revolten in (West-) Deutschland führte. In seiner Jugend ist Hans Weingartner ein wenig enttäuscht durch die Welt gestolpert. Er wollte gerne die Welt verbessern, sich einer politischen Bewegung anschließen. Allein, es gab keine. Zumindest keine, die Sinn machte. So hatte der Österreicher zwar eine Menge Ideale, aber keine Möglichkeiten, dafür zu kämpfen. "Die fetten Jahre sind vorbei" musste deshalb ein wenig als Ersatz herhalten. Sein Film, der bei den Filmfestspielen von Cannes mit Standing Ovations gefeiert wurde, ist eine ebenso intelligente wie amüsante Reflektion der eigenen Jugend geworden, die keine Erfüllung durch eine Rebellion kannte. Als nächsten Beitrag in der Reihe "Debüt im Ersten" zeigt die ARD am Montag, 21. Juli, das Drama "Die blaue Grenze", gefolgt von "Wahrheit oder Pflicht" am Montag, 28. Juli. (beide 22.45 Uhr). Andreas Fischer |
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